Kitzingen
Asyl

"Sultan soll bleiben!"

Mit seinen 14 Jahren überragt er schon seinen Papa. Doch nicht nur sein Körper beweist Größe. Schon als Kind hat Sultan Berisa viel Verantwortung in seiner Familie übernommen - einer Roma-Familie, die keine Heimat hat und der auf der Flucht Schreckliches widerfahren ist.
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Karl Niedermeier gibt Sultan Berisa Halt. Der 14-Jährige liebt es, am Main zu sitzen, aber er hat große Angst davor, dass seine Familie abgeschoben wird.
Karl Niedermeier gibt Sultan Berisa Halt. Der 14-Jährige liebt es, am Main zu sitzen, aber er hat große Angst davor, dass seine Familie abgeschoben wird.
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Seit gut zweieinhalb Jahren leben die Berisas zwar in Kitzingen. Doch auch hier hängt das Damoklesschwert der Abschiebung über den Köpfen von Mama Sadeta Tairi, Papa Siceri Berisa und den drei Kindern Sultan, der elfjährigen Elmie und des neunjährigen Safet.

Vor 13 Jahren, während des Bürgerkriegs im Kosovo, mussten die Berisas ihr Heimatdorf "Djeneral Jankovic" verlassen. Siceri Berisa und sein Vater waren zusammen mit anderen Roma gezwungen worden, ein Massengrab für getötete albanische Frauen und Männer auszuheben und die Toten zu verscharren. Der heute 49-jährige Familienvater flüchtete mit seiner Frau nach Mazedonien.

Mutter wird vergewaltigt

Erst dort, später auch in Serbien versuchten die Berisas, Fuß zu fassen. Doch sie waren weder hier, noch da willkommen.
Beim Versuch, in den Kosovo zurückzukehren, wurden sie überfallen und zusammengeschlagen, Mutter Sadeta Tairi wurde vergewaltigt.

Verzweifelt wollte die Familie sich erneut in Mazedonien niederlassen - vergeblich. Nach einer weiteren Zwischenstation landeten die Fünf im Frühjahr 2011 in Deutschland, in der Gemeinschaftsunterkunft der Regierung von Unterfranken am Kitzinger Mainkai.

Warmherzige Kinder

Während die Eltern vom Schicksal gezeichnet sind - die traumatisierte Mutter wird psychiatrisch betreut, Vater Siceri ist unter anderem zuckerkrank - , blühen die Kinder in Deutschland auf. Schnell haben sie gut Deutsch gelernt und Freunde gefunden, Sultan ist begeistert im Sportverein aktiv. Die elfjährige Elmie und ihr zwei Jahre jüngerer Bruder Safet besuchen die St.-Hedwig-Grundschule, Sultan die 7. Klasse der Paul-Eber-Mittelschule. "Wie seine Geschwister hat Sultan in Deutschland das erste Mal überhaupt eine Schule von innen gesehen", erzählt Dr. Karl Niedermeier, der den 14-Jährigen ins Herz geschlossen hat und ihn von Beginn an als Lernpate unterstützt. "Was mich am meisten begeistert, sind seine Warmherzigkeit und sein mathematisches Verständnis", sagt Niedermeier. "Als er hierher kam, konnte er gerade mal das Einmaleins, das ihm seine Mutter beigebracht hatte. Heute löst er richtig schwere Textaufgaben."

"Solche Leute braucht doch das Land!" Maruschka Hofmann, eine gebürtige Slowenin, betreut die Asylbewerber ehrenamtlich zusammen mit Helmut Römpp (Arbeitskreis Asyl). Sie hofft sehr, dass die Berisas nicht wieder "rausgerissen" werden: "Die Kinder sind integriert, sie wollen lernen."

Wohin sollten sie auch abgeschoben werden? In den Kosovo, nach Bosnien oder Serbien? Eins ist klar: Willkommen sind sie nirgends. Rein rechtlich jedoch gelten sie nicht als politisch verfolgt, weil Bosnien und Serbien offiziell Demokratien sind - "auch wenn das in der Realität nicht stimmt", wie Hofmann weiß. Ein Gerichtsurteil hat jüngst bestätigt, dass das Bundesamt formaljuristisch richtig gehandelt habe, als es dem Antrag auf Asyl nicht stattgab.

"Wir haben täglich Angst, dass ein Brief mit amtlichem Absender kommt", berichtet Sultan. Dabei würde der 14-Jährige nichts lieber tun, als "hier bleiben, lernen und einmal einen Beruf ergreifen, der mit Autos zu tun hat".
Siceri Berisa kann zwar nicht so gut Deutsch wie sein Sohn, aber er nickt heftig und gibt zu verstehen, dass auch er "gerne arbeiten will, egal, was". Und dass er sich für seine Kinder eine Schulbildung und damit eine Zukunft wünscht.

"Diese Leute", sagt Helmut Römpp und deutet auf die Berisas, "sind nicht faul oder aggressiv, sondern das Gegenteil". Wer sie als "Zigeuner" abstemple, liege ganz falsch, fügt Dr. Niedermeier hinzu. Und Petra Dlugosch (Mehrgenerationenhaus Kitzingen) fasst zusammen, was alle denken: "Wenn sie abgeschoben werden, waren zweieinhalb Jahre Integration sinnlos. Die Berisas wären wieder sich selbst überlassen, ohne einen Ort, wohin sie gehen könnten. Das wäre schrecklich."







Eine Minderheit, viele Schicksale

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