KITZINGEN

Nicht nur Christ auf dem Taufschein sein

Es mag Zufall gewesen sein, dass die Strahlen der Novembersonne auf das große Kreuz über dem Altar fielen. Auf jeden Fall passte es zu dem besonderen Gottesdienst, den die Kirchenbesucher am Sonntag in der Stadtpfarrkirche St. Johannes erlebten: Die katholische Pfarrei feierte die Sonntagsmesse zusammen mit Strafgefangenen der Justizvollzugsanstalt (JVA) Würzburg. Bei ihrem Besuch in Kitzingen erzählten diese auch von ihren Sorgen und Nöten.
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Ein etwas anderer Gottesdienst: Gemeinsam mit Strafgefangenen der JVA Würzburg und deren Angehörigen feierte die Kitzinger Pfarrei St. Johannes am Sonntag einen besonderen Gottesdienst, der den Blick auf die Nöte und Sorgen von inhaftierten Menschen lenkte. Foto: Foto: Waltraud Ludwig

Es mag Zufall gewesen sein, dass die Strahlen der Novembersonne auf das große Kreuz über dem Altar fielen. Auf jeden Fall passte es zu dem besonderen Gottesdienst, den die Kirchenbesucher am Sonntag in der Stadtpfarrkirche St. Johannes erlebten: Die katholische Pfarrei feierte die Sonntagsmesse zusammen mit Strafgefangenen der Justizvollzugsanstalt (JVA) Würzburg. Bei ihrem Besuch in Kitzingen erzählten diese auch von ihren Sorgen und Nöten.

Seit einigen Jahren schon schickt die Pfarrei Weihnachtspäckchen für bedürftige Strafgefangene ins Würzburger Gefängnis. So entstand im „Sachausschuss Soziale Dienste“ des Pfarrgemeinderates die Idee, einige Gefängnisinsassen nach Kitzingen einzuladen. Gefängnisseelsorger Josef Gerspitzer, der auch Mitglied im örtlichen Pfarrgemeinderat ist, griff den Vorschlag gerne auf. Schon mehrfach waren Strafgefangene der Würzburger JVA in verschiedenen Gemeinden zu Gast. „Durch die Besuche sehen die Pfarreimitglieder, für wen sie eigentlich spenden. Und sie erfahren, was die Gefängnisinsassen bewegt und bedrückt“, erklärt er die Beweggründe.

Ihre Sorgen und Nöte brachten die Strafgefangenen, die zum Teil mit ihren Familienangehörigen nach Kitzingen gekommen waren, auch in den Gottesdienst mit ein. Gemeinsam mit ehrenamtlichen Mitarbeitern hatten sie diesen vorbereitet. In einer kleinen szenischen Darstellung brachten sie ihre Angst, mit den eigenen Problemen allein gelassen zu werden, zum Ausdruck. Gleichzeitig ging es auch um das Thema Schuld und Nächstenliebe. „Wir können uns die Erde zum Himmel oder zur Hölle machen“, sagte Pfarrer Matthias Leineweber, ehemaliger Gefängnisseelsorger und Leiter der geistlichen Gemeinschaft „St. Egidio“ in Würzburg. Keiner sei ganz ohne Schuld, jeder trage seine eigenen „Steine“ mit sich herum.

Wie der Geistliche in seiner Predigt hervorhob, macht der Taufschein allein noch keinen guten Christen aus. Wichtig sei, „das Herz für den anderen zu öffnen“ und Menschen in Not zu helfen. „Wir haben jeden Tag in der Woche Gelegenheit, anderen etwas Gutes zu tun“, erklärte er. „Dort, wo wir die Liebe leben, zieht ein Stück Himmel auf Erden ein.“

Rund zehn Pfarreimitglieder nutzten die Gelegenheit, um beim anschließenden Zusammentreffen im Dekanatszentrum mit den Strafgefangenen ins Gespräch zu kommen. Wie dabei deutlich wurde, haben viele nach der Haftentlassung mit großen Problemen zu kämpfen. „Die größte Not ist für die Betroffenen, eine Wohnung zu finden“, erklärte Inge Schömig, die seit vielen Jahren ehrenamtlich in der Gefängnisseelsorge tätig ist. Vermieter hätten oft Vorbehalte, ihre Wohnung an einen ehemaligen Häftling zu vermieten. Zudem seien viele nach der Haftentlassung erst einmal ohne Arbeit – und ohne Arbeit bekämen sie keine Wohnung. „Ein Teufelskreis.“

