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Punkt für Wiesentheid

Es ist ein warmer Frühlingsnachmittag. In der Wiesentheider Parkstraße zwitschern die Vögel, in den Vorgärten blühen Blumen. Die Sonne scheint auch auf das zweigeschossige Haus mit der Nummer 17. Ein junger Afrikaner öffnet die Tür. Er lächelt scheu, bittet den Gast herein und führt ihn in die Küche.
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Sport statt Sorgen: Das Basketballspiel ist eine willkommene Ablenkung für den 22-jährigen Mohamed aus Somalia, der - wie sieben Landsleute - seit kurzem in der AsylbewerberunterkunftWiesentheid lebt. FOTO Diana Fuchs
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Es ist ein warmer Frühlingsnachmittag. In der Wiesentheider Parkstraße zwitschern die Vögel, in den Vorgärten blühen Blumen. Die Sonne scheint auch auf das zweigeschossige Haus mit der Nummer 17. Ein junger Afrikaner öffnet die Tür. Er lächelt scheu, bittet den Gast herein und führt ihn in die Küche.

Dort sitzen sieben weitere, noch fremde Männer mit drei Landkreisbürgern am Tisch: Maruschka Hofmann-Sircelj, Helmut Römpp und Petra Nellen vom Kitzinger Arbeitskreis Asyl sind in die Asylbewerber-Unterkunft Wiesentheid gekommen. Acht Flüchtlinge, alle aus dem Bürgerkriegsland Somalia, sind hier vor kurzem eingezogen.

Sie kennen weder einander noch Deutschland. Die Männer – der jüngste ist 18 Jahre alt – sind auf ganz unterschiedlichen Wegen geflohen, über den Sudan, Libyen, Kenia. In der Sammelunterkunft Zirndorf sind sie einander begegnet und schließlich gemeinsam nach Wiesentheid „verlegt“ worden. Manche kommen aus dem Süden, andere aus dem Norden des „Horns von Afrika“.

Die Angst hinter dem Lächeln

Was genau sie in ihrer ostafrikanischen Heimat erlebt haben? Noch scheut man sich zu fragen. Die Gesichter sind freundlich, aber man spürt die Angst hinter dem Lächeln. Asyl-Bewerber müssen einen sehr guten Grund vorweisen können, wenn ihr Antrag genehmigt werden soll. Wird das persönliche Schicksal der acht Männer „reichen“?

Ismail, Jamal, Abdi: Alle reichen dem Besucher höflich die Hand, nennen ihre Namen. „Do you speak English – Sprechen Sie Englisch?“ Mohamed, 22 Jahre alt, ist der Einzige, der nickt. So gut er kann, übersetzt er alles, was die Deutschen sagen, für seine sieben Landsmänner in Somali, die Landessprache Somalias. Wichtig sei es, schnell und gut Deutsch zu lernen, gibt Mohamed den Rat weiter, den Petra Nellen ihm ans Herz legt. Wie gut, dass sich in Wiesentheid Ehrenamtliche gefunden haben, die den jungen Somaliern Deutsch beibringen wollen. Acht dunkle Köpfe nicken erfreut und eifrig.

Ihr „erstes Interview“, also die Erstbefragung in Deutschland, haben die Somalier bereits in Zirndorf bei einem Vertreter des Bundesamtes hinter sich gebracht. Ihre persönlichen Geschichten werden nun überprüft und dann entscheidet sich, wer in Deutschland bleiben darf und wer nicht. Maruschka Hofmann gibt keine Prognose über das Schicksal der „Wiesentheider Somalier“ ab. Sie sagt nur, dass sich Asylverfahren ganz unterschiedlich lang hinziehen, von wenigen Monaten bis hin zu vielen Jahren.

„Man schaut ihnen in die Gesichter und merkt, wo der Schuh drückt“
Maruschka Hofmann

Die Arbeitskreis-Mitglieder wissen aus Erfahrung, dass sie es nicht jedem Menschen ermöglichen können zu bleiben. „Wir können nach dem Gesetz viel tun. Aber wir können das EU-Recht nicht brechen“, stellt Maruschka Hofmann klar.

Ihr erstes Ziel ist es, dass die Asylbewerber im Landkreis eine menschenwürdige Unterkunft vorfinden. Nach dem Asylgesetz stünde ihnen nicht viel mehr als ein Schlafplatz, ein Messer, eine Gabel und eine Tasse zu. „Aber zum Glück haben wir eine gute Verbindung zum Landratsamt Kitzingen, das uns sehr unterstützt, und wir bekommen viele private Sachspenden“, erklärt Helmut Römpp. Dadurch – und durch den ehrenamtlichen Einsatz des Arbeitskreises – erhalten die Flüchtlinge rund um Kitzingen ein anständiges „Zuhause auf Zeit“: An den Fenstern hängen Gardinen, in der Küche gibt es genügend Geschirr und im Flur haben sogar eine Heiligen- und eine Marienfigur Platz gefunden. „Wir akzeptieren ihre Religion, also sollen sie auch unsere akzeptieren“, sagt Hofmann; sie hat die Heiligenfiguren eigenhändig vor der Müllabfuhr gerettet.

