WÜRZBURG/KITZINGEN

Polizei im Dauereinsatz an der Grenze

Michael Müller aus Kitzingen hat vor knapp zwei Monaten geheiratet; seither hat er seine Frau kaum gesehen. Müller, 28, ist seit Monaten dauernd im Dienst .
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Im Dauereinsatz: Gruppenführer Michael Müller Foto: Foto: G. Rauch
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Michael Müller aus Kitzingen hat vor knapp zwei Monaten geheiratet; seither hat er seine Frau kaum gesehen. Seine Freunde? „Erst recht nicht.“ Freizeit? „Vor sieben Wochen hatte ich mal ein freies Wochenende, glaube ich.“ Müller, 28, ist seit Monaten dauernd im Dienst – das liegt daran, dass er als Gruppenführer einer Würzburger Einsatzeinheit der Bayerischen Bereitschaftspolizei angehört. Und Bayerns Bereitschaftspolizei macht gerade eines der härtesten Jahre seit ihrer Gründung im Jahr 1951 durch: „Erst der G7-Gipfel in Elmau im Juni. Seit Juli die Flüchtlingswelle. Und jetzt die Terrorlage“, sagt der langjährige Sprecher des Präsidiums in Bamberg, Herbert Gröschel. Dem Präsidiumssprecher fällt aus dem Stand kein Jahr ein, in dem die Bereitschaftspolizei stärker gefragt und stärker belastet gewesen wäre.

Seit die Flüchtlingswelle im Sommer massiv angerollt ist, sind Bereitschaftspolizisten aus Würzburg zur Verstärkung der Landes- und Bundespolizei an die deutsch-österreichische Grenze abkommandiert. „Abends Abfahrt nach Passau. Am nächsten Tag Dienstantritt um 7 Uhr. Zwölf Stunden, manchmal dreizehn Stunden Schicht. Am nächsten Tag genauso. Am übernächsten Tag auch.“ So beschreibt Gruppenführer Müller die aktuellen Diensteinsätze. Klar hat er nach den Drei-Tages-Schichten auch freie Tage. „Aber man muss ja ausschlafen. Und 'runterkommen“, sagt er. Und kaum haben sich die Beamten regeneriert, geht es ja wieder an die Grenze.

„Besonders chaotisch“ war laut Präsidiumssprecher Gröschel die Lage an der Grenze im September und Oktober, als Zehntausende Flüchtlinge pro Tag nach Bayern strömten. Gröschel berichtet von Flüchtlingen, die, sich an „großen Straßen“ orientierend, mitten auf der Autobahn gelaufen seien und von Bereitschaftspolizisten hätten gerettet werden müssen. Auch Müller hat mit seiner Gruppe im Grenzhinterland Flüchtlinge aufgegabelt, die direkt auf Bahngleisen marschiert sind. Seine Einheit hat tagelang die niederbayerischen Wälder durchstreift auf der Suche nach unregistrierten Flüchtlingen.

Im Grenzhinterland hat seine Gruppe Fahrzeuge kontrolliert, hat dabei oft zwanzig Männer, Frauen, Kinder aus einem einzigen Minivan gezogen: „Da haben Bürger aus anderen EU-Ländern ihre Sprinter einfach als Schleuserfahrzeuge genutzt“, sagt Müller. Derzeit werden die Würzburger Beamten oft eingesetzt, um den „geordneten Grenzübertritt“ der Flüchtlinge von Bayern nach Österreich zu gewährleisten. „Das hört sich eher harmlos an; aber wenn auf einen einzigen Bus, der 50 Leute über die Grenze transportiert, Hunderte von Leuten zustürmen, dann kann die Lage heikel werden“, sagt Müller.

Der Beamte aus Kitzingen wirkt auch noch nach vielen harten Einsatzwochen motiviert; er ist davon überzeugt, dass er als Gruppenführer beim Engagement auch Vorbild sein muss: „Anders läuft es nicht.“ Aber auch Müller kennt Kameraden aus der Einheit, die sagen: „Hätte ich gewusst, was auf mich zukommt, wie oft ich von zu Hause weg bin, hätte ich mir einen anderen Job gesucht.“

Laut einer Statistik der Bereitschaftspolizei Würzburg haben die Beamten in diesem anstrengenden Jahr schon 60- bis 80-mal einsatzbedingt auswärts übernachten müssen; fürs vergangene Jahr verzeichnet die Statistik nur durchschnittlich zehn Auswärtsübernachtungen. Laut Statistik schiebt jeder Würzburger Bereitschaftspolizist derzeit 230 Überstunden vor sich her – ohne die geringste Chance, sie in nächster Zeit abbauen zu können. Wie lange die Beamten die Dauerbelastung aushalten können? Müller zuckt die Achseln. „So lange es sein muss“, sagt er. Zeitungsberichten zufolge sieht Österreichs Polizei das anders. Dort stehen angeblich Polizeibeamte wegen der Dauerbelastung in der Asylkrise kurz vor dem Streik.

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