KITZINGEN

Unbegrenzt daddeln – oder Zeit für Freunde?

Es kommt häufig vor, dass ein Redakteur eine Schulklasse besucht: Entweder hält er selbst einen Vortrag – oder berichtet über eine schulische Veranstaltung.
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Kontroverse Debatte: Soll es ein Gesetz geben, das Jugendlichen vorschreibt, wie lange sie täglich in Sozialen Netzwerken unterwegs sein dürfen – oder nicht? Die Klasse 8e des AKG in Kitzingen hat Argumente dafür und dagegen gesammelt, Daumen gehoben oder gesenkt. Foto: Fotos (3): Norbert Hohler

Es kommt häufig vor, dass ein Redakteur eine Schulklasse besucht: Entweder hält er selbst einen Vortrag – oder berichtet über eine schulische Veranstaltung.

Doch im Kitzinger Armin-Knab-Gymnasium (AKG) ist Anfang März alles anders: Die Klasse 8e hat sich mit ihrem Lehrer Stefan Weiß einen Beitrag für die Zeitung überlegt, ihn entworfen und besprochen. Und jetzt ist Main-Post-Redaktionsleiter Norbert Hohler zu Gast, um mit der Klasse und ihrem Lehrer an der Umsetzung des Ganzen zu arbeiten, die Feinheiten zu besprechen.

Sechs Gruppen

Das Thema lautet: Sollte Jugendlichen die Teilnahme an Sozialen Netzwerken per Gesetz auf eine Stunde pro Tag beschränkt werden? Oder ist das weder sinnvoll noch umsetzbar? Es wurden sechs Gruppen gebildet – drei für das Gesetz, drei dagegen, wobei es keine Rolle spielte, welche Meinung der Einzelne selbst hat: Jeder musste laut seinem Auftrag Pro- oder Contra-Argumente finden.

PRO, Gruppe 1 (Moritz, Leon): „Das stärkste Argument für ein Gesetz ist die deutliche Verminderung der Gefahr von Cybermobbing. Wenn man nur eine Stunde Zeit hat, teilt man sich diese so ein, dass man mehr mit guten Freunden kommuniziert anstatt Leute zu beleidigen. Das Beispiel eines Kameraden meiner Fußballmannschaft soll das veranschaulichen: Dieser hat ein Bild seiner Freundin auf Facebook veröffentlicht. Daraufhin postete ein gegnerischer Spieler einen unangemessenen Kommentar mit sexuellen Anspielungen. Derartige Fälle würden seltener, wenn man nur eine Stunde Zeit für Soziale Netzwerke hätte.“

Nur noch Instagram

Gruppe 2 (Bastian, Markus, Daniel, David): „Das Gesetz sollte eingeführt werden, weil dann mehr Zeit fürs Lernen bleibt: Peter (Name geändert) hatte früher gute Noten. Bis er sich nur noch für Soziale Netzwerke interessierte – seitdem sind seine Noten immer schlechter geworden. Er verbringt einen Großteil seiner Zeit mit Instagram, weshalb er nichts mehr für die Schule macht.“

Gruppe 3 (Simon, David, Ikra, Lukas): „Wer weniger Zeit für Soziale Netzwerke verbraucht, hat mehr Zeit, sich mit seinen Kameraden in der Realität zu treffen: Früher hat sich Rüdiger (Name geändert) jeden Tag mit Freunden getroffen. Jetzt sitzt er den ganzen Tag vor seinem iPad und chattet mit ihnen, anstatt sie direkt zu treffen.“

CONTRA, Gruppe 1 (Celina, Claire, Fabiane, The Minh): „Eine zeitliche Begrenzung würde die virtuelle Kommunikation erheblich stören, weil eine Stunde schnell vorbei ist. Angenommen, man war krank und hätte Fragen zur Schule, würde sich gern den Stoff der letzten Stunden schicken lassen, dann wäre das nach Aufbrauchen der Zeit überhaupt nicht mehr möglich.“

Gruppe 2 (Luca, Hannah, Johanna, Paul): „Die Forderung, die Teilnahme an Sozialen Netzwerken auf eine Stunde am Tag einzuschränken, ist problematisch: Dies wäre ein Eingriff in das Erziehungsrecht der Eltern. Sie sollten weiter frei entscheiden können, wie lange ihre Kinder surfen dürfen. Einige Schüler unserer Klasse haben schon mal erlebt, dass ihnen von den Eltern die Internetnutzung eingeschränkt wurde, etwa wegen schlechter Noten, zu spätem Heimkommen, anderen Dingen: Da soll sich der Gesetzgeber raushalten.“

Eigene Entscheidung

Gruppe 3 (Linda, Yvonne, Xenia, Theresa): „Der Gesetzesvorschlag ist unangebracht, da die Politik zu stark in die Privatsphäre eingreifen würde. Den Jugendlichen wird auf diese Art die Freiheit genommen, selbst zu entscheiden, wie viel Zeit sie in Sozialen Netzwerken verbringen möchten – oder nicht.“

Nun will der Redakteur von der Klasse wissen, womit man einen Artikel noch griffiger, sprich viel interessanter machen könnte. Also fragt er, was eine Schülerin tun würde, wenn ihr die Eltern das Handy abnähmen. „Ich würde so lange mit ihnen kein Wort reden, bis ich es wieder bekomme. Das hat sogar schon mal funktioniert“, sagt sie und lacht.

Dann bringt der Profi die Schüler auf die Idee, doch bei „Google“ herauszufinden, welche Internet-Zeiten das Bundesfamilienministerium für angemessen hält. Und siehe da – die Empfehlung geht über maximal 30 Minuten (bis sieben Jahre), 45 Minuten (acht bis neun Jahre), 60 Minuten (zehn bis elf Jahre) und 75 Minuten (12 bis 13 Jahre). Die meisten Schüler sind 14 Jahre – so betrachtet könnten sich jetzt die Gegner eines Gesetzes gestärkt fühlen.

Danach müssen noch zwei Mädchen oder Jungs gefunden werden, sie sich trauen, einen Pro- und einen Contra-Kommentar zu schreiben. Erstaunlich: Nicht die Mädchen, denen man in diesem Alter oft mehr Mut und Reife zuspricht, sagen zu, sondern Bastian und Moritz.

Das Was ist wichtig

Das Schlusswort schließlich hat Lehrer Stefan Weiß: „Viel wichtiger als die Frage, wie viel Zeit man in Sozialen Netzwerken verbringt, ist, was man dort macht.“ Sprich: Besser zwei Stunden mit guten Freunden „daddeln“, als eine Stunde mit „falschen“ Freunden. Mit dem Gongschlag ist eine für alle Beteiligten interessante Doppelstunde zu Ende!

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