Kitzingen

Schön schräg!

Wenn ein Urgestein in Rente geht, hat das Folgen. Der Kleine mit der großen Klappe, Walter Vierrether, hat Kitzingen als charismatischer Leiter der Tourist-Info (TI) überregional bekannt gemacht. Vor 100 Tagen hat er sein Amt an Julia Then übergeben. Warum die 33-Jährige kein zweiter Walter werden wird, erklärt sie im Interview.
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Bei Bedarf stützt sie sogar den Falterturm: Julia Then, deren 100. Arbeitstag als Leiterin der Tourist-Info Kitzingen morgen ansteht, packt tatkräftig an. Foto: Foto: Diana Fuchs
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Wenn ein Urgestein in Rente geht, hat das Folgen. Der Kleine mit der großen Klappe, Walter Vierrether, hat Kitzingen als charismatischer Leiter der Tourist-Info (TI) überregional bekannt gemacht. Vor 100 Tagen hat er sein Amt an Julia Then übergeben. Warum die 33-Jährige kein zweiter Walter werden wird, erklärt sie im Interview.

Frage: Jahrelang hat es in Kitzingen geheißen: Wer mal Nachfolger vom Walter wird, der wird es schwer haben . . . Und? Stimmt das?

Julia Then: Das waren auch meine Bedenken, in der Tat! Kein anderer kann sein wie der Walter, er ist einfach ein Unikat. Als er mich im Mai 2015 konkret gefragt hat, ob ich seine Nachfolgerin in der TI werden möchte, habe ich mir das fachlich sofort zugetraut, hatte aber trotzdem erst einmal Bedenken. Immerhin habe ich ja auch Mann und Kind daheim... Meine Familie und auch das Team der TI haben mir jegliche Unterstützung zugesagt. Nur deshalb konnte ich beruhigt zusagen. Und natürlich, weil ich weiß, dass sich die Aufgaben eines TI-Leiters in den letzten Jahren stark gewandelt haben. Das kommt mir zugute.

Inwiefern haben die Aufgaben des TI-Chefs sich verändert?

Then: Der Walter war ja Symbolfigur – Hofrat – und Tourismusleiter in einer Person. Das gibt es heutzutage kaum noch. Heute muss der Leiter des Tourismusbüros viele formelle Dinge wissen und erledigen, er muss verwaltende und gestaltende Aufgaben wahrnehmen, zum Beispiel in Arbeitskreisen wie den Gastlichen Fünf, im Kitzinger Stadtmarketing und und und . . .

Durch Ihre langjährige Mitarbeit kannten Sie sich in der TI ja schon bestens aus. Von der Stellvertreterin zur Leiterin ist der Schritt nicht allzu groß, oder doch?

Then: Doch! Es ist ein Riesenunterschied. Früher hat der Walter gesagt, da und dort geht's auf Messe, buch' mal was. Jetzt muss ich selbst überlegen, welcher Messebesuch sinnvoll ist. Die Verantwortung für die Mitarbeiter und das Budget spüre ich jetzt viel stärker. Außerdem sind am Anfang viele Menschen über mich als neuen Ansprechpartner „hergefallen“, haben mir Zusammenarbeit angeboten und vieles mehr. Ich hab' erst mal ein bisschen Zeit gebraucht, zu sortieren und auch zu delegieren.

Apropos delegieren: Ist es eher ein Vorteil oder ein Nachteil, dass Sie aus den eigenen Reihen des TI-Teams stammen, dass man sich also sehr gut kennt?

Then: Ich finde, dass es ein absoluter Vorteil ist. Wir sind total offen miteinander, es herrscht ein super Betriebsklima, und obwohl – oder gerade weil – wir einander sehr gut kennen, gehen wir respektvoll miteinander um. Das gilt sowohl für meine Stellvertreterin Corinna Weinkirn als auch für die übrigen Team-Mitglieder Eva Köpf und Alexander Nuss.

Was soll in der Ära „Nach-Walter“ anders laufen als zuvor?

Then: Weil wir es personell derzeit gut hinbekommen, haben wir erst mal die Öffnungszeiten geändert. Es gibt keine Mittagspausen mehr und auch an verkaufsoffenen Sonntagen wird die TI offen sein. Ich finde es wichtig, dass Fremde und Einheimische zu normalen Geschäftszeiten nicht vor verschlossenen Türen stehen. Generell werden wir den Fokus weiterhin auf Wohnmobilisten, Radfahrer und Hotelschiffsgäste legen. Ein neues Zimmerbuchungssystem ist in Arbeit. Außerdem sind wir derzeit dabei, neue Reedereien zu akquirieren. Ihnen bieten wir Rundum-sorglos-Landgänge mit allerhand Aktionen, etwa Fränkischen Volkstanz lernen oder „Coffee with the locals“, also Kaffeetrinken mit Einheimischen – das ist sehr begehrt!

