Kitzingen

Unfall mit dem Rad: Helfer retten Mädchen aus dem Main

In Kitzingen plumpst eine Dreijährige in den Fluss. Nur ihr Fahrradhelm schaut aus dem Wasser. Eine Frau und zwei Männer zögern keine Sekunde und werden zu Lebensrettern.
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Sonja Eydel (Zweite von rechts) hat in Kitzingen die dreijährige Arianna Nolting (links im Bild auf dem Arm ihrer Mutter Cecilia Nolting) aus dem Main gerettet. Unterstützt hat sie dabei Aman Nega (rechts). Foto: Michael Mößlein

Arianna ist fast vier. Ein quietschlebendiger Blondschopf mit einem Lächeln, das Steine erweichen könnte. Und alles andere als mundfaul. Das Mädchen aus Kitzingen hat es offensichtlich gut weggesteckt, dass sie Anfang Juni womöglich fast ihr Leben verloren hätte – wären da nicht Sonja Eydel aus Kitzingen und zwei weitere Helfer gewesen.

Die 47-jährige Eydel sitzt am 5. Juni nachmittags gegen vier am Oberen Mainkai, kurz vorm Unteren Mainkai. Sie kommt gerne hierher. Dieses Mal nutzt sie den Blick aufs Wasser, um dabei zu telefonieren. "Was ich dann sah, vergesse ich mein Lebtag nicht", sagt die Mitarbeiterin des Landratsamtes in Kitzingen. Fassungslos beobachtet sie, wie ein ein kleines Mädchen mit seinem Fahrrad vor ihren Augen schnurstracks aufs Ende der Kaimauer zufährt. "Ich wusste: Jetzt passiert es", sagt Eydel. Und schon plumpst das Mädel mitsamt des Rads ins Wasser.

Die Mutter schreit noch "Brems!"

Arianna ist mit ihrer Mutter Cecilia Nolting (41) und ihren beiden älteren Geschwistern unterwegs. "Ich habe mich nur ganz kurz zu meiner älteren Tochter umgedreht", berichtet die Mutter, da rief diese schon: "Guck mal!" Als die Mutter hinschaut, sieht sie Arianna, die unbemerkt mit dem Rad einen rechten Haken geschlagen hat, auf den Main zufahren. Die Mutter schreit noch "Brems! Brems!". Doch da ist es schon zu spät.

Zum Glück wechselt Sonja Eydel innerhalb kürzester Zeit aus ihrer Beobachterrolle in die Rolle als Retterin. Ist es Instinkt? Oder ist es bewusstes Handeln? Die 47-Jährige weiß es nicht. "Nette Freundinnen von mir sagen immer, ich hätte ein Helfersyndrom." Egal, aus welchem Grund: Sie denkt keine Sekunde nach, lässt ihr Handy fallen, rennt die 20, 25 Meter zum Mainkai und springt ins Wasser. Zwei Schwimmzüge, dann ist sie bei dem Mädchen. Von diesem schaut nur noch der Fahrradhelm aus dem Wasser. Ihr Kopf ist im trüben Wasser.

"Es ist nicht selbstverständlich, wenn jemand hilft."
Cecilia Nolting, Mutter der gerettet Arianna

Trotz der Strömung schafft es Eydel, mit dem Mädchen zur Kaimauer zurückzuschwimmen. Sie hält sich am Tau eines Kahns fest, der dort festgemacht ist. Arianna, die Nichtschwimmerin ist, kann sie nur mit Mühe über Wasser halten. Doch da sind schon zwei weitere Helfer zur Stelle.

Was Eydel nicht hat sehen können: Am Mainkai gibt es zwei weitere Zeugen des Unglücks. Aman Nega und sein Freund Ermyas Beyen gehen dort etwa 50 Meter entfernt spazieren – und spurten sofort zum Wasser. Sie strecken der Frau im Wasser ihre Hände entgegen und nehmen ihr das Kind ab. Dann ziehen sie die Helferin heraus. Ein Ehepaar, dessen Boot am Kai liegt, reicht Handtücher zum Abtrocknen.

Aman Nega hilft wo er kann

Aman Nega, der in Münsterschwarzach wohnt, hat auf seiner Flucht von Eritrea übers Mittelmeer nach Europa viel Schlimmes erlebt. Mehr möchte der 20-Jährige hierzu nicht berichten. "Wenn ich was Schlechtes sehe", sagt er, "dann möchte ich helfen." Er war dabei, als Freunde von ihm beinahe ertrunken sind – nicht auf der Flucht, sondern hier in Deutschland, im Schwimmbad.

Gut einen Monat nach den Schrecksekunden am Main treffen Arianna und ihre Mutter erstmals ihre Retter. Alle wirken glücklich und gelöst. Arianna hat das unfreiwillige Bad im Main ohne Blessuren überstanden. "Wir hatten Glück", sagt die Mutter und dankt den Rettern: "Schön, dass es solche Menschen gibt. Es ist nicht selbstverständlich, wenn jemand hilft." Eydel ist sich sicher, in einer solchen Situation wieder so zu handeln. Landrätin Tamara Bischof hat ihre Mitarbeiterin für deren vorbildliches Verhalten gelobt und möchte diese für die Lebensrettermedaille vorschlagen.

Für Arianna ist alles ein Abenteuer

Ein Happy End gibt es auch für Ariannas Fahrrad zu berichten: Ein Taucher hat den nagelneuen Drahtesel vom Grund des Mains hochgeholt. Hinweise in sozialen Medien haben dazu geführt, dass Arianna ihr Rad zurückbekommen hat, frisch geputzt. Mittlerweile fährt Arianna damit wieder eifrig durch die Gegend und verspricht, künftig besser zu bremsen – denn das hatte sie vor ihrem Ausflug in den Main vergessen, sagt sie und lacht schon wieder. Für sie ist das alles ein Abenteuer gewesen. Einzig ihre Puppe vermisst sie: Die fiel mit ihr ins Wasser und schwimmt wohl noch immer irgendwo im Main.

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