Dettelbach

Warum es einen Dettelbacher in die USA zog

Fast 70 Jahre ist es her, dass Karl Röll aus Dettelbach alleine in die USA zog. Zu Besuch bei seinen Geschwistern blickt der 88-Jährige auf die Anfänge zurück.
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Karl Röll ist zu Besuch bei seinen Geschwistern in Dettelbach. Mit 19 Jahren zog es ihn alleine in die USA. Foto: Lisa Marie Waschbusch

Dettelbach im Jahr 1950: Der Krieg ist vorbei, das Wirtschaftswunder nimmt Fahrt auf. Doch davon ahnt Karl Röll zu diesem Zeitpunkt nichts. Er hat seine Ausbildung zum Automechaniker in Kitzingen gerade beendet und liest in der Zeitung, dass Deutsche nun wieder auswandern könnten. Warum nicht, denkt er. Amerika hat ihn schon immer interessiert. Wenn's ihm dort nicht gefällt, könne er ja wieder zurückkommen. Heute, fast 70 Jahre später, ist er zu Besuch in Dettelbach bei seinen Geschwistern. Nur zu Besuch, denn der heute 88-Jährige lebt noch immer in den USA.

Mit dem Schiff über den Atlantik

"Nach dem Krieg war in Deutschland nicht viel los", erinnert er sich. Er hat damals zwar eine Arbeitsstelle, doch die Bezahlung ist schlecht. Und so stellt er einen Antrag zur Auswanderung. Die Antwort kam rasch: Jemand soll für ihn bürgen, damit er dem Staat nicht zur Last fällt. Ein Onkel lebt damals bereits in den USA und willigt ein. Mit dem Schiff reist Röll von Genua nach New York, von New York nach Kalifornien.

Röll spricht fließend Deutsch, schließlich ist es seine Muttersprache. Doch sein Deutsch hat einen starken englischen Akzent, immer wieder schleichen sich englische Begriffe ein. Schwer vorstellbar, denn als er in die USA kommt, sieht das noch anders aus. "Ich konnte kein Englisch", sagt er und schmunzelt. Er hat die Sprache nicht in der Schule gelernt, in seiner Ausbildung nicht gebraucht. In den USA besucht er nach seiner Einreise eine Sprachschule.

Zur Armee berufen

Auch eine neue Arbeit findet er bald. Über seinen Onkel kommt er zu einem Job als Automechaniker. Doch schon bald erreicht ihn ein Brief, der schreibt, er müsse zur Armee gehen. "Zuerst dachte ich: keine Armee für mich. Ich habe in Deutschland genug gesehen", erzählt der 88-Jährige. Doch er verpflichtet sich für vier Jahre bei der Luftwaffe, ist Offizier. Anschließend kehrt er als Automechaniker zurück nach Kalifornien. Als sein Arbeitgeber den Betrieb aufgibt, wechselt er zu Mercedes Benz Nordamerika, wo er letztlich 36 Jahre arbeitet.

Mit 74 Jahren geht er in den Ruhestand. "Sie wollten nicht, dass ich gehe. Sie wollten, dass ich den Neuen beibringe, wie man es macht", erinnert er sich. Normalerweise hätte er schon mit 65 in Rente gehen können, doch nach dem Tod seiner Frau braucht er Beschäftigung. Seine drei Kinder sind schon aus dem Haus.

Nach Deutschland kommt er über die Jahre öfter. Zuletzt vor zwei Jahren, zum ersten Mal zehn Jahre nach der Auswanderung – auf seiner Hochzeitsreise. Mit Bruder Albert und Schwester Gertrud in Dettelbach hält er guten Kontakt, sie haben ihn auch in Kalifornien besucht. Dass sie mit ihm auswandern, steht damals allerdings nicht zur Debatte. Gertrud arbeitet im Krankenhaus, Albert ist zu dem Zeitpunkt noch zu jung.

Auswanderung nie bereut

Heute hat Rentner Karl Röll Haus und Garten und kümmert sich alleine darum. Im Gespräch betont er mehrmals, er habe seine Entscheidung, in die USA zu ziehen, nie bereut. Wieder zurück nach Deutschland zu kommen ist für ihn keine Option gewesen. "Ich habe eine große Familie da drüben", sagt er. Röll hat drei erwachsene Kinder – einen Sohn und zwei Töchter. Sie alle haben selbst Kinder und leben ebenfalls in Kalifornien.

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