„Ich versuche, christlich zu handeln – auch im Knast.“
Ein Häftling, der am Gottesdienst in St. Johannes teil nahm

Auch die Suche nach einem Arbeitsplatz gestaltet sich für ehemalige Häftlinge oft schwierig. Manche können zu ihren alten Arbeitgebern zurück, viele müssen sich eine neue Arbeitsstelle suchen. „Wer nicht sagt, dass er vorher im Gefängnis war, lebt wie auf einem Pulverfass – aus Angst, dass es doch noch heraus kommt“, schilderte Inge Schömig die Erfahrungen ehemaliger Strafgefangener. Wer beim Vorstellungsgespräch ehrlich sei, riskiere dagegen, aufgrund seiner Vergangenheit nicht eingestellt zu werden.

Die Strafgefangenen konnten jedoch auch Positives berichten. „Die Firmen nehmen uns gerne“, erzählte ein Mann, der als Gefängnisinsasse auf dem Bau arbeitet. Er und seine Mithäftlinge versuchen, gute Arbeit zu leisten, um „das Vorurteil wegzubringen, dass wir nur Knastis sind“. Einige haben im Gefängnis auch die Möglichkeit, ihren Schulabschluss nachzuholen oder ein Fernstudium zu beginnen, um ihre beruflichen Chancen nach der Haftentlassung zu verbessern. Die Möglichkeiten sind hier allerdings auf wenige Plätze begrenzt. Auch die finanziellen Mittel sind während der Haft sehr eingeschränkt: Wie die Gesprächsteilnehmer erfuhren, steht den Gefangenen monatlich nur ein geringer Geldbetrag für persönliche Ausgaben zur Verfügung.

Etwa die Hälfte der 550 Inhaftierten in der JVA Würzburg kann während der Haft nicht arbeiten – teils aus persönlichen Gründen, teils weil nicht genug Arbeitsmöglichkeiten vorhanden sind. Hierzu zählen auch Strafgefangene mit psychischen Problemen. Andere haben Drogen- und Alkoholprobleme. „Sie tun sich sehr schwer, ihr Leben auf die Reihe zu bekommen“, erklärte Gefängnispfarrer Josef Gerspitzer. Engagierte ehrenamtliche Betreuer seien für solche Menschen eine große Hilfe.

Auch wenn die Begleitung von Strafgefangenen nicht einfach ist und mitunter auch Rückschläge mit sich bringt, schenkt sie den freiwilligen Mitarbeitern positive Erfahrungen. „Wir sind selbst auch Beschenkte“, meinte eine ehrenamtliche Betreuerin. „Wenn ich höre, was manche Häftlinge erlebt haben, bin ich dankbar, dass ich dieses Schicksal in der eigenen Jugend nicht ertragen musste.“ Auch ihre Sicht auf alltägliche Dinge habe sich verändert: „Was für uns ganz normal ist, bekommt einen anderen Wert, wenn ich sehe, worauf Strafgefangene verzichten müssen.“

Mitunter öffnet ein Gefängnisaufenthalt auch neue Zugänge zum Glauben. „Es ist genauso, wie wenn jemand mit einem Herzinfarkt in die Klinik kommt und der Arzt sagt: Sie können nicht mehr so weiter machen wie bisher und müssen ihr ganzes Leben umstellen“, so Gefängnisseelsorger Josef Gerspitzer. „Das wirft einen natürlich aus der Bahn. Da tun sich tausend Fragen auf.“

Viele suchen das Gespräch mit Gerspitzer, erhoffen sich Rat und Hilfe. Mancher findet sogar zu Gott, der nach christlichem Verständnis jedem eine neue Chance gibt – trotz aller Schuld. „Wenn ich meinen Glauben habe, verteidige ich ihn auch“, meinte ein Häftling bei der Gesprächsrunde. „Ich versuche, christlich zu handeln – auch im Knast.“

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