KITZINGEN

Rinder statt Panzer

Wo einst die Panzer fuhren weiden bald die Rinder. Klingt komisch, ist aber so. Der Klosterforst in Kitzingen ist im Umbruch. Und wieder greift der Mensch ein. Dieses Mal allerdings zum Wohle der Natur.
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Vergangenheit: So sah der Klosterforst vor etwa zehn Jahren aus: Kaum Bewuchs wegen der militärischen Nutzung. In der Zwischenzeit hat sich die Natur wieder ausgebreitet. Foto: Foto: Bayerische Vermessungsverwaltung
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Wo einst die Panzer fuhren weiden bald die Rinder. Klingt komisch, ist aber so. Der Klosterforst in Kitzingen ist im Umbruch. Und wieder greift der Mensch ein. Dieses Mal allerdings zum Wohle der Natur.

„Der Klosterforst ist deshalb so etwas wie ein Pilotprojekt“
Joachim Schumacher Förster

Markus Schmitt schaut zufrieden drein. Und das ist kein Wunder. Der Geschäftsführer des Landschaftspflegeverbandes Kitzingen beobachtet die vier Männer, die mit ihren Motorsägen und Freischneidern auf dem Gelände zwischen Großlangheim und der Bundesstraße zwischen Kitzingen und Hörblach zugange sind. Kleine Weiden und Kiefern sägen sie um. Zum Wohle des Naturschutzes.

Der Klosterforst ist eine ganz besondere Fläche. Trockener Sandboden und Feuchtgebiete treffen hier aufeinander. Standortbedingungen, wie sie viele bedrohte Tier- und Pflanzenarten im gesamten Landkreis Kitzingen sonst nirgends vorfinden. Die Kreuzkröte fühlt sich im Klosterforst genau so wohl wie Wildbienen oder die Bekassine. Der Vogel des Jahres 2013 ist in den Wipfeln der Bäume zuletzt vermehrt gesichtet worden. „Die Bekassine braucht Tümpel und offene Flächen“, erklärt Schmitt. Im weichen Boden des Klosterforstes kann sie ungestört nach Würmern stochern. Vorausgesetzt, der Boden wird nicht überwuchert.

Vor siebeneinhalb Jahren ist das ehemalige Übungsgelände an die Bayerische Staatsforsten zurückgegeben worden. „Deutlich sichtbar waren noch die Spuren der Panzer, die sich in den Boden eingegraben hatten“, erinnert sich Forstbetriebsleiter Lothar Kiennen. Ansonsten war nicht viel zu sehen. „Hier ist kaum etwas gewachsen“, bestätigt Schmitt. „Die Fläche war beinahe vegetationslos.“

Das hat sich rasant verändert. Kiefer, Weide, Birke und Aspe haben sich vermehrt, die Gräser sind teilweise hüfthoch gewachsen. Viele Kräuter und Blumen fühlen sich wieder heimisch. Schön fürs Auge, schlecht für die bedrohten Tierarten. Die brauchen Zugang zu den Tümpeln und Teichen. Und manche seltene Pflanze möglichst viel Licht benötigt.

Mit so genannten Freischneidern – motorbetriebenen Sensen, die Gras und Gestrüpp entfernen – rücken die vier Forstwirte deshalb dem Wildwuchs zu Leibe. Anschließend wird ein Bagger die Verlandung von Feuchtflächen verhindern und ehemalige Biotope reaktivieren. Etwa 10 000 Euro nehmen die Bayerischen Staatsforsten für diese Maßnahme in die Hand. Und haben deshalb ein großes Interesse daran, dass die Fläche nicht in kurzer Zeit erneut zuwächst. „Wir wollen das Areal in Zukunft offen halten“, erklärt Lothar Kiennen. Und dafür sollen so genannte Dexter-Rinder sorgen. Die kleinste europäische Rinderrasse war in den 60-Jahren selbst vom Aussterben bedroht. Dexter-Rinder erreichen nicht die gleiche Leistung wie andere Rinderrassen, gelten aber als sehr genügsam. Der Forstbetrieb Arnstein, der für ganz Unterfranken zuständig ist, hat bereits gute Erfahrungen mit den Tieren gemacht. „Diese Rasse ist nicht anspruchsvoll und frisst fast alles“, erläutert Kiennen. Erfreuliche Ausnahme: Die Rinde von Bäumen.

Bislang sind die Dexter-Rinder allerdings auf Streuobstwiesen eingesetzt worden. „Der Klosterforst ist deshalb so etwas wie ein Pilotprojekt“, sagt der zuständige Förster Joachim Schumacher. Etwa 20 Dexter-Rinder sollen zunächst einmal rund 7,5 Hektar beweiden, später etwa die doppelte Fläche – und dabei die Vegetation niedrig halten. „Das müsste eigentlich funktionieren“, meint Kiennen. Bevor die Rinder tatsächlich in den Klosterforst kommen, gibt es aber noch ein ganz anderes Problem zu lösen.

Die Fläche muss unbedingt eingezäunt werden. Und das kostet Geld. Markus Schmitt geht von rund 15000 Euro aus, um einen hochwertigen und stabilen Zaun anzubringen. Der ist notwendig, schließlich liegen Bundesstraße und Autobahn in unmittelbarer Nähe des Klosterforstes. Nicht auszudenken, wenn ein Tier ausbüxt und eines Tages auf der Straße steht. „Bei Ziegen ist diese Gefahr groß“, erklärt Kiennen. „Ziegen knacken jeden Zaun.“ Die Dexter-Rinder sind da weitaus harmloser.

Für die Bevölkerung wird sich mit dem neuen Projekt nichts verändern. Die Menschen können weiterhin als Spaziergänger und Radfahrer auf den Wegen bleiben und die Natur genießen. Für den Autoverkehr ist der Klosterforst seit siebeneinhalb Jahren gesperrt. „Auch wenn sich kaum jemand daran hält“, bedauert Kiennen. Noch mehr stören ihn die illegalen Schutt- und Abfallablagerungen am Wegesrand. „So schlimm wie hier im Klosterforst ist die Umweltverschmutzung in ganz Unterfranken nicht“, ärgert sich Schumacher. Zumindest was die Waldflächen der Bayerischen Staatsforsten angeht. Nicht jeder Mensch hat das Wohl der Natur im Blick.

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