NADOR/ALBERTSHOFEN

Weihnachten vor dem Tor Europas

In Vorbereitung auf ein bevorstehendes Bauprojekt besuchten die Grünhelme aus Kaufbeuren mit dem Albertshöfer Rudolf Stängle zu Weihnachten die vor dem Zaun nach Europa wartenden Flüchtlinge im Norden Marokkos. Auf dem Berg Gurugú hausen die Flüchtlinge, die die Hoffnung noch nicht aufgegeben haben, den Zaun zum verheißenen Land zu überwinden.
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Friedensgruß: Nach dem ökumenischen Gottesdienst mit Pater Esteban Velázquez, der Französin Corinne S. als Messdienerin und zwei Flüchtlingen, die die Lesung auf Englisch und Französisch vortragen, traf man sich zum Friedensgruß. Im Hintergrund das Flüchtlingslager. FOTO: Christoph Jorda

In Vorbereitung auf ein bevorstehendes Bauprojekt besuchten die Grünhelme aus Kaufbeuren mit dem Albertshöfer Rudolf Stängle zu Weihnachten die vor dem Zaun nach Europa wartenden Flüchtlinge im Norden Marokkos. Auf dem Berg Gurugú hausen die Flüchtlinge, die die Hoffnung noch nicht aufgegeben haben, den Zaun zum verheißenen Land zu überwinden.

Zusammen mit dem spanischen Jesuitenpater Esteban, sowie den Gestrandeten Flüchtlingen aller christlichen Glaubensrichtungen feierten sie kurz vor Heilig Abend einen gemeinsamen Gottesdienst, der allen bedürftigen Durchreisenden Mut und Hoffnung zugesprochen hat, heißt es in dem Bericht des Grünhelmteams Petra Krösche, Rudolf Stängle und Christoph Jordas: „Im Glauben an Gott finden sie Trost und Kraft, die nächsten Tage und Nächte des nahenden Winters zu überstehen.“

Was die Grünhelme erlebt haben, schildert Stängle so: Auf dem Berg Gurugú leben die, die nichts mehr haben. Diese annähernd 1800 Schwarzafrikaner durchquerten die Wüste, um in Marokko über die Grenze in die spanische Enklave Melilla zu gelangen. Die Grenze, la valla, ein nahezu unüberwindbarer Wall, besteht aus drei Zäunen von sieben, vier und nochmals sieben Metern. Vorgelagert sind ein zwei Meter tiefer Graben, ein Erdwall und Stacheldrahtfelder. Nicht ein einfacher herkömmlicher Stacheldraht, sondern Natodraht, der sich immer tiefer ins Fleisch bohrt, wenn man sich herauszuwinden versucht.

Mehrfache Versuche

Alle Flüchtlinge des Camps haben bereits mehrfach versucht, über die Zäune zu klettern. In der Regel gibt der Chef des Camps kurzfristig das Signal zum Sturm auf die Grenze, damit kein Polizeispitzel Zeit findet, den Plan zu verraten. Dann stürmen sie zu Hunderten auf den Wall zu.

Am Donnerstag vor dem vierten Advent waren es ungefähr 400, die sich im Schutze der Dunkelheit auf den Weg machten. Die Hälfte von ihnen schaffte es über den ersten Zaun, dann weitere 150 über den zweiten und etwa 40 schafften es sogar unter den Knüppelschlägen der Guardia Civil über den dritten, den letzten Zaun in das ersehnte Land. Aber anstatt in Spanien Asyl beantragen zu können, nahm die Guardia Civil die Flüchtlinge fest, öffnete die mickrig wirkenden grünen Türen im Zaun und beförderte sie zurück nach Marokko vor den Zaun. Nur einer hatte diesmal das Glück, rechtzeitig zu entwischen und das „Campo“, das Lager für Flüchtlinge in Melilla zu erreichen und dort Aufnahme zu finden. Achtzehn Flüchtlinge wurden von den Knüppelschlägen so schwer verletzt, dass die Guardia Civil sie ins Krankenhaus fuhr. Dort wurden alle Platzwunden versorgt, gebrochene Arme und Beine durch den Sturz aus mehreren Metern Höhe geschient und ein Oberschenkelhalsbruch operiert. Die Delegación de Migración wurde informiert und versorgte die Verletzten mit Essen, Medikamenten, Gehhilfen und neuen Schuhen. Die alten Schuhe waren ihnen abgenommen worden, um den Flüchtlingen das Weglaufen zu erschweren.

Auch die Grünhelme e.V. aus Deutschland leisteten einen Beitrag und sahen dabei aus erster Hand, dass etwas getan werden muss, um diesen Flüchtlingen ein menschenwürdiges Dasein zu ermöglichen.

Zurück im Camp auf dem Berg warteten bereits die anderen Gescheiterten betend, dass ihren Freunden nicht das Schlimmste widerfahren sei. Denn in diesem Jahr hat die Grenze bereits mehrere Tote gefordert. Frustriert, erschöpft und verletzt krochen sie alle zurück unter ihre Zeltplanen, die ihnen ein wenig Schutz gegen Kälte und Regen bieten, um am nächsten Tag wieder hungrig aufzustehen und die Suche nach Essbarem in den Abfällen von Nador am Fuße des Gurugú fortzusetzen. Soweit der Bericht.

Die Hilfsorganisation Grünhelme

Verein: Die deutsche Hilfsorganisation Grünhelme setzt sich für den Bau oder Wiederaufbau von Gemeinde-Infrastrukturen sowie sozialen, ökologischen, kulturellen und religiösen Einrichtungen in Krisengebieten ein. Sie wurde im April 2003 von Rupert Neudeck („Cap Anamur“) und Aiman Mazyak (Zentralrat der Muslime) gegründet. Der Verein finanziert sich durch private Spenden und Zuwendungen von Stiftungen. Konzept: Der Verein versteht sich parteipolitisch neutral und nationalitäts- und religionsübergreifend. Betont wird dabei die Zusammenarbeit von Christen und Muslimen. Grünhelme bauen mit den Betroffenen Schulen, Kliniken und Versorgungsgebäude, bisher in mehr als 20 Ländern Afrikas, Asiens und des Mittleren Ostens – ohne Regierungsgelder. Nador/Melilla: Auf dem Grundstück der spanischen Kirche in Nordmarokko werden die Grünhelme ein Gebäude zur Versorgung besonders notleidender Flüchtlinge bauen. Darüber hinaus helfen sie mit Nahrungsmitteln. Für Kältekits (Handschuhe, Mützen und Winterjacken) werden noch dringend Spenden benötigt. Spendenkonto: Grünhelme e.V., IBAN: DE62430609670001070000, BIC: GENODEM1GLS, GLS Gemeinschaftsbank eG

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