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Wenn Pflege glückselig macht

Der Pflegebedarf im Landkreis ist hoch – aber nicht in allen Bereichen gedeckt
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Die 94-jährige Barbara Werst hat ihr Glück im Betreuten Wohnen des Altenbetreuungszentrums in Iphofen gefunden. Bei Heimleiterin Susanne Feldhäuser und ihrem Team fühlt sie sich in guten Händen. Foto: Foto: Julia Volkamer

Es sind vor allem die Bilder an der Wand, die Barbara Werst ein Gefühl von Zuhause vermitteln. Ihre Familie ist darauf zu sehen, Kinder, Enkel, Urenkel. Sie sind in ganz Deutschland verteilt, und doch hat die 94-Jährige sie ganz nah bei sich. Und was sie außerdem hat, ist Sicherheit.

„Ich fühle mich hier rundum wohl und gut versorgt“, sagt die Seniorin. „Es war eine große Entscheidung, aber ich habe sie noch nie bereut.“ Offensichtlich hat Barbara Werst ihr Glück gefunden, hier, im Altenbetreuungszentrum in Iphofen. Und da ist sie nicht die Einzige. Ob Bewohner oder Patienten, Pfleger oder Leitende Angestellte – sie alle scheinen hier ein bisschen auf einer Insel der Glückseligen zu leben. Und das ist alles andere als selbstverständlich, wenn es um das Thema Altenpflege geht, auch im Landkreis Kitzingen.

Alle fünf Jahre ermittelt das Landratsamt zusammen mit einem Bamberger Sozialforschungsinstitut im Rahmen des seniorenpolitischen Gesamtkonzepts die aktuellen Zahlen der bestehenden Pflegeangebote und den Pflegebedarf im Landkreis Kitzingen. Dazu gibt es eine Prognose, die zwar überwiegend positiv ausfällt – aber eben nicht in allen Bereichen. Während vollstationäre Pflegeplätze zur Genüge verfügbar sind und auch in naher Zukunft sein werden, fehlen im Bereich der teilstationären und ambulanten Pflege auf längere Sicht die Plätze. „Jeder möchte, so lange es geht, daheim bleiben“, weiß Herbert Köhl, der Leiter der Fachstelle für Bürgerschaftliches Engagement und Seniorenfragen im Landratsamt. Zudem hat die Bundesregierung mit ihrer Pflegereform, die seit dem 1. Januar in Kraft ist, den Grundsatz „Ambulant vor stationär“ geprägt und forciert mit Zuschüssen für pflegende Angehörige, aber auch für die Einrichtungen selbst, ihre Durchsetzung.

Da verwundert es nicht, dass in den letzten Jahren immer wieder Projekte wie das Betreute Wohnen in Marktsteft oder in der Kitzinger Siedlung umgesetzt wurden. Und dass immer mehr private Anbieter ambulanter Pflege auf dem Markt aufgetaucht sind. Zusätzlich bieten viele wohltätige oder kirchliche Träger in ihren Senioreneinrichtungen Tagespflege an – wie es auch die Diakonie in Markt Einersheim plant. „Nur so kann es funktionieren“, sagt Helmut Witt, ehrenamtlicher Vorstand des Verbandes der Deutschen Alten- und Behindertenhilfe in Bayern. „Die Tagespflege ist schlecht refinanziert und damit als eigenständige Einrichtung schwer zu halten.“ Dass die Notwendigkeit im Landkreis Kitzingen besteht, bezweifelt er nicht – zumal das Eintrittsalter von Senioren in die vollstationäre Pflege inzwischen bei rund 90 Jahre liegt.

Die hat Barbara Werst längst erreicht – und doch reicht ihr das Angebot, das sie im Betreuten Wohnen im Altenbetreuungszentrum nutzen kann, voll und ganz aus. Wenn sie einmal nicht selbst kochen möchte oder die Vorräte, die ihre Tochter am Wochenende in den Kühlschrank stellt, aufgebraucht sind, lässt sie sich von der hauseigenen Sozialstation etwas zu essen bringen oder nimmt am Mittagstisch im Nebengebäude teil.

Natürlich ging es ihr auch schon schlechter, der eine oder andere Sturz zwang sie, die Kurzzeitpflege in Anspruch zu nehmen. Und wenn es einmal so weit sein sollte, dass sie Vollzeitpflege braucht, möchte sie unbedingt einen Platz auf der Station im ABZ in Anspruch nehmen.

