BIBERGAU/DETTELBACH

Rumänienhilfe muss weitergehen

Auf seiner jüngsten Rundreise durch die Projektgebiete in Rumänien überzeugte sich der Bibergauer Elmar Karl von der humanitären Situation im Land. Sein Fazit: Unterstützung aus Mainfranken ist weiterhin dringend geboten.
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Schlaglochparade: So wie diese Straße in der 20 000-Einwohner-Stadt Gheorgheni sehen viele Straßen aus. Auch die Kommunen leiden unter der Finanznot. Foto: Foto: Ottmar Deppisch
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Auf seiner jüngsten Rundreise durch die Projektgebiete in Rumänien überzeugte sich der Bibergauer Elmar Karl von der humanitären Situation im Land. Sein Fazit: Unterstützung aus Mainfranken ist weiterhin dringend geboten.

Der selbstständige Kfz-Meister aus dem Dettelbacher Ortsteil Bibergau ist Kopf und Seele der Rumänienhilfe Karl. Seit nunmehr 24 Jahren sammelt er unermüdlich Hilfsgüter und Geld, um den ärmsten Menschen in dem südosteuropäischen Land etwas Würde zu ermöglichen. Und die Not ist nach wie vor groß. Auch nach der Aufnahme Rumäniens in die Europäische Union hat sich daran nur wenig geändert.

Es gibt eine kleine reiche Oberschicht und ein breites Prekariat, das heißt, dass viele Menschen auf Grund von Arbeitslosigkeit, fehlender sozialer Absicherung und äußerst geringen Löhnen in Armut leben oder von Armut bedroht sind. Die Mittelschicht dagegen ist stark ausgedünnt Was sind die Gründe für diese soziale Schieflage?

Ein ganzes Geflecht von Ursachen muss hier genannt werden. Nach dem politischen Umsturz 1989/90 haben viele Menschen das Land verlassen, insbesondere die mit guter Bildung und Ausbildung. Von damals 22 Millionen Menschen ist die Bevölkerungszahl mittlerweile auf etwa 18 Millionen geschrumpft. Dieser Trend hält auch heute noch an. Als weiterer Grund gilt die Tatsache, dass viele der alten Seilschaften aus der kommunistischen Ära noch an wichtigen Schaltstellen von Wirtschaft und Politik sitzen und mehr oder weniger offen die Strippen ziehen.

Geringe Löhne – hohe Preise

Weit verbreitet ist auch die Korruption. Viele Fördergelder aus dem Westen und der EU versickern in dunklen Kanälen. Die entsprechenden Kontrollen der Geldgeber, in der Regel handelt es sich um Steuergelder, scheinen offensichtlich recht flau zu sein. Ein drastisches Beispiel dafür: Mit Geldern, die andernorts für 400 Kilometer Autobahn reichen, konnten in Rumänien gerade einmal 60 Kilometer gebaut werden.

Besonders eng wird es für viele Familien, weil das Durchschnittseinkommen um die 250 Euro liegt, vieles aber so teuer ist wie im Westen. Die Lebensmittelpreise etwa liegen auf vergleichbarer Höhe, die Treibstoffpreise sind derzeit sogar höher als bei uns. Eine Einwohnerin der Stadt Gheorgheni macht folgende Rechnung auf: „Ich verdiene 900 Lei (das sind rund 250 Euro). Acht Monate lang muss ich für Fernwärme monatlich 800 Lei bezahlen, und dabei bereite ich das Warmwasser noch elektrisch zu.“

Da ist klar, dass ohne ein zweites Einkommen des Ehemanns eine menschenwürdige Existenz nicht möglich wäre. Und ein Caritas-Mann erklärt auf die verwunderte Frage, wie man so überleben könne: „Ohne einen Schattenmarkt ist das nicht vorstellbar. Die eine Familie verkauft Schnaps, die andere Zigaretten und wieder eine andere repariert am Staat vorbei Autos.“

Prekär ist auch die Situation im medizinischen Bereich. Viele Ärzte und Krankenschwestern sind abgewandert, da sie im Westen ein Vielfaches verdienen. Im Krankenhaus von Gheorgheni kann derzeit nicht operiert werden, da es keinen Anästhesisten gibt. Die Angehörigen der Patienten müssen Medikamente, Spritzen und Verbandsmaterial oft selbst mitbringen und finanzieren, obwohl es eine Krankenkasse gibt.

Einen besonders drastischen Fall schilderte eine Frau so: Einem Angehörigen sollte in einem Krankenhaus ein Stent implantiert werden. Für Implantat und Operation mussten die Angehörigen trotz Jahrzehnte lang bezahlter Krankenkassenbeiträge 2000 Euro berappen. Bei einer späteren Untersuchung in einem anderen Krankenhaus habe sich herausgestellt, dass der Stent überhaupt nicht implantiert wurde.

Karl und seine kleine Delegation besuchten nun die Partner in Rumänien, um zu sehen, wie die Hilfe aus Mainfranken vor Ort ankommt und wo und wie Unterstützung künftig nötig ist. Von Satu Mare über Miercurea Ciuc, Gheorgheni, Odorheiu, Alba Julia und Arad standen Besuche bei den Partnern auf dem Programm. Verschiedene Zentrallager, Frühförderstellen für Behinderte, Altenheime, Behindertenwerkstätten, Kindergärten und Musterbetriebe der Caritas konnte die Gruppe in Augenschein nehmen.

Selbst Bischof Eugen Schönberger in Satu Mare und Erzbischof György Jakubiny in Alba Julia nahmen sich Zeit für ein Gespräch mit den Besuchern aus Deutschland. Ermuntert durch die Herzlichkeit der Partner in Rumänien und angespornt durch die triste Situation vieler Menschen im Land will Karl mit seinen Helfern weiter Hilfsgüter und Geld einsammeln und in das Balkanland transferieren. Dies ist umso nötiger, weil viele Hilfsorganisationen ihre Unterstützung für Rumänien mittlerweile eingestellt haben in dem Glauben, dass es Rumänien als Vollmitglied der EU nicht so schlecht gehen könne. Umso sehnsüchtiger erwarten die Partner in Rumänien die Laster aus Dettelbach, die durchschnittlich im dreiwöchigen Rhythmus nach Südosteuropa aufbrechen.

2015 kann die Rumänienhilfe Karl auf ein Vierteljahrhundert vielfacher Aktivitäten zurückblicken und möchte dies auch in einem würdigen Rahmen feiern. Neben mehreren Zehntausend Euro Spendengeldern jährlich konnten bis heute über 700 Lkw mit Hilfsgütern nach Rumänien geschickt werden. Zur Jubiläumsfeier werden es dann schon mindestens 725 Laster sein.

Kontakt zur Rumänienhilfe: Elmar Karl, Tel. (01 71) 8 26 02 11; Spendenkonto: Kath. Kirchenstiftung Bibergau, IBAN: DE 75 7919 0000 0600 4504 56, BIC: GENODEF1KT1.

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