Frühjahrszeit – Hochwasserzeit. Wer nicht gerade zu den Hochwassertouristen gehört oder nicht in sicherer Entfernung zum Main wohnt, der richtet wohl gerade zum Jahresbeginn bange Blicke auf den Pegelstand. Hochwässer sind bekanntlich nichts Neues und auch die Bewohner des Maintales müssen bereits seit Jahrhunderten damit leben.

Zahlreiche Markierungen an Gebäuden erinnern an Katastrophen, wobei das Hochwasser von 1784 deutlich heraussticht. Ein Augenzeugenbericht des Pfarrers Friedrich Heinrich Günther schildert dieses Ereignis und erzählt, wie es den Einwohnern von Segnitz in diesen Tagen ergangen ist.

Pfarrgarten überschwemmt

Eine dicke Eisschicht bedeckte im Februar 1784 den Main und man musste befürchten, dass es im Ort bald wieder einmal feucht werden könnte. Allerdings ahnte noch niemand, dass die bis dahin schlimms-ten Wasser von 1682 oder 1684 diesmal noch übertroffen werden würden. Am Freitag, 27. Februar, früh um 4 Uhr brach das Eis und staute sich bei Segnitz, wodurch das Wasser sehr schnell anstieg und bereits um die Mittagszeit den Pfarrgarten überschwemmt hatte. Gegen 12 Uhr durchbrach das Wasser die Eisbarriere und floss in kürzester Zeit wieder ab.

„Doch jene Angst war nur eine kleine Vorbereitung zu einer weit schröcklicheren; denn Freytags Nacht wuchs das Wasser so stark, daß Samstags frühe um 10 Uhr schon alle Keller und Häuser im hiesigen ganzen Orte voll Wasser waren“, heißt es im Bericht von Pfarrer Friedrich Heinrich Günther. In aller Eile räumte er seine Erdgeschosswohnung im Pfarrhaus und schaffte das Nötigste in den ersten Stock.

Sein Vieh wurde bereits durchs Wasser auf das freie Feld geführt und musste dort die sehr kalte Nacht verbringen. Am nächsten Tag evakuierte man die Tiere nach Erlach. Der Pfarrer war mit seiner Frau, seinen vier Kindern und zwei Mägden in das Obergeschoss des Pfarrhauses geflüchtet. Dort war man zwar im Trockenen „jedoch in größter Gefahr; denn das Wasser führte durch unsern Ort entsetzlich viele große Eisstücke, die nicht selten an mein altes baufälliges Pfarrhaus anstießen, und demselben mit Einsturz drohten“.

Hilferufe von allen Seiten

Darüber hinaus befürchtete Pfarrer Günther, die aufschwimmenden Möbel im Untergeschoss könnten die Decke durchbrechen und „uns dadurch plötzlich dem Tode überliefern“. Am Sonntag früh um 1 Uhr schauten nur noch vier Stufen seiner Treppe zum Obergeschoss aus dem Wasser heraus und an eine Rettung war überhaupt nicht zu denken. Während der ganzen Nacht war nämlich kein Fahrzeug zu sehen und die unaufhörlichen Hilferufe von allen Seiten steigerten die Todesangst im Pfarrhaus nur noch mehr.

Am Sonntagmorgen türmten sich die Eisschollen im Ort meterhoch und es dauerte noch Wochen, bis die Eisberge beseitigt waren. Besonders schlimm sah es aber in der Kirche aus. Dort hatte das Wasser den Altar mehr als drei Meter überflutet, tiefe Löcher ausgespült und eine Schlammwüste hinterlassen. Fast alle Sitzmöbel waren herausgerissen und in der Sakristei hatte der Bücherbestand ebenfalls sehr gelitten.

Auch der Friedhof wurde übel zugerichtet und „viele Häuser sind hier äußerst beschädigt, und bey manchen ist wohl kein Zweifel, daß sie auch noch ganz zusammenfallen“.

Die Brunnen waren verdorben

Die Brunnen im Ort waren verdorben, so dass man das Trinkwasser zunächst aus Marktbreit herbeischaffen musste. Auch in der freien Feldflur hatte das Wasser seine Spuren hinterlassen, ganze Baumländer vernichtet und zahlreiche Äcker verwüstet. Große Sorge widmete Pfarrer Günther aber seinen Weinen, die noch unter Wasser standen und sein ganzes Vermögen darstellten. „Wie geschwinde könnte man hier ein Bettler werden? Das vermehrt meine lange gesagte Begierde, von hier wegzukommen außerordentlich“, stöhnte der Pfarrer. Friedrich Heinrich Günther blieb aber noch fast zehn Jahre in Segnitz und erlebte wohl noch so manches Hochwasser.

Die Pfarrchronik weiß über ihn zu berichten: „Durch seine amtliche Wirksamkeit und Wandel dahier hat er sich Liebe und Anhänglichkeit erworben. Als er am 25.7.1793 am Schlagfluß starb, hinterließ er seine Witwe mit acht Kindern, die noch ein ganzes Jahr den Nachsitz im Pfarrhaus genoss“.