Im Brudermord-Prozess vor dem Schwurgericht sollten gestern, am fünften Verhandlungstag, zwei Schwestern des Angeklagten und des Opfers vernommen werden: Beide verweigerten nach Belehrung die Aussage, verzichteten auf Zeugengeld und blieben zum Zuhören im Sitzungssaal. Der Winzer Siegfried L. soll seinen Bruder Horst erschlagen, die Leiche in einem halbvollen Weintank im Keller unter der Kelterhalle versteckt und den dann mit Wasser aufgefüllt haben.
Nach dem gestrigen Verhandlungstag kann man davon ausgehen, dass der Angeklagte (54) das Verbrechen wiederholt mit deutlichen Worten angekündigt hatte. Dass er es ernst meinte, sei seiner Umgebung erst nachträglich bewusst geworden. Zu einer Schwester, die mit dem späteren Opfer wenige Tage vor der Tat wegen der Rente beim VdK in Kitzingen war, hat der Angeklagte gesagt: "Du brauchst für den Horst nichts beantragen, der braucht keine Rente mehr. Ich zahl ihm zurück, was er mir angetan hat".

Abrechnung angekündigt


Mit allen wolle er gut sein, soll der Angeklagte bei anderer Gelegenheit gesagt haben, aber mit dem Horst rechne er ab. Und als Begründung wurde immer wieder genannt, dass der Bruder dem Angeklagten "Weiber ausgespannt" habe. Zwischen den Ankündigungen von Gewalt soll der Angeklagte gesungen haben, den Andrea Berg-Titel "Du hast mich tausendmal belogen" zum Beispiel und häufig seien die Drohungen von Gedichten flankiert gewesen.

Gut Hähnchen gegessen


Eine der Schwestern hatte kurz nach Aufklärung des Verbrechens bei der Polizei und beim Ermittlungsrichter Angaben gemacht. Obwohl sie nicht wollte, dass die Protokolle verlesen werden, konnten die durch Vernehmung des Ermittlungsrichters in den Prozess eingeführt werden.
Was den Ermittlungsrichter besonders "beeindruckt" hatte: für einen Bruder und eine Schwester des vermissten Horst L. stand nach Besichtigung seiner Behausung Ende Januar 2011 fest, dass man von einem Verbrechen ausgehen müsse. Man hatte unter Decken und Kleidungsstücken am Boden Blutspuren gesehen, außerdem Blutspuren an einem Schrank, die Wohnungstüre war eingeschlagen und eine Arbeitsplatte in der Küche vermutlich mit einem Beil demoliert.
Dennoch sind die Geschwister anschließend "über den Hof" zum Angeklagten ins Haus gegangen und haben mit ihm Hähnchen-Schlegel zu Abend gegessen. Der Bruder versicherte, den Vermissten aus der Kelterhalle seit zwei Wochen nicht mehr gesehen zu haben. Von seiner Wohnung aus haben die Geschwister, die zu der Zeit ihren Bruder Siegfried noch nicht der Tat verdächtigten, dann die Polizei verständigt und erklärt, es sehe alles nach einem Verbrechen aus.

"Den mach ich zu Staub"


Eine Schwester wies den Angeklagten in den emotional aufgeladenen Tagen vor der Bluttat darauf hin, dass der Bruder Horst doch alkoholbedingt ein körperliches Wrack und sehr krank sei, er solle ihn in Ruhe lassen. Die Antwort des Angeklagten sei gewesen, dass er seine Entscheidung getroffen habe. Und wenige Tage vor dem Verbrechen hat der Angeklagte den gesetzlichen Betreuer des Horst L. angerufen und angekündigt, dass er den verhassten Bruder "zu Staub machen werde".
Das habe er ins Telefon gebrüllt, so der Betreuer gestern als Zeuge, er höre nicht besonders gut, habe aber den Telefonhörer wegen der Lautstärke in einiger Entfernung vom Ohr weggehalten. Dabei habe der Anrufer einen verwirrten Eindruck gemacht.

Ängste nicht ernstgenommen


Stichwort "Zu Staub machen": Auf dem Wein-Tank im Keller unter der Kelterhalle, in dem die Leiche gefunden wurde, lagen mehrere Chemikalien. Möglicherweise, so Prozessbeteiligte, hatte der Angeklagte vor, die Leiche seines Bruders durch Auflösen verschwinden zu lassen. Von den Chemikalien hatte der Angeklagte auch nach seiner Einlieferung in die Justizvollzugsanstalt Würzburg Zellengenossen berichtet.
In den Tagen vor dem Verbrechen im Januar 2011 hat sich die Situation in dem ehemaligen Weingut zugespitzt: Der Angeklagte ließ seinem Bruder, der in zwei nachträglich eingebauten Wohnräumen in der Kelterhalle hauste, ein "Hausverbot" für sein Grundstück übermitteln: Nicht einmal zum Leeren des Briefkastens durfte der Bruder sein Grundstück betreten. Horst L. soll die Drohungen ernst genommen und große Angst gehabt haben: " Der will mich tot schlagen" hat er zu Zeugen gesagt, aber niemand will damit gerechnet haben. Vor lauter Angst hatte das spätere Opfer zuletzt auch nicht mehr die Toilette außerhalb seiner Wohnräume aufgesucht, sondern die Dusche als WC benutzt. Gleichzeitig soll aber Horst L. den Angeklagten provoziert und darauf hingewiesen haben, dass das Haus, in dem er wohnt und das Grundstück gar nicht ihm, sondern seinem Sohn gehöre. Wenn er Pech hat, müsse er eines Tages unter einer Brücke schlafen.

Ausfällig und beleidigend


Der Betreuer schilderte das Opfer: Unter Alkohol sei er sehr schnell ausfällig und beleidigend geworden, "für die Allgemeinheit war nicht mehr tragbar", in zahlreichen Gastwirtschaften hatte er Hausverbot. Über drei Jahre habe er zuletzt im Knast verbüßt, wiederholt war er im Bezirkskrankenhaus in Werneck stationär untergebracht, aber mit dem Trinken aufgehört habe er nicht. So habe er ein einst stattliches Weingut ruiniert. Wenige Tages vor seinem Tod fand in der Wohnung in der Kelterhalle ein großes Besäufnis mit Bekannten statt, zwei Tage nach seinem Tod hätte er wieder mal eine Verhandlung gehabt am Amtsgericht in Kitzingen wegen Hausfriedensbruchs.
Für Mittwoch hat die Verteidigung eine Erklärung des Angeklagten zur Sache angekündigt.