Hat ein 49-Jähriger aus dem Landkreis seiner Noch-Ehefrau im Verlauf eines Streits in der gemeinsamen Wohnung eine Tasse heißen Tee über Oberarm und seitlichen Brustbereich gegossen? Oder haben sich die Zeugin und Nebenklägerin die Verbrühungen selbst zugefügt? Diesen Fragen geht das Amtsgericht derzeit nach.
Der Staatsanwalt warf dem Angeklagten in der gestrigen Gerichtsverhandlung vor, der Ehefrau ihre Handtasche und den Autoschlüssel weggenommen zu haben, um sie so zur Unterschrift der gemeinsamen Steuererklärung zu nötigen. Dabei sei es auch zu der Tee-Attacke gekommen. Als die 50-Jährige die Polizei zu Hilfe rufen wollte, habe der Angeklagte vorsorglich die Telefonleitung unterbrochen. Ein Arzt- und ein Krankenhausbesuch bestätigten später die Verbrennungen ersten und zweiten Grades - für die Staatsanwaltschaft ausreichend, um Anklage wegen gefährlicher Körperverletzung, Bedrohung und Nötigung zu erheben.
Der Angeklagte hingegen versuchte Gericht und Staatsanwaltschaft deutlich zu machen, dass sich die Frau ihre mit Bildern belegten Verletzungen selbst zugefügt haben müsse. Er erklärte, er habe über das Internet eine Frau aus den neuen Bundesländern kennen gelernt. Diese biete das Indianische Schwitzhüttenritual an, das ihn fasziniere, weshalb er Kontakt aufgenommen und auch seine Ehefrau mehrmals zur Teilnahme eingeladen hatte. Mit einem Freund habe er dann irgendwann in Leipzig zu tun gehabt und dabei einen Abstecher zu dieser Bekanntschaft unternommen.
Hinterher habe seine Frau dann das Kochen, Waschen und Einkaufen verweigert und ihn sogar ausgesperrt. "Das war wegen der krankhaften und unbegründeten Eifersucht keine Ehe mehr", stellte der Angeklagte fest und räumte ein, seiner Frau Handtasche und Autoschlüssel weggenommen zu haben, um die Unterschrift zu erzwingen. Dabei habe er ausdrücklich auf den Schaden und die Folgen hingewiesen, sollte sie die Unterschrift weiter verweigern. Es sei zu einer Schubserei gekommen, während dieser er seinen Tee ausgekippt habe. Dabei habe er auch selbst etwas abbekommen, sich dabei aber nicht verletzt. "So heiß kann der Tee also nicht gewesen sein."
Für Richter Marc Betz zeigten die ihm vorliegenden Bilder etwas anderes. Unverständlich für den Angeklagten, denn die Verletzte sei ja noch zur Arbeit gegangen und habe den Arzt erst später konsultiert. Er traute seiner Frau zu, sich die Verletzungen selbst zugefügt zu haben. Aus seiner Zeit beim Bund wisse er, dass es Salben gebe, mit denen sich ähnliche Verletzungen vortäuschen ließen.
Auch Richter Betz bekam seine Zweifel. Er nannte es ungewöhnlich, dass nicht mehr kochender Tee durch die Kleidung hindurch solche Narben hinterlasse, wie sie die Prozessbeteiligten im Richterzimmer in Augenschein nehmen konnten.
Als Zeugin schilderte die Ehefrau, wie ihr Mann die Unterlagen der Steuererklärung über den Tisch geworfen und die Unterschrift gefordert habe. Sie habe sich geweigert, wollte erst den Inhalt der Erklärung lesen. Der heiße Tee habe sie aus vielleicht einem Meter Abstand an der Schulter getroffen, dabei habe sie ihren Arm zur Abwehr gehoben. Nach der Attacke sei sie völlig schockiert zur Arbeit gegangen. "Ich habe sogar die nasse Kleidung anbehalten." Erst auf Anraten ihrer Mutter sei sie abends - noch immer recht verwirrt - zum Arzt gegangen, der sie weiter in die Klinik schickte.
Die Zeugin beschrieb sich als nicht eifersüchtig, schließlich habe man sich in der Ehe viel Freiraum gelassen.
Die Verteidigern wollte genau wissen, wo der Tee ausgeschüttet wurde, in der Küche, im Wohnzimmer oder im Flur und ob die Arbeitskollegin von der Verletzung etwas mitbekommen habe. Der Angeklagte bat, ergänzende Fragen stellen zu dürfen, die Richter Betz aber schnell unterband, da sie das Verfahren kaum berührten. Der Beschuldigte legte jedoch unermüdlich nach und versuchte, die Flugbahn des Tees zu beschreiben, die Verletzungen wie auf den Bildern ausschließe.
Allmählich wurde es dem Vertreter der Staatsanwaltschaft zu bunt. Er nannte es unerträglich, wie Opfern selbst verursachte Körperverletzungen unterstellt werden und dachte laut über eine Ausdehnung der Anklage auf schwere Körperverletzung nach.
Die Selbstverletzung wollte die Verteidigerin zumindest nicht ausschließen. Für sie war die Herkunft der Verletzungen nicht mit dem heißen Tee erklärbar.

Fortsetzung folgt


Der Angeklagte blätterte in seinem umfangreichen Ordner und legte nach, dass die Zeugin im Gewaltschutzverfahren andere protokollierte Angaben gemacht habe. Er lehnte die Vernehmung des als Zeugen geladenen Polizeibeamten ab, denn der könne nur erzählen, was ihm die Zeugin aufgetischt habe. Richter Betz unterstrich jedoch, dass für ihn nur zähle, was in der Hauptverhandlung vorgetragen werde. Da die Zeit jedoch langsam knapp wurde, blieb als einzige Möglichkeit, die Sitzung zu unterbrechen. Sie soll am 7. Mai um 10 Uhr fortgesetzt werden. Dann kommen die beiden Ärzte in den Zeugenstand. Über die Staatsanwaltschaft soll zudem die Wohnadresse der Arbeitskollegin der Geschädigten herausgefunden werden. Die nämlich hatte der Arbeitgeber unter Hinweis auf den Datenschutz gegenüber der Verteidigerin nicht herausgerückt.