Echt wahr? Wer will denn so was?

Then: Ja, wirklich! Gäste aus Übersee finden anscheinend nichts spannender und authentischer, als sich in fränkischen Esszimmern mit Einheimischen zu unterhalten. Vielleicht ist es auch nur ein Trend, der wieder vergeht. Aber wir richten uns natürlich nach solchen Wünschen.

Gibt es auch für Wanderfreudige Neuigkeiten?

Then: Ja, zum Beispiel haben wir kürzlich einen Flyer zum Kitzinger Weinwanderweg erstellt – das war einer der ersten Lehrpfade im Landkreis. Er führt von der Winzergemeinschaft Franken an den Repperndorfer Weinbergen entlang bis in die Alemannenstraße. Außerdem haben wir zusammen mit Heiko Somoroswky das Geocaching in Kitzingen ausgebaut. Geocacher, also GPS-Schatzsucher, können bei einem Altstadtrundgang tolle Sachen entdecken.

Trotz all dieser schönen Angebote sprechen in Kitzingen alle davon, dass man die Stadt noch als „Marke“ etablieren müsse. Warum ist das denn so wichtig?

Then: Wir bekommen von den Gästen viel Lob, das stimmt. Erst letzte Woche war jemand da, der meinte, man müsse gar nicht in die Toskana fahren, die Kitzinger Mainpromenade sei fast noch schöner... Das freut uns – und dieses Bewusstsein möchten wir gern auch in die Köpfe der Kitzinger bringen. Trotzdem ist eine „Marke Kitzingen“ sinnvoll, denn die kann man viel besser bewerben und auf dem Markt forcieren. Deshalb arbeiten wir in dieser Hinsicht eng mit dem Stadtmarketing-Verein zusammen. Es geht einfach darum, Kitzingen bekannter zu machen, also um Wirtschaftsförderung. Das ist super für Gastronomie, Hotellerie und Einzelhandel.

Haben Sie einen Traum, den Sie in Kitzingen gerne verwirklichen würden?

Then: Viele (lacht)! Der erste Traum, der sicher auch wahr werden wird, ist die Modernisierung der TI. Derzeit läuft alles im Foyer ab: Gästebetreuung, Verwaltung, Schreibarbeiten... In zwei Jahren soll das Obergeschoss renoviert werden, so dass dort oben ein ungestörtes Arbeiten möglich wird. Vielleicht können wir eines Tages auch das Dachgeschoss ertüchtigen – das gäbe einen wunderbaren Raum für Besprechungen und Präsentationen. Ein zweiter Traum ist es, an der Mainpromenade für noch mehr Leben, sprich Gastronomie, zu sorgen. Und mein größter Wunschtraum ist wahrscheinlich eine Vinothek beziehungsweise ein Weinbistro mit allen Kitzinger Winzern. Das hat der Walter auch schon versucht... Aber wer weiß: Vielleicht wird das, was lange währt, ja eines Tages gut.

Singende Ahnenforscherin

Privat: Julia Then, geborene Schlossnagel, kommt aus Repperndorf, ist 33 Jahre alt, verheiratet und hat eine kleine Tochter. In ihrer Freizeit betreibt sie leidenschaftlich gerne Ahnenforschung – wenn sie nicht gerade singt. 2006 wurde die damalige Repperndorfer Weinprinzessin bei bei einer Aktion des Radiosenders Bayern3 zur „besten Stimme Unterfrankens“ gewählt. Ihr Vorgänger Walter Vierrether wusste ihr Talent stets für Werbezwecke zu nutzen, etwa bei einer Welcome-back-Party für Kitzinger US-Soldaten, bei der Julia vor Tausenden die amerikanische Nationalhymne sang. Sie schaffte es sogar in die Abendnachrichten, als sie für Gerhard Schröder – kurz vor dessen Vertrauensfrage – „So ein schöner Tag“ intonierte, kommentiert von Walter Vierrether: „Wer weiß, wie viele schöne Tage Sie noch haben werden, Herr Schröder...“

Beruf: Nach dem Abitur am Armin-Knab-Gymnasium Kitzingen lernte sie zunächst den Beruf der Verwaltungsfachangestellten und wurde wenig später Tourismus-Fachwirtin (Bachelor of Tourism). 2008 begann sie in der Tourist-Info (TI) Dettelbach zu arbeiten, von wo sie Walter Vierrether 2011, pünktlich zur Kleinen Gartenschau, als seine Stellvertreterin in die TI Kitzingen holte. Seit 1. April leitet Julia Then die TI Kitzingen.

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