KITZINGEN

Rentner kämpfen sich durch

Zwei Euro. So viel kosten zwei Kugeln Eis. Oder eine Tasse Kaffee. Zwei Euro. Über diesen Betrag denkt beim Einkaufen kaum jemand nach. Elisabeth Schmitt schon. Denn zwei Euro, das ist der Betrag, der ihr im Monat übrig bleibt von ihrer Rente, wenn alle notwendigen Ausgaben abgezogen sind. Zwei Euro. „Das ist nichts, null“, sagt die knapp 70-Jährige.
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Wenn die Rente nicht reicht: Roswitha Kramer, Kreisgeschäftsführerin des VdK Kitzingen, zeigt Hilfesuchenden in Beratungsgesprächen auf, wo und wie sie Unterstützung finden. Vor allem für Frauen ist die niedrige Rente oft ein Problem. Foto: Foto: Daniela Röllinger

Zwei Euro. So viel kosten zwei Kugeln Eis. Oder eine Tasse Kaffee. Zwei Euro. Über diesen Betrag denkt beim Einkaufen kaum jemand nach. Elisabeth Schmitt schon. Denn zwei Euro, das ist der Betrag, der ihr im Monat übrig bleibt von ihrer Rente, wenn alle notwendigen Ausgaben abgezogen sind. Zwei Euro. „Das ist nichts, null“, sagt die knapp 70-Jährige.

Elisabeth Schmitt ist nicht ihr richtiger Name. Weder Name noch Ort sollen in der Zeitung stehen. Sie will nicht erkannt werden. Keiner soll wissen, wie knapp sie bei Kasse ist. Dass andere Mitleid haben, das will sie nicht, und sie will auch nichts geschenkt. Elisabeth Schmitt ist eine Frau, die selbst anpackt. Das hat sie ihr Leben lang getan und das tut sie auch heute noch, als Rentnerin. Dabei hätte sie es verdient, es auch mal etwas ruhiger angehen lassen zu können. Aber um über die Runden zu kommen, ist sie angewiesen auf Minijobs. „Ich nehm', was ich kriegen kann“, sagt sie. Dass ihr Arbeitsleben irgendwann mal endet, daran kann sie auch nach fünf Jahren Rente nicht denken.

Die Zahl der Rentner, die sich als „geringfügig entlohnte Beschäftigte“, wie es offiziell heißt, etwas dazuverdienen, steigt immer weiter an. Die Statistik der Bundesagentur für Arbeit belegt das: Als im Juni 2003 erstmals entsprechende Daten erhoben wurden, lag die Zahl der über 65-Jährigen, die sich etwas dazuverdienen, deutschlandweit bei 559771. Im Juni 2013 waren es bereits 829173. In Bayern ist der Trend der gleiche: Von 99975 stieg die Zahl auf 145926. Besonders erschreckend dabei: 25987 bayerische Rentner, die im Juni 2013 einem Minijob nachgingen, waren 75 Jahre und älter.

Elisabeth Schmitt hat in ihrem Leben viel gearbeitet. 47 Versicherungsjahre hat sie vorzuweisen, zwölf Jahre war sie davon versicherungsfrei, weil sie geringfügig beschäftigt war. „Die zwölf Jahre fehlen“, sagt Roswitha Kramer. „Das sind etwa 300 Euro.“ Die Kreisgeschäftsführerin des VdK kennt sich mit Fällen wie dem von Elisabeth Schmitt aus, hilft, wo ihr Verband es kann. Sie weiß, wie groß der Druck für die Rentner ist, denen das Geld nicht reicht. Gerade Frauen sind oft betroffen. Wie viele es genau sind, kann Kramer nicht sagen. „Wir führen keine Statistiken. Dafür haben wir keine Zeit. Wir sind dafür da, die Menschen zu beraten.“

Vier Kinder hat Elisabeth Schmitt großgezogen. Vier Kinder, das macht bei der Rente etwa 100 Euro netto aus. Drei der Kinder wurden in den 60er Jahren geboren, das letzte war ein Nachzügler. Diese Jahre, das war die Zeit, in der sie geringfügig beschäftigt war. Es ging nicht anders, wegen der Kinder. Anschließend hat sie wieder eine pflichtversicherte Tätigkeit aufgenommen, und die war ganz gut bezahlt, sonst hätte sie nicht einmal so „viel“ Rente wie sie jetzt bekommt.

Noch schlechter ist vor allem die Situation von Frauen, die immer nur in Minijobs gearbeitet haben. Laut VdK–Mitteilung bekommen Frauen, die 45 Jahre in Minijobs arbeiten, eine Rente von weniger als 200 Euro monatlich. Seit Anfang vergangenen Jahres sind Minijobs in der gesetzlichen Rentenversicherung versicherungspflichtig. Die Beschäftigten stocken den pauschalen Arbeitgeberbeitrag mit einem Eigenbetrag auf. Bei Minijobs, die bereits vor dem 1. Januar 2013 bestanden, zahlt der Beschäftigte keinen eigenen Beitrag, kann aber freiwillig aufstocken. Wer wie Elisabeth Schmitt neben der Vollrente arbeitet, darf bis zu 450 Euro pro Monat hinzuverdienen, ohne dass sich der Rentenbetrag vermindert.

Dass es im Alter mal so eng werden könnte mit den Finanzen, das hätte sich Elisabeth Schmitt nie vorstellen können. Sie hat ja lange gearbeitet, der Ehemann war selbstständig. „Ich dachte, wir kommen später gut über die Runden.“ Es ist anders gekommen. Sie ist verwitwet, wohnt allein. Witwenrente bekommt sie nicht, ist auf ihre eigene Rente angewiesen. 738 Euro bekommt Schmitt jeden Monat. Miete, Strom, Krankenversicherung, GEZ..., die Ausgaben summieren sich. Die Sparreserven, die sie früher wo immer möglich zurückgelegt hat, sind so gut wie aufgebraucht.

Die größte Sorge ist momentan ihr Auto. 230000 Kilometer stehen auf dem Tacho. Lange wird es nicht mehr mitmachen. Die Rentnerin wohnt aber nicht in der Kreisstadt, ist für ihre Jobs auf das Auto angewiesen. Die Kinder zahlen immer mal wieder eine Tankfüllung. Es ist der Mutter unangenehm. „Ich will nicht, dass meine Kinder mich unterhalten müssen“, sagt sie. Ja eigentlich will sie nicht einmal, dass ihre Kinder wissen, wie knapp es finanziell um sie steht. Sie packt lieber an, so wie sie es eben schon immer gemacht hat: „Ich kämpf' mich durch.“ Für Luxus ist in diesem alltäglichen Kampf längst kein Platz mehr. „Ehrlich gesagt, gehe ich schon lange nicht mehr Kaffeetrinken“, erzählt sie, „das ist mir zu teuer“.

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