Iphofen
Unternehmer

Warum Baldwin Knauf keine Anweisungen mehr gibt

Noch immer wird der größte Gipskonzern der Erde aus Iphofen regiert. Was bewegt den Mann, der den Konzern mit zur Weltmacht aufbaute, mit 80 Jahren?
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Von Franken in die ganze Welt: Der Unternehmer Baldwin Knauf (80) im Konferenzraum der Firmenzentrale in Iphofen. Foto: Eike Lenz
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Der Mann, der an diesem Morgen die Bäckerei am Rande des Iphöfer Marktplatzes betritt, wirkt unschlüssig. Er blickt in die Auslage, lässt sich von der Verkäuferin über Dinkel-, Weizen- und Kürbiskernbrötchen aufklären und starrt dann noch eine Weile auf sein Handy – so, als würde er sich dort eine Antwort für seine Kaufentscheidung erhoffen. Drei Touristen in Wanderkluft betreten den Laden, ohne Notiz von dem Mann zu nehmen. Sie können nicht ahnen, dass hier einer der laut Forbes-Liste 100 reichsten Deutschen steht. Am Ende verlässt der Herr die Bäckerei mit zwei Tüten voller Brötchen. „Ich hoffe, Sie haben die richtigen“, ruft ihm die Verkäuferin noch hinterher. Er lächelt beim Hinausgehen.

Baldwin Knauf kommt öfter hier vorbei, um Brot oder Brötchen zu kaufen. Die Region stärken war und ist sein Motto – im Großen wie im Kleinen. Man könnte sein Einkaufsverhalten auf seine Philosophie als Geschäftsmann übertragen. Knauf lässt sein Geld lieber vor Ort, genau wie sein Unternehmen, den zum Global Player gewachsenen Baustoffkonzern mit 28 000 Beschäftigten und sieben Milliarden Euro Jahresumsatz – geleitet immer noch aus dem beschaulichen Iphofen heraus. Den Firmensitz ins steuerlich begünstigte Ausland zu verlagern, wie dies die großen Digitalkonzerne gerne tun, stand in der Chefetage nie ernsthaft zur Debatte. Auch im 87. Jahr nach seiner Gründung agiert der größte Gipskonzern der Welt aus dem Idyll einer 4700-Einwohner-Stadt im Fränkischen heraus. Und Iphofen freut sich – wenn es gut läuft im Unternehmen – über zweistellige Millionenbeträge aus der Gewerbesteuer.

In all den Jahren nie rote Zahlen

Dass es bisher meistens gut gelaufen ist, dass der Konzern in all den Jahren nie rote Zahlen geschrieben hat und heute auf allen Erdteilen vertreten ist, verdankt er dem Fleiß seiner Mitarbeiter und der Weitsicht von Baldwin und Nikolaus Knauf  (83). Was deren Väter, zwei studierte Bergbauingenieure, 1932 in einem alten Kalkwerk in Perl an der Mosel aufgebaut haben, haben die Söhne zur weltumspannenden Marke entwickelt, an der heute kein Bauherr vorbeikommt. Gewachsen ist das Unternehmen aus sich selbst heraus. „Die Geschäftsgrundlage eines Familienbetriebs ist, sich das Geld, das man investiert, nicht bei den Banken zu leihen, sondern selbst zu verdienen“, sagt Baldwin Knauf.

"Ich bin nicht mehr Treiber und Gestalter, sondern nur noch Ratgeber."
Baldwin Knauf, Unternehmer, an seinem 80. Geburtstag

Das bestimmte den Expansionskurs des Unternehmens, der 1972 begann. Bis dahin hatte Knauf nur in Deutschland investiert, aber irgendwann war auch der letzte Konkurrent aufgekauft und der Markt zu klein geworden. Über Österreich und die Benelux-Länder begann der Siegeszug in die ganze Welt. Rasch nach dem Zerfall der Sowjetunion kam der russische Markt hinzu. Knauf wurde dort nach Siemens größter ausländischer Investor.

