Kitzingen

Vor zehn Jahren: Kitzingen als Genmais-Kampfgebiet

Vor zehn Jahren tobte der Kampf um einen gentechnikfreien Landkreis. Kitzingen war deutschlandweit so etwas wie ein Versuchslabor, was heftige Proteste nach sich zog.
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So ging's zu auf einem Genmaisacker bei Westheim: Ein Feldbefreier wird von einem Polizisten festgenommen. Aktivisten von „Gendreck-weg“ war es gelungen, ein von der Polizei bewachtes Feld, auf dem genmanipulierter Mais angebaut wird, zu stürmen. Foto: Robert Haaß
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Protestmärsche. Schlepperdemos. Am Ende baten sogenannte Feldbefreier zum Nahkampf mit der Polizei. Das Ziel: Gentechnik soll raus aus dem Landkreis Kitzingen. Im Ringen um gentechnikfreie Felder war das Kitzinger Land vor gut einem Jahrzehnt ein deutschlandweiter Hotspot. Geplant waren über 100 Hektar Anbaufläche für Genmais, damit wäre man das größte Anbaugebiet von Genmais in Westdeutschland gewesen. Ein Vorhaben, das auf entschlossenen Widerstand traf. Mit Erfolg: Vor zehn Jahren verbot die damalige Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner den Anbau des Genmais Mon810 in Deutschland – auf den Feldern zog wieder Ruhe ein.

Ein Blick zehn Jahre zurück in den Sommer 2009. Die Auseinandersetzungen rund um den Genmais erreichen ihren Höhepunkt. Gentechnisch veränderte Raps-, Weizen- und Kartoffelsorten auf den Feldern im Landkreis – für viele eine Horrorvorstellung. Entsprechend ging es zur Sache. Angeführt wurde der Protest von einem Aktionsbündnis gegen Gentechnik, dem sich auch die meisten Parteien sowie Naturschutz- und Ökoverbände anschlossen.

Auch der Landkreis selber zeigte der Gentechnik die rote Karte. Der Umweltausschuss des Kreistages sprach sich - wenn auch denkbar knapp – mit 7:6 dafür aus, sich "Gentechnikfreier Landkreis Kitzingen" zu nennen. Ohne bindende Wirkung, aber als starkes Zeichen. Oder, um es mit Iphofens Bürgermeister Josef Mend zu sagen: "Wir tun unsere Meinung kund, dass wir Sorgen haben!" Der Chef der Freien Wähler hatte sich mit der SPD und Bündnis 90/Die Grünen zusammengetan, um ein Zeichen zu setzen. 

Mahnwachen und Zerstörung

In den Zeitungen tauchten schon seit längerer Zeit regelmäßig Meldungen wie diese auf: "Genmais-Feld komplett zerstört". Gerne wurden Versuchspflanzungen in Düllstadt kaputt gemacht. Dort gab es einen Acker, der eine gewisse Berühmtheit erlangt hatte: Er war der einzige Fleck in Bayern, auf dem – nach dem Verbot für die Sorte MON 810 – legal Genmais angebaut wurde. Die Versuchsanpflanzung im Auftrag des Saatgutkonzerns Monsanto war schon vor Jahren genehmigt worden. Die Aussaat war damals auf scharfe Proteste gestoßen. Immer wieder fanden Mahnwachen an dem Feld statt.

Dass es manche Genmais-Kritiker nicht beim Protest belassen würden, hatte sich schon im Vorjahr gezeigt. Vier Mal musste die Polizei wegen Zerstörungen in Genmais-Anpflanzungen ermitteln. Beispielsweise im Juli in Großlangheim, wo Unbekannte rund zwei Hektar mit einer Motorsense niedermachten. Ähnliches passierte Ende August auch in Westheim, wo mehrere Täter ein Maisfeld verwüsteten. 

Die Erstürmung

Die spektakulärste und öffentlich angekündigte Zerstörungsaktion ging Ende Juni 2008 auf das Konto der Feldbefreier der Organisation Gendreck-weg. Damals waren trotz eines Großaufgebots an Polizei morgens um 6.30 Uhr rund 70 Aktivisten aus einem Wäldchen auf ein Genmais-Feld bei Westheim gestürmt. Ergebnis der Aktion: Ein Drittel der Pflanzen war platt, 56 Aktivisten kamen vorübergehend in Gewahrsam. Einige ließen sich vom Acker tragen. Szenen, wie man sie bis dato nur aus dem Fernsehen von den Atomtransporten kannte.

Diese Aktion hatte gerichtliche Nachspiele. Im Verwaltungsgericht Würzburg mussten sich neben den Ökoaktivisten auch Polizei und Landratsamt verantworten. Diese hätten "den Schutz von Genmaisflächen über das Grundrecht auf Demonstrationsfreiheit" gestellt, so der Vorwurf der Gendreck-weg-Front. Eine durchaus interessante Gemengelage also.

Im Juli 2009 begann zudem eine lange Serie von Feldbefreier-Prozessen am Kitzinger Amtsgericht. Die strafrechtliche Aufarbeitung der spektakulären Attacke am 29. Juni 2008 bei Westheim zog sich in Dutzenden Verfahren über Monate hin. Dabei nutzten die Aktivisten die Verfahren und stellten ihre Taten als Aktionen des zivilen Ungehorsams hin und verwiesen darauf, dass ihrer Meinung nach Gentechnikfirmen wie Monsanto auf die Anklagebank gehören.

Dass der damalige Erfolg zehn Jahre später in Gefahr geraten und die Gentechnik - durch die Hintertür - doch wieder Einzug halten könnte, befürchten einige der Akteure von damals mehr denn je. Beispielsweise Barbara und Martin Keller von der Mainstockheimer Projektwerkstatt "open house". Sie haben gerade erst in einem öffentlichen Aufruf gewarnt, es gebe "neue Bemühungen, Gentechnik salonfähig zu machen." Weiter heißt es in dem Schreiben: "Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner ersinnt immer neue Argumente, mit denen sie den Einzug der neuen Gentechnik ermöglichen möchte. Unsere Situation deutlich schlechter als bei der alten Gentechnik".

Der Warnruf endet mit einer klaren Ansage: " Wir  werden uns wehren!"  

Damit könnte alles wieder von vorne losgehen: "Wir sind überzeugt", heißt es abschließend, "dass sich unser Landkreis wieder organisiert. Unsere Botschaft lautet: Wir wollen bleiben, wie wir sind: Gentechnikfrei!"

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