KITZINGEN

Vollgummi und vier Pfoten

Hund mit Behinderung: Pocket Bulldog Aramis kann seit einem Bandscheibenvorfall seine Hinterbeine nicht mehr bewegen. Doch sein Rollstuhl hält ihn mobil.
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Aramis und Frauchen Christel Wanzek beim Spaziergang am Main. Foto: Foto: Hans Will

Anfang 2017 stand Aramis zum letzten Mal mit allen vier Pfoten im Leben. Im Januar bleibt der siebenjährige Pocket Bulldog einfach liegen. Schon seit einiger Zeit hat er Probleme mit den Hinterbeinen. Christel Wanzek ist kaum überrascht.

Im Vorjahr hatte Aramis einen Bandscheibenvorfall. Er verliert langsam die Kontrolle über seine Beine, läuft schwerfälliger, beginnt zu taumeln, bis die Hinterläufe schließlich am Boden schleifen.

Der Vorfall konnte zwar mit Medikamenten behandelt werden, aber der lebhafte Rüde muss sich wieder verletzt haben. „Hüpfen war seine Leidenschaft“, sagt Frau Wanzek. „Den Sessel rauf und von der Lehne runter.“ Doch beim zweiten Mal helfen die Medikamente nicht.

Aramis und Christel Wanzek treffen sich zum ersten Mal als der Hund vier Wochen alt ist. Er hat mehrere Brüder, unter den Jungtieren geht es rau zu. „Halt' schön durch, nächste Woche hol' ich dich da raus“, raunt Wanzek dem Welpen zu. Anfang August 2010 ist es endlich soweit. Es ist Wanzeks Geburtstag, gemeinsam mit ihrem Mann holt sie Aramis ab. Er ist so klein, man kann ihn in einem Tragetuch vor dem Bauch herumtragen. Klappohren, Stupsnase, seidiges, dunkelbraunes Fell mit hellen Tupfern. Christel Wanzek fühlt sich, als ob sie ein Baby vor sich hat.

Zum Geburtstag hat sie Blumen bekommen – deren Karton wird Aramis' neue Höhle. Die folgenden Nächte verbringen die beiden gemeinsam in der heimischen Weinstube. Sie auf der Luftmatratze, er im Blumenkarton neben der Hoftür: „Damit er im Notfall gleich raus kann. Aber er war ganz schnell sauber“, schmunzelt sie stolz.

Sieben Jahre später steht fest: Aramis kann nicht operiert werden. Er hat oft Spastiken, die Narkose könnte ihn töten. „Wenn der mal 'ne Hündin decken will, würde er vor Aufregung ersticken“, erzählt Wanzek.

Eine Physiotherapie bleibt erfolglos. „Das war alles für die Katz'. Von dem Geld hätte ich gleich mehrere Rollwagen kaufen können“, resümiert sie.

Also schleppt Frau Wanzek ihn herum – in einer Tragetasche. Mit Klettverschluss wird die um Hüfte und Hinterläufe geschnallt. Während der Hund sich mit den Vorderbeinen vorzieht, ersetzt Frau Wanzek seine tauben Hinterbeine. „Ich hab ihm quasi den Hintern hinterher getragen“, lacht sie. Bald wird der Vierbeiner aber zu schwer für sie. Und auch seine muntere Art bereitet seinem Frauchen Schwierigkeiten: „Er hat mich zu allen Ecken geführt. Ich bin dann lieber in den Wald mit ihm, da kann er links und rechts mal schnüffeln, aber rennt nicht überall hin.“

Frau Wanzeks Mann zweifelt, ob der Aufwand zu viel ist. Sie bleibt eisern: „Der Hund ist pumperlgesund, hat Energie ohne Ende. Ist ja kein Wegwerfartikel. Es mag so Menschen geben, aber nicht ich!“ Sie beginnt, nach Möglichkeiten zu suchen, wie beide wieder mehr Spaß am Spaziergehen haben können.

Gemeinsam mit ihrer Cousine durchforstet die sie das Netz. Und sie werden fündig: Für 260 Euro bestellt Wanzek einen Hunderollstuhl. „Alurahmen, Vollgummireifen, Kugellager, bei einem Gewicht von Dreikommanochwas Kilo“, zählt sie die Ausstattung auf. Eigenhändig baut sie die Einzelteile zusammen, spannt Aramis in den Wagen – und der Hund läuft. „Wie der gemerkt hat, dass er wieder beweglich ist, fand er's toll. Da war gar keine Eingewöhnung.“

Kurz danach muss Aramis mal wieder geimpft werden. Als der Tierarzt Christel Wanzek eine Broschüre für Hunderollstühle vorlegt, lacht sie und erwidert: „Hab' ich schon bestellt.“

Der erste Spaziergang mit Rollstuhl war vor allem eines: Entlastend. Knapp 19 Kilogramm wiegt Aramis, auf Dauer zu schwer für das entspannte Schlendern.

Zwar ist seine Behinderung offensichtlich – Verhalten tut er sich aber wie jeder Hund. Er schnüffelt an allem und jedem, bettelt um Krauleinheiten und schlabbert als Dank über die Hand. „Er nimmt ja voll am Leben teil“, freut sein Frauchen sich. Nur Treppen sind für den Rüden ein Problem. Aber dafür hat Christel Wanzek immer noch ihre Tragetasche.

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