An einem sonnigen Septembermorgen sitzt der Grandseigneur des Unternehmens entspannt auf einem Stuhl im vierten Stock der Iphöfer Konzernzentrale. Es war einmal sein Arbeitszimmer, nun gehört das Büro seinem Sohn Alexander (45), der seit sieben Jahren als Gesellschafter in der Geschäftsführung sitzt und an diesem Tag außer Haus ist. Die wichtigen strategischen Entscheidungen sind ohnehin in einem Raum nebenan gefallen. Dort saßen sich die beiden Vettern – nachdem sie 1969 mit 30 und 33 Jahren als Geschäftsführende Gesellschafter eingestiegen waren – an einem massiven Holzschreibtisch gegenüber, von Angesicht zu Angesicht. „Das hat uns gut getan“, sagt Baldwin Knauf. „Wir konnten auf Zuruf entscheiden.“ Es gab ein ehernes Prinzip zwischen den Patriarchen: War man sich in einer wichtigen Sache uneins, wurde sie fallen gelassen. Größerer Zwist zwischen ihnen ist nicht überliefert.

Knauf sieht sich nicht mehr als Treiber

Noch immer teilen sich die beiden Pioniere, wenn sie wie an diesem Morgen gemeinsam in der Firma sind, den Schreibtisch. Aber ihre Rolle im Unternehmen ist heute eine andere. „Ich bin nicht mehr Treiber und Gestalter“, sagt Baldwin Knauf, „sondern nur noch Ratgeber.“ Und es ihm wichtig zu präzisieren: „Ich gebe keine Anweisungen mehr.“ Spätestens 2008, mit dem Rückzug der beiden Vettern aus dem operativen Geschäft, ging auch die Zeit der Alleinherrschaft vorbei. Ein 13-köpfiger Gesellschafterausschuss bestimmt inzwischen die Geschicke des Konzerns, etwa die Übernahme des amerikanischen Wettbewerbs-Giganten USG für gut sieben Milliarden Dollar im Sommer 2018. Fragt man Knauf nach dem Erfolgsgeheimnis eines guten Unternehmers, sagt er: „Es braucht Mut für ein neues großes Projekt, Leidenschaft, um für das Projekt zu kämpfen, und einen kühlen Verstand, um zu sehen, wo mögliche Klippen lauern.“

Für die Leidenschaft ist bei den beiden Gründersöhnen noch immer Nikolaus Knauf zuständig, ein passionierter Jäger mit wallendem Gemüt, der schon mal Blitze schleudert. Baldwin Knauf gilt als rationaler, ausgleichender, er wägt seine Worte, hat etwas von Helmut Schmidt, wenn er auf Fragen erst einmal lange schweigt, um nach der klügsten Antwort zu suchen. Der deutschen Politik empfiehlt er, sich wieder mehr an Ludwig Erhard auszurichten, dem Vater des Wirtschaftswunders und der sozialen Marktwirtschaft. Der Wohlstand der Deutschen gründe auf dem Prinzip freier Märkte. Dazu passten Rufe nach Enteignung und Vergesellschaftung privaten Eigentums nicht. „Ich wünsche mir“, sagt Knauf, „dass Staaten die unternehmerische Freiheit nicht zu sehr beschränken.“ Und zur aktuellen Klimadebatte sagt er, es sei ja in Ordnung, wenn der Staat Ziele setze, wie CO2 einzusparen sei. Aber es solle dem Bürger selbst überlassen bleiben, wie er diese Forderung erfülle. „Das muss auf dem preiswertesten Weg passieren.“

Mehr Zeit fürs Golfspielen und die acht Enkel

Im Kleinen hat Baldwin Knauf, Mitglied der CSU, selbst pragmatische Politik gestaltet: im Iphöfer Stadtrat, dem er 24 Jahre lang angehörte.  Bürgermeister Josef Mend, einem Freie-Wähler-Mann, fühlte er sich immer verbunden. Noch immer ist Knauf gerne gesehener Gast beim CSU-Ortsverband in seiner Heimatstadt. Er hat nun deutlich mehr Zeit zum Golfspielen, zum Bergwandern oder zum E-Bike-Fahren in den Weinbergen, die direkt hinter seinem Bungalow beginnen, aber vor allem für die Familie: seine Frau, seine beiden Kinder und die acht Enkel.

Mit fünf Jahren ist er mit den Eltern aus dem Saarland nach Iphofen gekommen, er ging im nahen Scheinfeld aufs Gymnasium, studierte in Würzburg Betriebswirtschaft. „Heimat“, sagt er, „ist dort, wo man sich wohlfühlt, keine Ängste haben muss und auf Sympathien stößt.“ Das alles finde er in Iphofen. An diesem Montag wird Baldwin Knauf 80 Jahre alt.

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