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Kitzingen

"Systemsprenger" stellen Jugendamt vor große Herausforderungen

Immer mehr Kinder und Jugendliche mit extremem, auch gewalttätigem Verhalten landen beim Kitzinger Jugendamt. Einen Einblick in die Arbeit der Behörde gibt der Jahresbericht.
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"Systemsprenger", besonders herausfordernde, zum Teil gewaltbereite Kinder, waren sogar schon Inhalt eines Kinofilms. Foto: Port au Prince Pictures

"Systemsprenger"  war für das Jugendamt im Landkreis Kitzingen das "Wort des Jahres" 2018 und 2019. Immer mehr Kinder und Jugendliche würden durch "extrem herausforderndes Verhalten" auffallen, berichtete jüngst Bernd Adler, Leiter des Sachgebiets Sozialer Dienst, am Montag vor dem Jugendhilfeausschuss des Kreistags.

Diese Kinder und Jugendlichen würden in ihren Betreuungseinrichtungen sowohl andere Kinder als auch Mitarbeiter verletzen und seien durch die angebotenen Hilfen kaum in den Griff zu bekommen. Kommt eine Behinderung dazu, streiten sich außerdem noch Bezirk und Landkreis um die Zuständigkeit. Adler hat die Erfahrung gemacht, dass manche dieser sozial schwierigen Fälle von Einrichtung zu Einrichtung wechseln, was aber eher zu einer Verschlechterung der Lage führe. Deshalb folgert er: Besser sei es, die betroffenen Kinder und Jugendlichen in einer Einrichtung zu halten, aber zusätzliche Betreuungsleistungen anzubieten.

Mehr Freiheitsentzug wegen Selbstgefährdung

Laut Adler nehmen auch die Fälle von richterlich verfügtem Freiheitsentzug zu. Dabei gehe es oft um Selbstgefährdung, zum Beispiel durch Drogenkonsum. Auf der anderen Seite sei das Jugendamt bemüht, wo immer möglich, den von ihm betreuten Jugendlichen mehr Freiheiten zu gewähren, wenn sie 16 Jahre alt geworden sind.

Ein positives Bild zeichnete Adler von den Pflegefamilien im Landkreis. Bei ihnen seien im Jahr 2019 44 Kinder in Vollzeitpflege in Obhut gewesen, genauso viele wie im Jahr zuvor. Adler lobte besonders die Bereitschaftspflegefamilien, die für Notfälle rund um die Uhr erreichbar seien. Sechs solche Familien stehen jederzeit bereit, inzwischen im Verbund mit weiteren in den Regionen Schweinfurt, Haßberge und Main-Spessart.

Problematisch sei allerdings, Neugeborene unterzubringen. Dafür gebe es wenige aufnahmebereite Familien, denn oft sei damit der Verzicht eines Pflege-Elternteils auf die eigene berufliche Tätigkeit verbunden.

Alkohol und Gewalt in Familien

Eine Zunahme der Fallzahlen meldete Adler aus dem Bereich der Kindeswohlgefährdung. Sprich: Kinder würden in staatliche Obhut genommen, um sie aus Familien zu befreien, in denen es häufig zu Gewalt und Streitereien komme. "Oft ist Alkohol im Spiel", wusste der Sachgebietsleiter zu berichten. Er betonte, dass die Polizei inzwischen unverzüglich Meldung ans Jugendamt mache, wenn sie bei Einsätzen auf entsprechende Familien stoße. Das Jugendamt bestelle dann umgehend die Eltern ein. 

Von 173 gemeldeten Fällen im Jahr 2019 hätten sich aber nur 27 als echte Gefährdung herausgestellt. Ein Großteil, nämlich 41 Fälle, sei als "Falschmeldung" eingestuft worden. 

17 unbegleitete minderjährige Ausländer und einen jungen volljährigen Geflüchteten betreute das Landratsamt im vergangenen Jahr, ein Rückgang um fünf im Vergleich zum Vorjahr. Von ihnen lebten 14 in einem Heim, zwei in Vollzeitpflege.

Der Bandenkriminalität auf der Spur

Adler verschwieg auch nicht, dass unter den "entwurzelten jungen Männern mit Migrationshintergrund" auch solche zu finden seien, die sich kriminellen Banden anschließen. 2018 habe es ein Allzeithoch bei den Anzeigen gegen solche junge Männer in Unterfranken gegeben, was zu einer Abarbeitung von mehreren Hundert Fällen geführt habe. Würzburg sei dabei als ein Schwerpunkt des Bandengeschehens identifiziert worden; daran seien auch junge Männer aus dem Landkreis Kitzingen beteiligt gewesen. Inzwischen seien aber die schweren Straftaten ermittelt und die Gerichtsverhandlungen dazu laufen.