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Weinreben blühen so früh wie nie

So früh blühten die Weinreben in Mainfranken noch nie. Die Winzer haben alle Hände voll zu tun. Doch auf etwas anderes werden Weinliebhaber vielleicht verzichten müssen.
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„Es ist Wahnsinn.“ Winzerin Sandra Sauer ist fassungslos. Sie steht vor ihren Reben am Escherndorfer Lump im Landkreis Kitzingen. Auf dem steilen Hang, der nach Süden ausgerichtet ist, herrscht ein besonders warmes Kleinklima. Die Reben stehen in voller Blüte. Oder sind bereits damit fertig. Auch ihr Vater Horst kann sich nicht erinnern, dass dies jemals so früh der Fall war. Wenn das Wetter so weiter macht, wird die Blüte im Mai abgeschlossen sein. Wenn es keinen kühlen Sommer gibt, wird Anfang September bereits geerntet. Ja, wenn...

„Es wird die früheste Blüte aller Zeiten“, sagt Martin Pfeiffer von der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau in Veitshöchheim. Dies bestätigen die 50-jährigen Aufzeichnungen der Landesanstalt. In den Jahren 1993 und 2007 gab es einen recht frühen Blütebeginn. Doch heuer werde das noch getoppt.

Wachstum in Rekordtempo

„Man hat das Gefühl, man steht in einer Parfümerie“, schwärmt Andreas Oehm, Vorsitzender der Gebietswinzergemeinschaft Franken (GWF) von seinem blühenden Weinberg in Boxberg (Main-Tauber-Kreis). Viel Sonnenschein und Regen haben dazu geführt, dass die Natur außer Rand und Band ist. Die Weinstöcke schieben sehr viele Triebe und tragen viele Trauben. Die Reben wachsen in Rekordgeschwindigkeit. Schon jetzt reichen sie an die obersten Drähte heran. „Und die Winzer hecheln hinterher“, sagt Oehm.

Viele Winzer sind überfordert. Sie kommen kaum noch nach, die dichten Laubwände auszudünnen, sagt Hans-Jürgen Wöppel, Bereichsleiter Weinbau bei der Bayerischen Landesanstalt. Sollte auch die letzte Reifephase der Trauben im August und September von feucht-warmem Wetter begleitet sein, müssen die Winzer zittern: vor Grauschimmel und Fäulnis. Hier hilft nur, die Traubenzonen auszudünnen, so dass sie gut durchlüftet werden. Sonst käme es zu erheblichen Ernteverlusten.

Winzer hoffen auf kühle Nächte

Wie der Jahrgang heuer wird, hängt von den nächsten 100 Tagen ab. Oehm hofft, dass die Endreife der Trauben nicht in eine totale Hitzephase hineinfällt. Warme Tage und kühle Nächte wären ideal. Dann bekommen die fränkischen Weißweine ihren unverwechselbaren fruchtigen und frischen Geschmack. Ansonsten schmeckt der Wein nach verkochten Früchten, wird marmeladig und schwer. Doch mit diesem Risiko müssen sich weniger die fränkischen, sondern eher die südeuropäischen Winzer herumschlagen, so Weinbaupräsident Artur Steinmann. Der Silvaner sei eine sehr robuste Weinsorte, dem der Klimawandel nichts anzuhaben scheint. Der Riesling mit seiner dünnen Beerenschale sei da schon empfindlicher.

Denn der Klimawandel bringt neben langen Trockenperioden auch heftige Niederschläge mit sich. Frankens Winzer werden künftig immer mehr in Wassermanagement und Traubenkühlung investieren müssen, so Steinmann. Habe man früher noch auf die Über-Kopf-Beregnung gesetzt, bei der die Hälfte des Wassers verdunstete bevor es im Boden ankam, brauche man für die Tröpfchenbewässerung gerade einmal 30 Prozent des Wassers. In ganz Mainfranken gebe es Pilotprojekte zur Bewässerung, beispielsweise in Volkach (Lkr. Kitzingen), wo statt des Mainwassers das ganze Jahr über Regenwasser gesammelt wird. Damit der Boden bei Starkregen nicht abgeschwemmt wird, begrünen viele Winzer ihre Weinberge. Der natürliche Erosionsschutz gefällt auch Bienen und Schmetterlingen. Seitdem summt und brummt es in vielen Weinbergen.

Neue Sorten und neue Schädlinge

Mit dem Klimawandel kommen neue Sorten nach Mainfranken. „Burgunder werden fast schon Standard. Selbst Merlot wird gepflanzt. Das war vor 15 Jahren undenkbar“, sagt Steinmann. Neue Schädlinge, wie die chinesische Variante der Kirschessigfliege machen vor allem den Rotweinsorten Regent und Dornfelder das Leben schwer. Doch alles in allem ist Steinmann gerade sehr zufrieden: Die Triebe wachsen kerzengerade. Jetzt sei für Winzer die richtige Zeit, ihre Rebstöcke in die richtige Form zu bringen – mit Fruchttrieben möglichst nahe am Stamm.

Wie die Ernte aber letztendlich ausfällt und ob es heuer überhaupt einen Eiswein gibt, der erst bei Minusgraden geerntet werden kann, darüber wollen die Winzer jetzt noch nicht spekulieren. Denn, so Sandra Sauer: „In 100 Tagen kann noch alles passieren: Hagel, Starkregen, Dauerregen. Das ist wie bei einem 90-minütigen Fußballspiel.“

Ist der frühe Blühbeginn eine Folge des Klimawandels?

Vieles deutet darauf hin, dass der extrem frühe Blühbeginn der Reben mit dem Klimawandel zusammenhängt. Klimaforscher Heiko Paeth, Professor für Physische Geografie an der Universität Würzburg sagt: „Wir haben vor kurzem eine Studie gemacht, wonach sich im Zuge des Klimawandels der Blühbeginn diverser Zeigerpflanzen in Bayern und vor allem im Würzburger Raum bis zum Jahr 2100 um bis zu drei Wochen nach vorne verschieben könnte.“ Zeigerpflanzen sind wenig tolerant, wenn sich ihre Lebensbedingungen (Temperatur, Niederschlag etc.) verändern.
Doktorandin Katrin Ziegler hat für diese Studie die einzelnen Wachstumsphasen (Blühbeginn, Blattentfaltung) der Forsythie von 1950 bis 2013 an über 1000 Standorten in Bayern untersucht und mit den meteorologischen Daten des Deutschen Wetterdienstes abgeglichen. Das Ergebnis: Die extremen Temperaturschwankungen stimmen mit den Wachstumsanomalien der Pflanze überein. Und besonders im relativ warmen Unterfranken scheint sich die Vegetationsperiode der Forsythie zu verlängern: Sie beginnt früher zu blühen. Gleichzeitig verfärben sich ihre Blätter im Herbst später. 


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