GERLACHSHAUSEN

Skihüttenromantik auf dem Main

Unter Deck geht es eher rustikal zu und nicht so historisch stilvoll, wie das Frachtschiff „Willi“ von außen vermuten lassen könnte. In dem geräumigen Schiffsbauch reihen sich Luftmatratzen, Kühlschränke, Besen, ein Fahrrad, ein Grill und allerlei andere nützliche Dinge aneinander.
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Oldtimer auf Tour: Am alten Zementwerkshafen in Karlstadt hat der Frachter „Willi“ für eine Nacht festgemacht. Das historische Schiff setzt seine Reise fort mit Stationen in Würzburg, Gerlachshausen, Schweinfurt und Bamberg. Foto: Fotos: Karlheinz Haase
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Unter Deck geht es eher rustikal zu und nicht so historisch stilvoll, wie das Frachtschiff „Willi“ von außen vermuten lassen könnte. In dem geräumigen Schiffsbauch reihen sich Luftmatratzen, Kühlschränke, Besen, ein Fahrrad, ein Grill und allerlei andere nützliche Dinge aneinander. Es ist ein eher praktisches Ambiente, in dem sich die vorwiegend männlichen Crewmitglieder eingerichtet haben. Ausreichend Bier gehört ebenso dazu, wenn das historische Schiff unterwegs ist. Gerade tuckert es den Main hinauf – von Erlenbach am Main durch den Landkreis Main-Spessart, Würzburg, Schweinfurt, Bamberg. Ziel ist diesmal das Binnenschifferforum in Passau Ende Mai.

2004 hat sich der „Verein historische Binnenschifffahrt“ gegründet, um „Willi“ vor der Verschrottung zu bewahren. 1983 war der letzte Eigner Damian Salm gestorben. Da begann für den 39 Meter langen Kanaldampfer eine ungewisse Zeit. Die Gesellschaft zur Förderung des deutschen Rheinschifffahrtsmuseums in Mannheim übernahm ihn. Etwa zehn Jahre später fand sich endlich ein Liegeplatz an einem ebenfalls historischen Kran bei Mannheim. Gut weitere zehn Jahre später sollte das Schiff dann doch verschrottet werden, da keine Mittel für die vorgeschriebene technische Untersuchung vorhanden waren.

Dann kam es zur Gründung des „Vereins historische Binnenschifffahrt“. Ein gutes Dutzend Enthusiasten hatten sich ein Herz gefasst und beschlossen, den Frachter für die Nachwelt zu erhalten. Inzwischen hat der Verein 250 Mitglieder.

Auch wenn der Vereinssitz in Muttenz/Schweiz ist, so erwies es sich doch am günstigsten, „Willi“ in der Schiffswerft in Erlenbach am Main auf Vordermann zu bringen. Drei Jahre lang reisten die Vereinsmitglieder an vielen Wawets (Willi-Arbeitswochenenden) aus der Schweiz, Frankreich, den Niederlanden, Österreich und Deutschland an, um mit Beschäftigten der Werft drei Jahre lang Hand in Hand den Pott wieder fahrbereit zu machen. Rund 90 000 Euro wurden investiert. Fotos zeigen eindrucksvoll, wie der Laderaum, das Steuerpult und andere Bestandteile des Schiffes nach und nach wieder neuen Glanz erhielten.

Seit 2008 ist der Frachter jeweils von Mai bis September unterwegs und verbreitet alte Schiffsromantik. Die erste Reise führte nach Korneuburg an der Donau. Es folgten unter anderem Rotterdam, Basel, Duisburg-Ruhrort und der historische Hafen in Berlin. Meist sind es Hafenfeste oder Ereignisse wie die Kieler Woche, die das Ziel vorgeben.

Jetzt, bei der Reise auf dem Main, ist Jürgen Tiedtke der Schiffsführer. Er und Günther Baumgartner, der Präsident des Vereins, kennen sich schon seit ihrer gemeinsamen Lehre auf einem Schiff. Neben Profis wie ihnen gibt es unter den Mitgliedern viele, die einfach die Liebe zu einem alten Kahn und seiner Technik gepackt hat.

Und dann gibt es Vereinsangehörige für nur einen Tag. Denn aus Versicherungsgründen dürfen keine Passagiere mitgenommen werden, sondern nur Mitglieder. Kurzmitglieder können für fünf Euro einen Tag lang das Leben auf dem Schiff genießen. Auch die 35 Euro Jahresbeitrag sind erschwinglich.

Eine Nasszelle mit Toilette und Dusche ist der größte Komfort, den sich der Verein geleistet hat. Ansonsten herrscht „Skihüttenromantik ohne Schnee“, wie es Präsident Baumgartner gerne formuliert. Eines Tages jedoch wird – wer das will – auch wie in der „guten alten Zeit“ sein Geschäft verrichten können. Das alte Klo am Heck wartet momentan noch auf die historisch angemessene Sanierung. Dort hinter dem Steuerstand gibt es eine enge Luke, durch die man nach unten steigen kann zu einer Kloschüssel mit Pumpe, die zur Spülung dient.

In der Wohnung der Schifferfamilie ist ein Schlafgemach dem Schiffsführer vorbehalten. Die Wohnküche plus die beiden Schlaf-„Zimmer“ wurden 1961 neu in Holzoptik vertäfelt. Das war auch das Jahr, in dem „Willi“ seinen ersten Motor erhielt, einen Daimler Benz M204B mit 120 PS. Schon zehn Jahre später wurde er abgelöst von einem Daimler-Benz-Omnibusmotor in Marineausführung. Der leistet 200 PS bei 2000 Umdrehungen die Minute und schiebt das Schiff bis zu 14 Stundenkilometer schnell durch die Fluten. Das genügt gerade, um den Rhein bei starker Strömung auch bergwärts bewältigen zu können. Vor der Motorisierung wurde der in den Niederlanden gebaute und 307 Tonnen fassende Frachter als Schleppkahn mit Pferden getreidelt, also vom Ufer aus gezogen.

Am Montag nun war das Schiff auf dem Main von Marktheidenfeld nach Karlstadt unterwegs und am Dienstag fuhr es weiter nach Würzburg.

An diesem Mittwoch, 13. Mai, kann man „Willi“ zwischen Würzburg und Gerlachshausen sehen; am Donnerstag, 14. Mai, geht's von dort weiter nach Schweinfurt und am Freitag, 15. Mai, nach Bamberg. Schiffsführer Jürgen Tiedtke ist erreichbar unter Tel. (01 73) 9 34 86 14.

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