Kitzingen

Vor Gericht: Läufer läuft Läuferin ständig nach

Aus dem Gericht: Der Vorwurf der Nachstellung löst sich nach mehrstündiger Gerichtsverhandlung in Luft auf. Ein unerklärlicher Fall wird nach Jahren eingestellt.
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Viele Gerüchte, viele Fragen: Um eine mögliche Nachstellung bei einem Lauftreff ging es vor dem Kitzinger Amtsgericht. Foto: Boris Roessler (dpa, Archiv)

Die Formulierung taucht immer wieder auf: "Es lief nicht rund!" Im Zusammenhang mit einem Lauftreff klingt das eher spaßig – doch der Spaß war den Beteiligten schon seit Jahren vergangen. Die Anfänge dieser Geschichte reichen bis weit ins Jahr 2013 zurück. Die Laufgruppe macht sich oft in wechselnder Besetzung auf den gemeinsamen Weg. Für die längeren Strecke finden sich zunehmend zwei Läufer zusammen: Er ist damals Mitte 40, sie Ende 20.

So richtig rund – um den Begriff noch einmal zu strapazieren – läuft es dann aber doch nicht: Sie empfindet ihn als zu aufdringlich, zu anzüglich, zu bestimmend. Er redet ihr oft zu schlecht über andere. Das kann sie so gar nicht leiden. Ein Bauchgefühl sagt ihr: Zieh dich von ihm zurück. Also versucht sie ihn zu meiden, läuft möglichst in anderen Gruppen und schließlich auch andere Strecken.

Für ihn ist dieses Verhalten nicht akzeptabel: Er sucht nach einem Grund für dieses Meiden. Er will wissen, was dieser Rückzug soll und was er ihr eigentlich getan hat. Deshalb versucht er sie immer wieder anzusprechen. Er will eine Erklärung, will sie zur Rede stellen. Er schreibt Mails und auch einen Brief, sucht in den sozialen Netzwerken nach ihr. Der Mann kann – aus welchem Grund auch immer – die Sache nicht auf sich beruhen lassen. Je krampfhafter sie Abstand hält, desto hartnäckiger wird er.

Erst Unverständnis, dann Angst

Bei ihr wächst mit jedem Kontaktversuch erst das Unverständnis und später die Angst. Sie sagt sich: Ich bin ihm keine Rechenschaft schuldig. Ich kann laufen, mit wem ich will. Es gibt keinen Grund, ihm etwas erklären zu müssen. Je mehr er drängt, fordert und – um im Bild zu bleiben – hinter ihr her läuft, desto brenzliger empfindet sie die Situation. Meidet ihn noch mehr, fühlt sich unter Druck gesetzt und verfolgt. Zufällige Begegnungen auf der Laufstrecke empfindet sie nicht als Zufall, sondern als Absicht. Er stellt, da ist sie sich ganz sicher, ihr nach. Panik macht sich breit, sie versteckt sich vor ihm, läuft möglichst nicht mehr alleine. Das Rennen wird zu einem Kreislauf, der fast nicht mehr zu erklären ist. Am Ende glaubt sie sogar, "dass er immer irgendwo in meiner Nähe ist". Dieses Gefühl treibt sie in einen Selbstverteidigungskurs.

Gerüchte kommen auf

Dieser Nicht-Umgang wirkt sich auch auf die Gruppe aus. Alle wundern sich. Jeder fragt sich: Was ist da bloß los? Gerüchte kommen auf, klar. Unruhe macht sich breit. Aber genau genommen weiß keiner, was sich da gerade abspielt. Das große Rätselraten zieht sich über Jahre hin. Zumal sich rational zu diesem Zeitpunkt kaum noch etwas erklären lässt. Der Treff spaltet sich in zwei Lager auf. Er wird zunehmend komisch angeschaut, spricht mittlerweile von Rufschädigung.

Schließlich kommt es nach einem Rennen zu einem Vorfall: An einem Parkplatz stellt er sich ihr in den Weg, will mit ihr reden, will wissen, was los ist. Sie gerät in Panik, schreit, läuft zur Straße und bittet einen Radfahrer um Hilfe. Der stellt sich mit seinem Rad zwischen den fordernden Mann und die verängstigte Frau und ruft die Polizei. Damit wird der Fall samt der mittlerweile fünf zurückliegenden Jahre aktenkundig. Dem Mann bringt das den Vorwurf der Nachstellung sowie eine Verhandlung am Kitzinger Amtsgericht ein.

Allgemeines Schulterzucken

Die gerichtliche Aufarbeitung stößt schnell an ihre Grenzen: Die Befragung der Mitläufer als Zeugen sorgt für allgemeines Schulterzucken und die Erkenntnis, dass da im Grunde nichts war, außer einem unguten Gefühl. Auch das vermeintliche Opfer konnte nur berichten, dass es "kein auslösendes Ereignis" gegeben hatte. Die Strategie, sich möglichst wegzuducken, war schlichtweg schiefgegangen – der Rest muss sich dann im Kopf abgespielt haben.

Eine kurze Besprechung aller Beteiligten führt zu einem klaren Ergebnis: Das Verfahren wird eingestellt. Die Frau hat sich nach dem Vorfall am Parkplatz von dem Lauftreff zurückgezogen. Sie dreht nun wieder ihre eigenen Bahnen. Er scheint zumindest zu ahnen, was seine Hartnäckigkeit angerichtet hat. Er verschont sie mit Mails; auch Kontaktversuche gab es seit dem Eingreifen der Polizei nicht mehr. Auch er zieht überwiegend einsam seine Bahnen. Und beim Lauftreff – nun ja – da läuft es seither wieder.

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