Kitzingen

Selbstmord

Ein Thema, über das geredet werden muss. Finden Alexander Bothe und Stefan Lange
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Suizid soll kein Tabuthema bleiben. Das wünschen sich Alexander Bothe, Reittherapeutin Nadine Ullrich und Autor Stefan Lange.

Neuses am Sand. Kein leichtes Thema, kein leichter Abend. Aber ein notwendiger. Davon sind Alexander Bothe und Stefan Lange überzeugt. Beide haben einen Selbstmordversuch hinter sich. Und sie wollen dieses Tabuthema endlich in die Öffentlichkeit holen.

Neuses am Sand, Wörners Schloss: Das Ambiente könnte nicht schöner sein. Drinnen, im Festsaal Tenne, spricht Alexander Bothe über ein Thema, das alles andere als schön ist: Seinen Selbstmordversuch. Bothe hat es nicht leicht gehabt in seiner Kindheit: Missbrauch, Gewalt. An vieles kann er sich nicht erinnern. „Ich habe Gedächtnislücken von ein paar Jahren“, erzählt er. 2010 ist er erkrankt: Schwere Depressionen. Er sah nur noch einen Ausweg.

Der Selbstmordversuch scheiterte, die Therapie begann. Ein steiniger Weg. Bothe wechselte den Therapeuten, fand den richtigen. Sechs Jahre lang lag er einmal pro Woche auf der Couch, erzählte von seinem Leben. Nach und nach reifte der Entschluss: Alexander Bothe wollte sich engagieren, etwas tun, um das Thema öffentlich zu machen, die Sprachlosigkeit überwinden. Er startete ein Internetforum, gründete eine Interessensgemeinschaft. 2015 trat er dem Bundesverband Anuas e.V bei, der seit 2008 unter anderem Angehörigen von Mord-, Tötungs-, Suizid- und Vermisstendelikten beisteht. Etwa 18 000 Mitglieder hat der Verein mit Sitz in Berlin mittlerweile. Er bietet Stabilisierungsgespräche an, eine Kreativwerkstatt, ein Krisentelefon, vieles mehr. Alexander Bothe ist mittlerweile der Ansprechpartner für ganz Bayern. Sein Ziel hat sich nicht geändert: Die Öffentlichkeit informieren, aufrütteln. Stefan Lange musste er nicht lange bitten. Der Autor aus Münster verfolgt die gleichen Ziele.

„Suicide – Drei Monate und ein Tag“. So heißt das Buch von Stefan Lange. Für ihn ist es viel mehr als ein Buch, es war seine Lebensrettung. Sein Therapeut hatte ihm dazu geraten, seine Erlebnisse aufzuschreiben. Lange setzte sich hin und schrieb. Sechs Wochen lang, Tag und Nacht. Er schrieb von seiner Zeit in Sevilla, von seiner großen aber letztlich unglücklichen Liebe, von seinem Selbstmordversuch. „Erst danach war ich überhaupt therapiefähig“, sagt er.

„Es ist wie in einem Rausch. Wie in einem Selbstzerstörungsrausch.“
Stefan Lange über das Gefühl kurz vor seinem Suizidversuch

Als Stefan Lange sechs Jahre alt war, starb sein Vater. Der Junge trauerte nicht – im Gegenteil. „Ich habe gejubelt, als ich die Nachricht erhielt“ erzählt er. „Ich fühlte mich endlich frei.“ Die frühe Kindheit war eine Tortur für ihn, die Schatten haben ihn bis ins Erwachsenenalter verfolgt. Der 18. Oktober 1994 sollte der vorletzte Tag in seinem Leben sein. So hatte er es sich vorgenommen. Stefan Lange sah keine Zukunft für sich, er hatte innerlich abgeschlossen. Seine Erkenntnis lautete damals: Die Liebe anderer Menschen habe er nicht verdient.

An die zwei Tage vor dem Suizid-Versuch kann er sich gut erinnern. Weil er ganz ruhig wurde, beinahe fröhlich. Er hatte ein Entscheidung getroffen. „Es ist wie in einem Rausch“, erklärt er. „Wie in einem Selbstzerstörungsrausch.“ Jegliche Empathie geht verloren, alle Gedanken fixieren sich auf den Tod. Die meisten Angehörigen deuten diese Anzeichen falsch. Sie meinen, dass es mit dem Sohn oder der Tochter, mit dem Ehemann oder der Ehefrau endlich aufwärts geht. Genau das Gegenteil ist der Fall. „Je ruhiger und fröhlicher ein Suizidgefährdeter wird, desto mehr Vorsicht ist angebracht“, warnt Lange. Er macht sich für eine Entstigmatisierung des Themas stark. Er will darüber reden, weil eine weitere Tabuisierung nur eine unnötige Faszination bewirkt, potenzielle Selbstmörder in ihrer Absicht noch bestärkt. „Wenn wir nicht darüber reden, verpassen wir die Chance, etwas zu verändern.“

Rund 5,8 Millionen Deutsche leiden laut Zahlen des Robert-Koch-Institutes an Depressionen. Pro Jahr werden rund 100 000 Selbstmordversuche durchgeführt, etwa jeder Zehnte führt zum Tod. „Das sind pro Tag fast 30 Selbstmordversuche“, sagt Alexander Bothe. Es sei höchste Zeit, über dieses Thema zu reden und berichten. Nicht reißerisch oder sensationsgierig, wie es bei Selbstmorden von bekannten Personen leider noch viel zu häufig passiert. Vielmehr müssten die Zusammenhänge erklärt und Hilfsmöglichkeiten angeboten werden. So unterschiedlich die Lebensgeschichten von Alexander Bothe und Stefan Lange sind: Dieses Ziel eint sie. Die Zahl der Selbstmordversuche in Deutschland ließe sich reduzieren. Davon sind der Autor aus Westfalen und der Koch aus Franken überzeugt. Und dafür wollen sie ihre Stimme erheben.

Kontakt: Alexander Bothe, Interessensgemeinschaft „Der Weg zurück ins Leben“; Sonnenstraße 6 in 97332 Volkach; E-Mail: info@dieser-weg-zurueck.de; Internet: dieser-weg-zurueck.de; Hotline: 09381-717401 von Montag bis Samstag, 19 bis 21 Uhr.

Stefan Lange im Internet: www.stefan-lange.ch. Sein Buch ist mittlerweile auch als Theaterstück in München zu sehen. Titel: Drei Monate und ein Tag.



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