Mit ihrer herzlich-burschikosen Art findet die 68-Jährige Zugang zu den Asylbewerbern. Sie drängt sie nicht, fragt sie nicht aus. Sie besucht sie oft und gibt ihnen, sofern es geht, eine Beschäftigung – denn das Warten auf den Bescheid und die neunmonatige Arbeitssperre können zermürbend sein.

Schon am Tag ihrer Ankunft haben die jungen Somalier Maruschka Hofmann als Frau der Tat kennen gelernt. „Sie ist mit ihnen im Haus von Schlafzimmer zu Schlafzimmer gegangen – in jedem sind zwei Einzelbetten – und ich habe mich schon gefragt, was sie da so alles erklärt“, erzählt Helmut Römpp lachend. „Es hat sich dann herausgestellt, dass sie ihnen das Bettenbeziehen beigebracht hat.“

„Hochachtung!“

Die Mitglieder des Arbeitskreises Asyl sind für die Flüchtlinge in vielerlei Hinsicht Gold wert. Sie erklären ihnen, wann es sinnvoll ist, sich einen Anwalt zu nehmen und wann man sich das Geld sparen kann. Sie vermitteln Kontakte zu Behörden, zur Gemeinde, zu Vereinen. Und sie hören den Menschen zu, wenn die Zeit dafür gekommen ist.

„Viele brauchen ein halbes Jahr, bis sie richtig da sind“, sagt Maruschka Hofmann aus Erfahrung – auch aus eigener. Denn als junge Frau war sie selbst ein Flüchtling und weiß noch gut, wie fremd sie sich gefühlt hat und welche Sorgen sie in Deutschland geplagt haben. Wahrscheinlich hat das ihren Blick für die Asyl-Suchenden geschärft. „Man schaut ihnen in die Gesichter und merkt, wo der Schuh drückt.“ Irgendwann sind sie froh, wenn sie ihre Geschichte erzählen dürfen.

Helmut Römpp, Maruschka Hofmann, Petra Nellen und ihr Team sind nicht allein. Gerade in Wiesentheid und Mainbernheim haben Maruschka Hofmann und Helmut Römpp nur Lob übrig für die Bürger. Maruschka sagt: „Ich bin voller Hochachtung für die Wiesentheider, die den Asylbewerbern sehr aufgeschlossen gegenüberstehen, ohne Vorurteile.“ Viele hätten sich auch als Helfer angeboten.

Sport klappt auch ohne Worte

Besonders freut sie sich darüber, dass auch Vereine wie der Sportverein Integrationsdienst leisten und die Somalier zum Fußball-Training mitnehmen. „Im Sport versteht man sich auch ohne große Worte.“

Manchmal klappt das auch am Küchentisch. Was erhofft sich Mohamed von Deutschland? Auf diese Frage reichen die Englisch-Kenntnisse des 22-Jährigen kaum aus. Er legt sich die Hände an die Schultern, wie eine Friedensgeste. „Life“, sagt er schließlich, „humanity“. Leben und Menschlichkeit.

122 Menschen – 122 Schicksale

Unterkünfte: In der Stadt Kitzingen leben laut Info aus dem Landratsamt derzeit 33 Asylbewerber, in Kleinlangheim 58, in Mainbernheim sieben – hier kommen in Kürze noch zwei dazu –, und in Wiesentheid acht junge Somalier; hier ziehen ebenfalls noch zwei Menschen ein, dann ist das Haus voll. Außerdem gibt es noch eine neue Unterkunft in Wiesenbronn mit elf Plätzen, die bald belegt werden kann. Die Asylbewerber stammen vorwiegend aus Äthiopien, der Ukraine, Georgien, Aserbeidschan, Iran, Irak und Afghanistan.

Arbeitskreis Asyl Kitzingen: Engagierte Männer und Frauen aus dem Landkreis Kitzingen helfen den Menschen, die aus politischen, rassischen oder religiösen Gründen aus ihrer Heimat fliehen mussten und in einer der Asylbewerber-Unterkünfte des Landkreises landen. Die AK-Mitglieder unterstützten die Flüchtlinge zum Beispiel bei interkulturellen und sprachlichen Problemen, begleiten sie zum Arzt und zu Behörden oder helfen bei der Einrichtung in der Unterkunft. Info: Caritasverband Kitzingen, Tel. 09321/ 2203-0.

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