Würzburg
Gericht

Tödlicher Fehler im OP-Saal

Eine Mandel-Operation verläuft normal, dann kommt es zu einer Nachblutung. Der 26-jährige Patient stirbt. Die Narkose-Ärztin spricht von Hektik und Chaos im OP-Saal.
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Foto: FT-Archiv
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"Schweres Fehlverhalten" hat Strafrichter Thomas Behl bei einer 61-jährigen Narkose-Ärztin aus Würzburg festgestellt, die er gestern wegen fahrlässiger Tötung eines
Patienten zu einem Jahr und vier Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt hat. Die Medizinerin hatte als Anästhesistin bei einer Not-Operation nicht bemerkt, dass der 26-jährige
Patient während der Narkose nicht ausreichend mit Sauerstoff versorgt wurde.

Drohender Blutverlust

"Hektik und Chaos" fand die Narkose-Ärztin nach eigenen Angaben vor, als sie während ihrer Rufbereitschaft zu einer Not-Operation in die Würzburger Klinik gerufen wurde, an der sie als Beleg-Ärztin tätig war. Dem Patienten waren zwei Tage zuvor die Mandeln entfernt worden. Am 25.
August 2010 kam es bei dem 26-Jährigen, ansonsten kerngesunden Mann zu einer starken Nachblutung im Rachen, die wegen des drohenden Blutverlusts einen schnellen Eingriff notwendig machte.
Der Angeklagten blieb nicht einmal Zeit, sich umzuziehen. In ihrer Privatkleidung versetzte sie den Patienten in Narkose und versuchte dann, ihn zur Sauerstoffversorgung zu intubieren. Als der damals 59-Jährigen das misslang, legte die anwesende HNO-Ärztin den Zugang, allerdings nicht in die Luft-, sondern in die Speiseröhre. Die Angeklagte überprüfte den Tubus und bemerkte den Fehler zunächst nicht.
Erst kurze Zeit später fiel ihr auf, dass mit dem Zugang etwas nicht stimmte. Auch ein zweiter Versuch durch sie scheiterte, wieder übernahm die HNO-Ärztin, wieder wurde der Tubus von ihr in die Speiseröhre gelegt. Auch das fiel der Angeklagten nicht auf. "Beim zweiten Versuch hätte man kritischer hinschauen müssen", betonte Richter Thomas Behl.
"Ich habe den Patienten abgehört und hatte den Eindruck, Atemgeräusche zu hören", sagte die 61-Jährige, der ihre Verantwortung für den Tod des Patienten bewusst ist: "Ich habe einen Fehler gemacht. Mir ist bis heute unbegreiflich, warum ich das nicht gemerkt habe." Auch ein medizinisches Gutachten kommt zu dem eindeutigen Ergebnis, dass sie allein für den Tod des Patienten verantwortlich ist. "Sie muss in dieser Situation einen Blackout gehabt haben", sagte der Verteidiger.
Die Notoperation sei zwar "eine extreme Grenzsituation" gewesen, betonte ein Anästhesist von der Uniklinik Erlangen als Sachverständiger vor Gericht. Die Angeklagte habe es aber versäumt, den Sauerstoff-Gehalt im Blut des Patienten durch einen Blick auf die dafür vorgesehenen Geräte zu überwachen: "Sie hat unsichere Methoden verwendet, um die Atmung festzustellen."

Halbe Stunde Sauerstoffmangel

Eine halbe Stunde nach Beginn der Narkose führte ein anderer Anästhesist eine korrekte Intubation bei dem Patienten durch, doch es war zu spät: Nach gut
30 Minuten Sauerstoffmangel konnte der Mann auch durch einen Notarzt nicht mehr gerettet werden und starb am Tag nach seinem 26. Geburtstag.
Wenige Stunden nach dem Vorfall begab sich die Ärztin zur Polizei und ließ sich auf Drogen- und Alkoholkonsum untersuchen. Etwa ein halbes Jahr zuvor hatte sie sich nach anonymen Anschuldigungen auf Geheiß der Klinik ebenfalls einem Drogen- und Alkoholtest unterziehen müssen. In beiden Fällen war sie sauber. Sie habe kein Problem mit Alkohol oder Drogen, betonte die 61-Jährige.
Ihren Beruf will sie wegen des Vorfalls nicht mehr ausüben. Die Klinik hat ihr gekündigt, ihre Praxis hat sie verkauft, lebt von ihren Reserven und hat Frührente beantragt. Ihr Mann ist ebenfalls arbeitslos, das gemeinsame Haus will das Paar verkaufen, um die Schulden von 300 000 Euro zu decken.
Noch viel schlimmer waren die Folgen des tragischen Geschehens aber für die Verlobte des Verstorbenen: Sie leidet bis heute an schweren Depressionen und ist nicht arbeitsfähig. Auch die Mutter des 26-Jährigen ist in Behandlung. "Sie haben durch ihr Versagen schwere Folgen verursacht. Innerhalb dieser halben Stunde hat sich das Leben aller Beteiligten geändert", betonte Behl. Weil sie kein Einkommen hat, muss die 61-Jährige als Bewährungsauflage 320 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten.

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