Dettelbach

Von Damaskus nach Dettelbach: Glückliches Ende einer Flucht

In Syrien war Hossin Aljarboh Apotheker, doch er floh nach Deutschland. Nun hat er auch die deutsche Zulassung für den Beruf. Die Sprache war nicht die einzige Hürde.
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Gut zwei Jahre hat der syrische Flüchtling Hossin Aljarboh in der Dettelbacher Apotheke bei Bernward Unger gearbeitet.

„Bei unserem ersten Treffen haben wir uns mit Händen und Füßen verständigt“, erinnern sich Hossin Aljarboh und Bernward Unger. Beide sind Apotheker, beide haben eine eigene Apotheke gegründet. Der eine in Damaskus, der andere in Dettelbach. Doch Aljarboh musste im März 2015 mit seiner Familie vor dem Bürgerkrieg in Syrien fliehen. Er kam nach Deutschland.

Ohne Deutsch geht nichts

Nach einem kurzen Aufenthalt in Deggendorf landete der 33-jährige Aljarboh in Dettelbach. „Ich wollte wieder in meinen Beruf einsteigen, doch die Voraussetzung dafür war, dass mein Deutsch gut ist“, erzählt Aljarboh. Er belegte Sprachkurse und gab sich große Mühe, schnell Fortschritte zu machen. Über den Asyl-Helferkreis in Dettelbach erhielt er den Kontakt zu Bernward Unger, der in Dettelbach und Mainstockheim zwei Apotheken führt.

Apotheker unter Aufsicht

In Dettelbach begann Aljarboh ein Praktikum. Für zwei Monate schaute er dem Apothekerteam über die Schulter, lernte Fachbegriffe und verbesserte sein Deutsch. Danach fing er an, bei Unger als „Apotheker unter Aufsicht“ zu arbeiten. Diese Stelle ist für Apotheker gedacht, die ihren Abschluss in einem Land außerhalb der EU erworben haben. So können sie bei der Arbeit praktische Erfahrung sammeln und sich auf die abschließende Prüfung für die deutsche Approbation, also Berufszulassung, vorbereiten.

„Mein Arbeitsalltag hier ist dem in Syrien sehr ähnlich“, sagt Aljarboh. Auch die Ausbildung mit fünf Jahren Studium und einem praktischen Jahr sei vergleichbar. Was jedoch deutlich anders als in seiner Heimat ist: die Bürokratie. „Das ist alles viel lockerer in Syrien“, erzählt er. Die Pflicht, alles zu dokumentieren, war für ihn neu.

Zweieinhalb Wochen zum Lernen

Eines Tages erhielt er den Brief, der ihn zu der abschließenden Prüfung, die dem Staatsexamen ähnelt, einlud. Das war zweieinhalb Wochen, bevor diese stattfinden sollte. „Geh sofort nach Hause und fang an zu lernen“, hat Unger damals zu ihm gesagt, sobald er davon erfuhr. Vorbereitet hatte er sich natürlich schon durch die Arbeit in der Apotheke. Außerdem hatte er Fortbildungen besucht, die auch für deutsche Pharmaziestudenten Teil der Ausbildung sind.

So gab es dann auch Grund zum Feiern – denn Aljarboh hat die Prüfung bestanden. Abgefragt werden konnte alles aus dem Bereich der Pharmazie, die Herstellung und Prüfung von Medikamenten, aber auch Kundenberatung und rechtliche Aspekte. Er besitzt nun die deutsche Approbation für den Apotheker-Beruf.

Wirrwarr der Zuständigkeiten

Was Hossin Aljarboh erzählt, hört sich nach einer Erfolgsgeschichte an. Während er spricht, lächelt er. Doch er sagt auch, dass es nicht immer einfach war. Das zeigt der dicke Ordner, in dem Unger alle Dokumente über Aljarboh abgeheftet hat. Das Wirrwarr der Behördengänge hat seine Spuren hinterlassen. „Oft wusste keiner, ob nun die Regierung oder das Jobcenter für ihn zuständig und was genau zu tun ist“, sagt Unger. „Bei Menschen wie Hossin, die qualifiziert und willig sind, hätte ich mir schon ein wenig mehr Entgegenkommen gewünscht.“

Nächste Station: Leonberg

Zwischendurch hat Aljarboh auch immer wieder überlegt, ob er nicht zurück nach Syrien gehen soll. „Ich möchte von niemandem abhängig sein und niemandem zur Last fallen“, sagt er. Doch seit dem 1. September hat er eine Vollzeitanstellung und kann sich und seine Familie, mit der er in Effeldorf wohnt, selbst versorgen.

Allerdings bleibt Aljarboh nicht bei Unger in der Apotheke; der braucht im Moment keine neue Vollzeitkraft. Doch seine guten Deutschkenntnisse, aber auch seine Muttersprache haben ihm bei der Suche nach einer anderen Stelle geholfen. Denn in Leonberg bei Stuttgart wurde ein Apotheker mit Arabischkentnissen gesucht – die perfekte Stelle für Aljarboh.

Gut akzeptiert im „Weiberhaufen“

Bernward Unger ist sichtlich stolz auf seinen Schützling, auch wenn er ihn nicht weiterhin beschäftigen kann. „Ich denke, Hossin war in unserem Weiberhaufen in der Apotheke gut akzeptiert und alle mögen ihn hier sehr gerne“, sagt er. Lachend erinnern sich die beiden daran, wie das Team zu Beginn versuchte, Aljarboh die Aussprache des Buchstabens „ü“ beizubringen. In seiner Muttersprache gibt es den nicht. Auch heute schmunzelt er noch, wenn er vom „spüüülen“ spricht.

Die anfänglichen Sprachbarrieren findet Unger „völlig normal“ und zeigt sich beeindruckt, von „dem ganzen Haufen, den Hossin lernen musste“. Der 33-Jährige ist Unger sehr dankbar für die Zeit und Mühe, mit der er ihm in den vergangenen zwei Jahren zu seinem Ziel geholfen hat. Danken möchte er auch dem Helferkreis Dettelbach und vielen weiteren Menschen, die ihn unterstützt haben.

Wieder zurück nach Syrien?

Doch so gut es ihm hier auch gefällt: „Ich würde gerne wieder zurück in meine Heimat, wenn es möglich ist“, sagt Aljarboh. Seine Eltern sind noch in Syrien, sie leben auf dem Land; dort ist die Lage etwas besser als in den Städten. Seine Aufenthaltsgenehmigung für Deutschland gilt auch nur für die nächsten drei Jahre.



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