Viel zu wenige Zuhörer kamen zur traditionellen Mai-Kundgebung des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) am Maifeiertag in die Alte Synagoge. Die Zuhörer im nur zu Hälfte besetzten Saal wurden von den Redebeiträgen der Landrätin Tamara Bischof (FW), des Oberbürgermeisters Siegfried Müller (UsW) und vor allem des Festredners Fritz Schösser (SPD) allerdings nicht enttäuscht.
"Es wurden vor allem die Brennpunkte angesprochen", fand Eugen Reifenscheid als Personalratsvorsitzender der Klinik Kitzinger Land. Den Kollegen in der Klinik mache beispielsweise Angst, wie Konzerne andere schlucken. Reifenscheid bewertete es als Skandal, dass die Politik die Übernahme von Gesundheitseinrichtungen durch Kapitalgesellschaften duldet.
Fritz Schösser erinnerte an das Programm der CDU in Nordrhein-Westfalen aus dem Jahr 1947, mit dem Konrad Adenauer Bundeskanzler wurde und zog damit Parallelen zur heutigen Politik. Gegen Lohndrückerei, Leiharbeit und unbezahlte Praktika werde auch 2012 nichts unternommen.
Viele Arbeitnehmer seien der Meinung, sie brauchten keine Lobby mehr. "Doch wer handelt das Gehalt aus, Urlaubsgeld, Weihnachtsgeld, Arbeitszeit, Prämien?" fragte Schösser.
Vor dem Hintergrund einer ungerechten Steuer- und Sozialpolitik seien tarifpolitische Erfolge dahingeschmolzen. Daher müsse das Wettrennen um die niedrigsten Löhne in Europa ein Ende haben.

Arbeit ist keine Ramschware


Schösser schrieb der Politik ins Stammbuch, dass Daseinsvorsorge in die politische und die öffentliche Hand gehöre und sonst nirgendwo hin. Eine Finanzkrise könne ansonsten alle Spar- und Anlageerfolge zunichte machen.
Die Wirtschaft ermahnte er, dass Arbeit der wertvollste Rohstoff, nicht aber Ramschware sei. Daher müsse für gleiche Arbeit gleicher Lohn gezahlt und Leiharbeit fair gestaltet werden. "Wir lassen es uns nicht gefallen, dass sich Arbeitgeber auf Kosten prekärer Arbeit die Taschen füllen und die sozialen Lasten an die Steuerzahler weitergeben", schimpfte Schösser.
"Wenn Lohn für angemessene Arbeit nicht mehr stimmt, dann macht Arbeit auch keinen Sinn mehr", stellte er fest und fand es ungeheuerlich, dass Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt offen damit drohe, gesetzliche Regelungen zu unterlaufen, wenn der Gesetzgeber das Problem Zeitarbeitnehmer angehe.
"Im Gesundheitswesen ist nie etwas Bleibendes gelungen, sonst würde sie nicht im Zweijahresrhythmus geändert", fand der Festredner. In Deutschland gelte das Sonderrecht, dass Krankenkassen nicht betriebswirtschaftlich geführt werden. Jetzt solle dieses Privileg über das Kartellamt unterlaufen werden.

Betroffenes Schweigen


Kaum seien die Einnahmen einmal höher als die Ausgaben, bediene sich Finanzminister Wolfgang Schäuble am Steuerzuschuss, werde von der Abschaffung der Praxisgebühr und einer Absenkung der Beiträge gesprochen. Ärzte, Krankenhäuser und Pharmaindustrie wollten zudem mehr Geld. Lediglich bei der Praxisgebühr wolle Schösser mit sich reden lassen, denn die sei sozial ungerecht, da nur Kranke und nicht Gesunde zahlen müssten. Auch im Bereich der Pflegeversicherung machte er Missstände aus.
Der mehr als einstündige Vortrag des Altgewerkschafters sorgte bei den Zuhörern für reichlich Beifall, streckenweise aber auch bei vielen Einzelheiten zu sozialen Themen für betroffenes Schweigen.
"Die beste Rede seit Jahren", lobte Alt-Oberbürgermeister Rudolf Schardt. Sein Kommen habe er nicht eine Minute lang bereut. Was gesagt wurde, sei gut verständlich und überzeugend rübergekommen, auch wenn jemand nicht zu den Fachleuten gehöre.
"Das war eine sehr spannende Rede, Fritz Schösser hat reihenweise Wahrheiten angesprochen", freute sich auch Ayfer Arayici, Integrationsbeauftragte bei ver.di. Sie beklagte, dass viele Politiker nur Lippenbekenntnisse verbreiteten, wenn es aber ums Geld gehe, Dumpinglöhne unterstützten. In Betrieben könnten beispielsweise Betriebskindergärten eingerichtet werden. Dafür gebe es sogar noch Subventionen. Dass Arbeitnehmerrechte, wie das Recht auf angemessene leistungsgerechte Bezahlung, mit Füßen getreten werden, sei in der Politik allgemein bekannt, nur handele niemand.
"Visionen sind in der Arbeitswelt wichtig, und genau die hat Fritz Schösser aufgezeigt", lobte Gudrun Pfannes, die das Geschehen als Musikerin der Knauf-Bergmannskapelle von der Bühne aus verfolgte. Reden seien oftmals langweilig, hier aber habe sie keine Sekunde Langeweile empfunden.
Landrätin Bischof hatte in ihrer Rede die niedrige Arbeitslosigkeit im Landkreis mit derzeit 3,4 Prozent betont. Viele verdienten dennoch so wenig, dass sie auch mit mehreren Jobs nicht über die Runden kommen. Sie bekam Beifall für ihre Forderung, dass Arbeitnehmer von ihrem Lohn auch angemessen leben können müssten. Das Tabuthema "Mindestarbeitslohn" bedeute, dass viele ins Ausland abwandern, um dort mehr zu verdienen.
Mit großer Sorge beobachte sie wie ein großer Konzern von einem noch größeren geschluckt werde. Mit Blick auf das Kommunalunternehmen Klinik Kitzinger Land hätte diese Befürchtung ganz konkrete Auswirkungen. Die Großkonzerne würden dann den Preis diktieren.

Kommunen schlecht ausgestattet


"Wir dürfen es in Deutschland nicht zulassen, dass die Gesellschaft in arm und reich, mit und ohne Ausbildung, gutes und schlechtes Einkommen auseinanderfällt", forderte OB Müller (UsW). Löhne müssten ausreichen, um den Lebensunterhalt zu bestreiten und eine Familie unterhalten zu können. "Es ist diskriminierend, wenn der Lohn nicht ausreicht", urteilte Müller unter Beifall. Dass die Kommunen selbst schlecht ausgestattet seien, um angemessene Löhne zu zahlen, bedauerte er sehr.
"Es fehlt jemand von der CSU", beklagte Bundestagsabgeordneter Frank Hofmann. Für ihn sei es eine Pflicht, am Tag der Arbeit regionale wie überregionale Themen anzuhören. Hofmann forderte gleichen Lohn für gleiche Arbeit, die Forderung gelte für Männer und Frauen sowie Beschäftigte und Leiharbeiter gleichermaßen.