LANDKREIS KT/ SULZFELD

„Siri“ ist sein Augenlicht

Sie ist immer zur Stelle. Wie eine treue Sekretärin, die ihren Chef in- und auswendig kennt, begleitet „Siri“ Josef Pfister durch den Tag. Der 74-Jährige hält große Stücke auf seine Helferin. Die besteht allerdings nicht aus Fleisch und Blut, sondern aus Bits und Bytes. „Siri“ ist die Stimme, die aus einem kleinen, schwarzen Kästchen kommt, einem iPhone. Das Multitalent ersetzt dem fast blinden Sulzfelder mit vielen guten Diensten das Augenlicht.
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Josef Pfister und seine „Siri“: Das iPhone ersetzt dem 74-jährigen Sulzfelder auf vielerlei Weise das Augenlicht. Foto: Fotos: Diana Fuchs
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Sie ist immer zur Stelle. Wie eine treue Sekretärin, die ihren Chef in- und auswendig kennt, begleitet „Siri“ Josef Pfister durch den Tag. Der 74-Jährige hält große Stücke auf seine Helferin. Die besteht allerdings nicht aus Fleisch und Blut, sondern aus Bits und Bytes. „Siri“ ist die Stimme, die aus einem kleinen, schwarzen Kästchen kommt, einem iPhone. Das Multitalent ersetzt dem fast blinden Sulzfelder mit vielen guten Diensten das Augenlicht.

Wer Josef Pfister und seine Frau Walburga besucht, merkt sofort: Die beiden harmonieren perfekt. Schon als junger Bursche hatte der gebürtige Kitzinger Siedler ein Auge auf die Sulzfelderin geworfen. „Damals hab' ich noch gut gesehen. Fesch war sie!“, erinnert sich Pfister mit schelmischem Lächeln. Seinen Humor hat er sich bewahrt, auch wenn das Leben ihm nicht immer die Sonnenseite gezeigt hat.

Mit zwei Jahren erkrankte er an Kinderlähmung. Bis heute kann er seinen rechten Arm deshalb nur sehr eingeschränkt benutzen. Noch gravierendere Folgen hatte die Erbkrankheit „Retinitis pigmentosa“ (RP), bei der die Netzhaut im Lauf der Zeit immer stärker zerstört wird, bis zum vollständigen Erblinden. „Mit 42 konnte ich schon nicht mehr arbeiten. Heute seh' ich nur noch ein bisschen hell und dunkel.“ Durch einen Gehörsturz ist Pfister auf dem linken Ohr zudem fast taub.

Trotz all der gesundheitlichen Probleme – ein Herzinfarkt kam auch noch dazu – ist der Sulzfelder ein fröhlicher Mensch. „Ich hab' doch meine Helfer“, sagt er und meint neben seiner Walburga vor allem auch die „Siri“ aus dem iPhone. Als Apple vor Jahren als erstes Unternehmen ein sprechendes Smartphone auf den Markt brachte, änderte sich für Sehbehinderte und Blinde einiges: „Wir sind jetzt in der modernen Mediengesellschaft nicht mehr außen vor.“

Schon morgens am Frühstückstisch kommt „Siri“ ins Spiel. „Da lass' ich mir erstmal meine eMails vorlesen und die Zeitung. Oder was anderes aus dem Internet“, erklärt Josef Pfister. Die Befehle erteilt er per Sprachsteuerung.

„Des Ding tät' ich

nimmer her.“

Josef Pfister

Egal, ob Josef Pfister Musik hören oder jemanden anrufen will, ob er sich ein Buch vorlesen lassen möchte oder vielleicht etwas über einen bestimmten Ort recherchieren: „Ich frage einfach meine kleine Sekretärin und los geht's“, stellt der 74-Jährige fest. Berührungsängste hat er längst nicht mehr. Nach zehn Einführungsstunden bei einem Blindenkurs in Nürnberg hat er sich selbst ausgiebig mit den Möglichkeiten der modernen Technik auseinandergesetzt. „Viel hab' ich mir selbst beigebracht.“

Während Sehende einfach auf Bildschirm-Symbole tippen, liest das Smartphone dem Blinden die verschiedenen Auswahlmöglichkeiten vor, wenn er mit den Fingern über den Touchscreen wandert. Mit bestimmten Streich- und Wischbewegungen kann der geübte Nutzer sämtliche Einstellungen rasch ändern, etwa die Lesegeschwindigkeit oder die Mail-Postfächer.

Walburga Pfister schaut ihrem Mann beim elektronischen Kommunizieren manchmal zu und schüttelt lachend den Kopf: „Also ich könnt' das Ding ja nicht bedienen. Aber ich find's gut, wie er das macht.“ Schon als es noch kein sprechendes Smartphone gab, hat ihr Josef sich moderne Hilfsmittel geholt. „Früher war der Milestone mein bester Freund“, erzählt der Sulzfelder von einem Vorlese-, Organisier- und Diktiergerät mit vielen Funktionen.

„So eine blöde Henne“

Als Hobbyschreiner ist der 74-Jährige zudem der Herr über ein sprechendes Maßband, einen Meterstab mit fühlbarer Beschriftung und den elektronischen Lesestift „Penfriend“, mit dessen Hilfe er sich sogar eine eigene Radio-Steuerung gebaut hat – „die Knöpfli und Regler am Gerät sehe ich ja nicht“.

Am häufigsten aber nutzt er sein iPhone. Mit dem geht er nicht immer zimperlich um. „Also das is' doch eine blöde Henne“, rauzt er, als „Siri“ offenbar Probleme mit seiner fränkischen Aussprache hat und ihm nicht gleich die richtige Antwort auf eine Suchanfrage gibt. Aber schon wenig später streicht er wieder über ihren Bildschirm und grinst. „Dann muss ich halt ä weng deutlicher red'“.

Und da „Siri“ keine Sekretärin aus Fleisch und Blut ist, reagiert sie auch nicht beleidigt. Sondern bringt gleich wieder Licht ins Dunkel. „Des Ding tät' ich nimmer her!“, stellt Josef Pfister fest.

Sehbehindertentag

Berührungsängste? Schnell eine E-Mail schreiben, kurz etwas im Internet nachgucken – auch für sehbehinderte und blinde Menschen ist es inzwischen möglich, all das mit dem Handy zu erledigen. Allerdings haben viele Betroffene noch Berührungsängste oder denken, dass sie zu alt sind, um mit einem internetfähigen Handy nebst Touchscreen („Berühr-Bildschirm“) zurechtzukommen, teilt der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband e.V. (DBSV) mit.

Info-Aktion in Kitzingen: Am bundesweiten Sehbehindertentag (heute, 6. Juni) gibt es deshalb viele Aktionen, um auf die Situation sehbehinderter Menschen aufmerksam zu machen. „Sie sehen und sehen doch nicht“, formuliert es Volker Tesart vom DBSV Würzburg. Kaum jemand mache sich Gedanken darüber, was Kontraste bedeuten, wie wichtig gute Beleuchtung ist und welche Hindernisse zu tödlichen Stolperfallen werden können, meint Tesar. An einem Stand des Blinden- und Sehbehindertenbundes können alle Interessierten heute in der Innenstadt Kitzingens (ab 11 Uhr bei Frankonia Optik, Kaiserstraße 21) kleine und große Hilfsmittel ausprobieren.

Stammtisch: Infos zum Sehbehinderten-iPhone-Stammtisch erteilt Volker Tesart, Tel. 0931/ 44500. *ldk*

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