Kitzingen
Gericht

Prozess: Horrortrip im Drogenwahn

Ein Mann springt auf die Straße und zielt mit einer Pistole auf das Auto einer Familie. Der Familienvater ist auch heute noch von der Geschichte geschockt, der Angeklagte weiß kaum noch, was er getan hat.
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Er kann sich kaum noch erinnern. Damals hat er sehr viel Chrystal Speed konsumiert. Die Spuren des Rauschmittels sind ihm immer noch anzusehen. Müde sieht er aus, fast schon ausgezehrt und hat sehr dunkle Augenringe. Aber auch in seinem Verhalten sind die Ausmaße seines Drogenkonsums zu erkennen. Er spricht sehr langsam, stockend, die Worte bleiben ihm im Halse stecken. Fast die ganze Verhandlung hindurch nickt er unentwegt, als könne er auch das nicht mehr recht beherrschen. Auch über sein Gedächtnis hat er so ziemlich die Kontrolle verloren, zumindest, was den Tatabend angeht.

Voller Drogen - ohne Schlaf

Da war er nämlich völlig auf dem Trip. Eine halbe Woche lang hatte er nicht mehr geschlafen, eben wegen des Amphetamins Chrystal Speed. Dann kam noch jede Menge Alkohol dazu.
Mit den beiden Rauschmitteln im Blut lief er durch Kitzingen, bis er plötzlich auf die Straße sprang, eine Pistole zückte und auf das vorbeifahrende Auto richtete.

Erschrocken bremste der Autofahrer scharf ab, blieb vor dem Junkie mit der Waffe stehen und erstarrte. Der Fahrer erinnert sich im Gericht nur ungern an das Ganze. "Es war sehr schlimm. Ich wusste nicht, was ich machen sollte. Mir gingen tausend Sachen durch den Kopf." Jeden Moment hätte der Angeklagte abdrücken und entweder den Fahrer, seine Frau oder das gemeinsame Kind im Auto treffen können. Zumindest dachte das der Familienvater.

In Wahrheit hielt der Angeklagte lediglich eine Schreckschusspistole in der Hand, aber die sah für den Bedrohten aus fünf Metern Entfernung wie eine echte Pistole aus. Außerdem besaß der Täter keine Erlaubnis für die Waffe. Deshalb lautete die Anklage: Unerlaubter Besitz von Drogen und Führen einer Waffe mit Bedrohung.
Der junge Familienvater drehte mit dem Wagen und wollte die Polizei rufen, doch da fuhr ihm schon ein Streifenwagen entgegen. Immer noch geschockt erzählte er den Polizisten von dem Fremden mit der Pistole. So gut er konnte, lotste der Autofahrer die beiden Polizeibeamten zum Angeklagten.

Beleidigungen auf der Wache

Den bekamen die beiden Wachtmeister auch bald zu fassen. Schnell nahmen sie ihm die Schreckschusspistole ab und nahmen ihn mit auf die Wache. Während der Fahrt verhielt sich der 23-Jährige ausfallend gegenüber den beiden Polizeibeamten. "Bullenschweine" und "Ficken" waren nur zwei der Schimpfwörter.

Auf der Polizeiwache ging es weiter. Er trat um sich und ließ sich auf den Weg zur Ausnüchterungszelle immer wieder fallen. Schließlich waren zwei weitere Polizisten notwendig. Auch die bedachte der Festgenommene großzügig mir Beleidigungen. Beleidigung in vier Fällen summierte sich also zur Anklageschrift.

Für den Angeklagten sieht es alles andere als rosig aus. Aber nicht nur deswegen bereut er seine Tat. Er selbst hat auch ein Kind und kann es einfach nicht glauben, in welche Angst er die beiden Eltern im Auto versetzt hatte. "Normalerweise ist mein Mandant ein ruhiger und umgänglicher Mensch", versichert der Verteidiger. Allerdings hatten das Amphetamin und der Alkohol das Leben des Arbeitslosen zu der Zeit fest im Griff. "Damals hab ich übertrieben. Ich bin nicht mehr klar gekommen. Ich war da nicht mehr ich selbst."

Er hat aus der ganzen Sache auch schon gelernt. Vielleicht kommt er einen Therapieplatz wegen seiner Drogensucht, ein Entzug ist auch geplant und seine neue Freundin hilft ihm ebenfalls, aus dem Drogensumpf wieder herauszukommen. Nächste Woche wird er dann auch wieder arbeiten. Seit drei bis vier Monaten hat er keine Drogen mehr genommen. Allerdings hat er seitdem immer öfters zum Alkohol gegriffen, der für ihn zu einer Ersatzdroge wurde. Aber auch deshalb befindet er sich in Gespräche mit seinem Bewährungshelfer.

Fast die gleiche Geschichte

Womit das Gericht auch schon bei seiner Vorgeschichte ist: Immer wieder war er vor Gericht, ein paar Mal wegen Fahrens ohne Fahrerlaubnis, Diebstahl und schon einmal wegen einer ähnlichen Geschichte, wegen der ihm jetzt der Prozess gemacht wird. Schon damals sprang er vor ein Auto, schon damals hielt er einer Autofahrerin eine Waffe vors Gesicht. Und, was den Angeklagten ziemlich schlecht vor Gericht dastehen lassen dürfte, die Verhandlung wegen der damaligen Tat fand nur wenige Tage vor der jetzigen Verhandlungssache statt.

Die Bewährungsstrafe von damals bündelt der Richter mit der neuen Verurteilung. Der Angeklagte wird zu einem Jahr und sechs Monaten auf Bewährung verurteilt und muss zudem noch 2000 Euro zahlen. Insgesamt ist der Angeklagte mit einem blauen Auge davon gekommen. Er muss nicht ins Gefängnis. Nichtsdestotrotz ermahnt ihn der vorsitzende Richter noch einmal: " Sie müssen beweisen, dass Sie die Bewährung verdient haben."
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