Susanne Feldhäuser kann ihr da im Moment allerdings noch keine Zusage geben, denn die Plätze in „ihrer“ Einrichtung sind komplett belegt – in allen Bereichen. Mit der Stadt Iphofen als Träger ist das Haus in der privilegierten Lage, alle Arten der Pflege anbieten zu können. Neben dem Betreuten Wohnen und der Lang- und Kurzzeitpflege gibt es auch die Sozialstation sowie eine Tagespflege-Einrichtung. Dort treffen sich maximal zwölf Senioren, manche kommen an drei, manche an fünf Tagen, sie haben unterschiedliche Pflegestufen und damit unterschiedliche Ansprüche.

Helene Scherm muss zum Beispiel jeden Morgen erst einmal ihre Zeitung lesen – und erzählt dann gerne interessante Geschichten aus ihrem 90 Jahre dauernden Leben. Da hören Hedwig Gerstner und Agnes Poschmann gespannt zu – auch wenn sie ein Altersunterschied von zehn Jahren trennt. Im Hintergrund setzt Schwester Jestina, ein Mitglied des Ordens der Carmeliterinnen, die sich in Iphofen niedergelassen haben, Tee auf und versorgt ihre Schützlinge mit Tassen, einem Kissen oder auch einmal einem Lächeln. So viel Zeit muss sein – und im ABZ haben sie die Zeit.

Während hier nämlich alle Stellen besetzt, in mancher Hinsicht sogar überbesetzt sind, suchen viele Einrichtungen händeringend nach qualifiziertem Personal. Schließlich gibt es eine Fachkraftquote, die je nach Zahl und Pflegestufe der zu Pflegenden immer wieder neu berechnet wird. Helmut Witt kennt das Problem und würde die Politik gerne in die Pflicht nehmen. „Die Pflege muss auch für das Personal attraktiver werden, nicht nur für die Angehörigen.“

Die Angehörigen von Barbara Werst sind mindestens so glücklich wie sie selbst mit der Situation. Außer dem regelmäßigen Besuch, einem Wohnungsputz oder auch der Versorgung mit dem Lieblingsgericht sind sie zum Großteil von Pflichten befreit. „Die Kinder wissen, dass es mir hier gut geht“, sagt die Seniorin. „Und ich freue mich, dass sie ihre Zeit für sich selbst nutzen können.“

Selbstverständlich ist ein solches Einverständnis nicht, aber in Zukunft müssen sich auch die Kitzinger Senioren und ihre Angehörigen diese Gedanken machen. Die Voraussetzungen, dass jeder die richtige Form der Pflege findet, sind im Landkreis jedenfalls geschaffen. „Der Landkreis Kitzingen ist in allen Bereichen der Pflege gut bis sehr gut versorgt“, steht zusammenfassend in der Bedarfsermittlung von 2016. „Dennoch ist mittel- bis langfristig in allen Bereichen ein Ausbau notwendig, wenn man das derzeit gute Niveau erhalten will.“

Pflege in Kürze

Formen Neben Lang- und Kurzzeitpflege mit voll- und teilstationärer Behandlung gibt es die ambulante Pflege (durch Sozialstation), die Tagespflege und das Betreute Wohnen.

Reform Seit dem 1. Januar 2017 gibt es nicht mehr Pflegestufen, sondern fünf Pflegegrade, die den Grundsatz „Ambulant vor stationär“ leichter umsetzbar machen sollen. Hier schüttet die Regierung Zuschüsse aus, um zum Beispiel baulich Vorkehrungen für die Pflege daheim zu schaffen.

Vorträge Von 5. bis 14 Mai findet die Aktionswoche „Zu Hause daheim“ statt. Das Landratsamt startet am 5. Mai, um 19 Uhr, im Gewölbekeller mit dem Thema „Leben und Wohnen im Alter“, am Mittwoch, 10. Mai, findet ein Beratungstag „Barrierefreies Bauen“ in der Fachstelle statt (Anmeldung erbeten) und am Samstag, 13. Mai, ist in der Markgrafen-Anlage in Marktsteft, In den Kehlen 1, von 14 bis 18 Uhr Tag der offenen Tür.

Infos gibt es bei der Fachstelle für Seniorenfragen im Landratsamt bei Herbert Köhl (Tel. 09321/9285010 oder herbert.koehl@kitzingen.de) oder im Netz unter www.kitzingen.de

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