Iphofen

Vergessene Bücher - warum werden sie nicht ausgeliehen?

Mehr als 1200 vergessene Titel gibt es in der Iphöfer Stadtbibliothek. Bücher, die noch nie ausgeliehen wurden. Was macht sie zu Außenseitern der literarischen Welt?
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Vertieft in vergessene Literatur: Heidi Gresner, Amelie Witt, Ulrike Witt, Annemarie Belz und Gisela Oppel (von links) vom Iphöfer Büchereiteam blättern in Büchern, die noch nie ausgeliehen wurden. Foto: Lenz
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Gilbert Kaplan ist ein Mann voller Melancholie und Tristesse, aber auch ein Mann von milder Heiterkeit. Ein greiser Wissenschaftler von 89 Jahren, der im Spätherbst seines Lebens noch eine Auszeichnung erhalten soll, aber vergessen hat, wofür. Gilbert Kaplan ist der Held wider Willen im Roman von Véronique Bizot, „einem fabelhaften kleinen Buch“, wie das Feuilleton der Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) urteilte. Nun aber steht dieses fabelhafte, kleine Buch schon eine ganze Weile in den Regalen der Iphöfer Stadtbücherei, und keiner mag sich seiner annehmen. „Schade eigentlich“, sagt Ulrike Witt, die es gelesen hat.

Der Roman „Meine Krönung“ gehört zu jenen etwa 1200 Büchern, die seit der Neueröffnung der Bücherei im Jahr 2015 noch nie ausgeliehen wurden. Was macht diese Bücher beim Publikum zu ungeliebten Außenseitern? Welchen Makel tragen sie, dass sie so lange unangetastet bleiben? Und wie geht eine von den zwei großen Kirchen und der Stadt getragene Einrichtung mit dieser Art von Bücher-Mobbing im öffentlichen Raum um? Wer Antworten auf diese Fragen sucht, muss sich auf den Weg ins Iphöfer Dienstleistungszentrum machen, am besten an einem Vormittag, an dem noch nicht viel los ist.

Bücher-Mobbing im öffentlichen Raum

Es war ein kleiner Artikel im städtischen Mitteilungsblatt, der zu Ulrike Witt und ihrem Team führte. „Schrei nach Liebe“, so war der Beitrag betitelt, verbunden mit dem Appell: „Zeigen Sie Herz. Nehmen Sie diese Außenseiter zu sich nach Hause.“ Doch das Erste, was auffällt, wenn man die Bücherei betritt: Man muss schon genau hinhören, um den Schrei zu hören. Die Bücher, um die es geht, stehen weit hinten in einem Regal an der Wand. Ulrike Witt versucht sie, aus ihrem Nischendasein zu befreien, aber was hat sie überhaupt in die Nische gebracht? Was unterscheidet diese Bücher von anderen, die – kaum, dass sie da sind – schon wieder ausgeliehen werden? Es sei ihr Status, sagt Witt.

Das "unsägliche Siegel des Spiegel-Bestsellers"

Alles, was von den Medien beworben und im Fernsehen besprochen werde, alles was dieses „unsägliche Siegel des Spiegel-Bestsellers“ trage, werde ihnen quasi aus der Hand gerissen, erzählt Ulrike Witt. „Dabei sagt dieses Siegel meiner Meinung nach gar nichts.“ Tatsächlich bilden derlei Listen vor allem ab, was relativ viele Menschen in relativ kurzer Zeit an Büchern kaufen, nicht zwingend spiegeln sie den literarischen Anspruch, den es in einer gut sortierten Bücherei eben auch geben müsse, wie Ulrike Witt sagt. Das ist das Dilemma, in dem Bibliotheken ebenso stecken wie Fernsehanstalten, zumindest diejenigen, die sich dem öffentlich-rechtlichen Bildungsauftrag verschreiben. Qualität heißt nicht Quote. Das zeigt sich etwa beim Spartensender Arte, der in seinem Programm auf Anspruchsvolles setzt – und dafür in Kauf nimmt, nur ein begrenztes Publikum zu erreichen. „Das ist in einer Bücherei ähnlich“, sagt Witt.

Den Bestand einer Stadtbibliothek zu gründen geschieht nicht nach dem Zufallsprinzip, sondern fußt auf wissenschaftlichen Kriterien. In Iphofen war es so, dass sich bei der Neuausrichtung vor vier Jahren der katholische St.-Michaelsbund, ein von der Erzdiözese München und Freising getragenes katholisches Medienhaus, in die Sache einschaltete. Auf 8600 Medien – neben Büchern sind das CDs, DVDs und Hörbücher – bringt es die Stadtbücherei heute. Hinzu kommt eine Online-Ausleihe mit mehr als 14 000 Titeln , darunter die aktuellsten Zeitschriften und Zeitungen. Die Experten rieten, nicht nur Pop-Literatur ins Portfolio aufzunehmen, sondern auch andere Ansprüche zu bedienen.

Nach der Belletristik kommen die Sachbücher

Es sind verstärkt diese Werke, die in Iphofen heute unter der Rubrik „Buch-Juwelen“ vermarktet werden. Titel, die nicht von allein funkeln, sondern inszeniert und ins richtige Licht gesetzt werden müssen, um ihre Strahlkraft beim Leser zu entfalten: William Shaw und seine „Kings of London“, ein Kriminalroman aus dem London der Swinging Sixties, Amy Plum mit ihrer Liebesgeschichte „Von der Nacht verzaubert“ oder Britta Stuff und Kathrin Spoerr mit ihrem Roman „Nach Feierabend“, einer Gesellschaftsschau voller Geheimnisse und Abgründe. Eine ältere Frau nimmt an diesem Vormittag mehrere dieser Bücher in die Hand, studiert ihre Inhaltsangaben – und stellt sie dann zurück ins Regal. Andere greifen beherzt zu, wie Ulrike Witt berichtet. Sie sieht die Anfang des Jahres gestartete Aktion schon jetzt als Erfolg. Nach den vergessenen Werken der Belletristik sollen im Frühjahr Sachbücher in den Fokus gerückt werden.

Auch Witt nimmt sich hin und wieder einer jener vernachlässigten „Buch-Juwelen“ an – nicht aus Mitleid, sondern aus echtem Interesse, weil sich manch unverhoffter Schatz darunter verbirgt. Vom Michaelsbund hat Iphofen gerade das „Goldene Büchereisiegel“ verliehen bekommen, das nur jene Einrichtungen erhalten, die mehr als den Mindeststandard erfüllen. Die Auszeichnung würdigt in gewisser Weise auch die ehrenamtliche Arbeit von Ulrike Witt und ihrem 17-köpfigen Team, das die Stadtbücherei dreimal die Woche für fünf Stunden offen hält und einen immer größeren Kreis von Lesern anspricht. Mit ihnen wächst auch die Gruppe derer, die ein Herz für herrenlose Bücher haben.



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