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Kitzingen

Online-Shop "outofuseberlin": Wie ein Kitzinger zum Berliner Modeunternehmer wurde

Der Kitzinger Patrick Scherzer und seine Freundin Sissi Pohle vertreiben Vintage-Mode. In Berlin, wo sie leben, nichts Ungewöhnliches. Dennoch möchten sie sich abheben.
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Der Kitzinger Patrick Scherzer und seine Freundin Sissi Pohle haben ein Modelabel für Vintage-Second-Hade-Kleidung gegründet. Foto: Lisa Marie Waschbusch
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Patrick Scherzer und Sissi Pohle fallen in Kitzingen auf. Ihre Kleidung ist laut. Mal bunt, mal schrill, mal elegant, aber zeitlos. Scherzer, 25, und seine 27-jährige Freundin teilen eine Leidenschaft: Mode. Und die machten sich die beiden nun zum Beruf: Vergangenen Sommer gründeten sie ihr Label outofuseberlin – ein Online-Shop für Second-Hand-Mode.

Nichts Außergewöhnliches in Berlin, wo sie leben. Doch: "Second-Hand ist oft negativ behaftet – oft hängt alles eng an der Stange, es riecht vielleicht nicht gut oder es sind Löcher drin", sagt Scherzer. Deshalb selektieren die beiden ganz genau, was sie verkaufen. Aktuell ziehen sie fast täglich über Flohmärkte, durch Sozialkaufhäuser und Vintage-Shops – immer auf der Suche nach einem Unikat aus einem vergangenen Jahrzehnt.

Bis zur Gründung war es ein langer Weg. Im Dezember 2018 kündigte Pohle ihren Job bei einem Berliner Brillenlabel. Darauf folgte ein Gründercoaching, anschließend erstellte das Paar einen Businessplan. Scherzer arbeitet zusätzlich, bis heute, als Produkt- und Grafikdesigner bei einem Berliner Modeunternehmen. "Wir haben schon einige Pop-up-Stores vor der Gründung in Berlin gemacht", sagt Scherzer. "Deshalb wussten wir, dass der Markt da ist und wir damit Geld verdienen können." Außerdem könne man ja nicht alles nur für sich kaufen. 

Modekette H&M fragte Zusammenarbeit an

Es dauerte nicht lange, da meldete sich die Modekette H&M bei dem Paar und fragte für eine Zusammenarbeit an. H&M-Massenware und Second-Hand-Unikate, passt das zusammen? "Ich war erst einmal kritisch", erzählt Pohle. Sie überlegten, ob sie das Angebot annehmen sollten – und taten es schließlich doch. "Die Möglichkeit, mit einem großen Unternehmen etwas zu kreieren und vielleicht dessen Geist anzuregen, sehe ich als nichts Negatives", sagt die gebürtige Freiburgerin.

Vor knapp einem Vierteljahr eröffnete schließlich ein Konzept-Store der schwedischen Modekette in Berlin, der ganz anders aussieht als die herkömmlichen Läden. Kein rotes Logo, keine Massenware. Stattdessen gibt es speziell für den Store ausgewählte Bekleidung, Kaffee und Yoga-Kurse. Scherzer und Pohle sind mit im Boot, genau wie einige andere kleine, lokale Unternehmen. "Wir könnten uns keinen Laden in Berlin-Mitte leisten. Wir stehen total am Anfang", sagt Pohle.

Heute liefern sie alle zwei Wochen zwischen 50 und 60 Teile an den H&M-Store. Und die müssen erst einmal gefunden werden. Bis zu zwölf Stunden am Tag ist das Paar manchmal unterwegs, auf der Suche nach Vintage-Teilen. Eine Garantie, etwas zu finden, gibt es nicht. "Wenn wir aber doch einen Fund machen, schauen wir uns an und drehen völlig durch", erzählt Pohle. Sie kennen jedes einzelne Teil, wissen, aus welchem Material es ist. Jedes Teil erzähle eine Geschichte, sagen sie immer wieder.

Keine Trennung zwischen Frauen- und Männerkleidung

Erst, wenn sie es gekauft haben, entscheiden Scherzer und Pohle, ob sie das Teil weiter verkaufen oder ob sie es selbst behalten. Einen Verkauf bereut haben sie aber bisher noch nicht. "Wenn wir es in den Verkauf geben, dann möchten wir auch, dass es weggeht", meint Scherzer. Aber er gibt auch zu: "Wir haben auch schon Sachen online gestellt und dann wieder rausgenommen." Und dann doch selbst behalten.

Ihr Label trennt nicht zwischen Mann und Frau – alles hängt an einer Stange, wie zuhause in ihrem Kleiderschrank. "Sissi trägt meine Sachen und ich versuche, ihre zu tragen", sagt Scherzer.

Dass ihr Konzept in Berlin, wo Vintage- und Second-Hand-Läden an beinahe jeder Ecke sind, erst mal nichts Neues ist, wissen die beiden. "Wir haben das nicht erfunden. Es gibt viele gute Läden in Berlin", sagt Scherzer. Er glaubt, die Kombination aus H&M-Kleidung und ihren Vintage-Teilen macht das Konzept interessant, weil es mehrere Zielgruppen anspricht. Klar habe es auch einen Nachhaltigkeitsaspekt, doch damit wollen sich die beiden nicht schmücken. "Wir sind nicht so extrem. Wir müssen fliegen, wir müssen Autofahren, das ist unvermeidbar", sagt Scherzer, der ursprünglich mal eine Ausbildung zum Industriekaufmann beim Kitzinger Unternehmen Drykorn gemacht hat.

Kein Konzept für Würzburg und Freiburg

In Berlin ist der Markt da, in beider Heimat nicht, findet das Paar: "Ich glaube, Würzburg ist dafür nicht bereit. Wir sind zu außergewöhnlich", sagt Scherzer. "Ich trage Schlaghosen." Die Leute in seiner Altersgruppen wollten in der Regel nicht in den 70er Jahren leben.

Langfristig kann sich das Paar erst mal nicht vorstellen, einen eigenen Laden zu besitzen – obwohl sie gerne im Konzept-Store von H&M mit ihren Kunden ins Gespräch kommen. Sie wollen nicht an einen Standort gebunden sein. Die beiden denken sogar darüber nach, zurück in Scherzers Heimat zu kommen. "Ich bin auch sehr gerne hier in Kitzingen", sagt seine Freundin. Allerdings: "Komplett aus Berlin weg, will und kann ich nicht", sagt sie. "Aber ich will mal wieder meine Hände in den Garten stecken und die Ruhe genießen."

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