Dumpf dringt das Brummen der Bagger von der Kirchstraße ins Haus der Ruhls. Es wird viel gearbeitet an diesem Vormittag Anfang März 2012. Die Stadt Iphofen lässt in ihrem Ortsteil Possenheim im Rahmen der Städtebauförderung das Dorf verschönern. Viel Geld wird auch in die Sanierung des Feuerwehrhauses und des Kirchturms gesteckt - eine von vielen Investitionen und die Erfüllung eines Vertrags.
Vor 40 Jahren entstand der jetzige Landkreis Kitzingen, indem im Norden Gemeinden aus dem ehemaligen Landkreis Gerolzhofen und im Osten und Südosten Gemeinden aus dem ehemaligen Landkreis Scheinfeld hinzukamen. Im Zuge der Gebietsreform wurden kleine Gemeinden einer größeren zugeschlagen. Neben Possenheim wurden die Dörfer der Hellmitzheimer Bucht Stadtteile von Iphofen.
Der heute 82-jährige Hans Ruhl war einer von fünf Gemeinderäten, als im Zuge der Gebietsreform über die Eingemeindung Possenheims verhandelt wurde. Es gab zwei Bürgerversammlungen, in denen die Stimmung ausgelotet wurde. Zur Debatte stand die Eingemeindung nach Markt Einers-heim oder nach Iphofen. Die Einersheimer hätten gerne die 210 Hektar Wald der Possenheimer übernommen und deshalb in gewisser Weise um die Possenheimer geworben, erzählt Ruhl. In der entscheidenden Gemeinderatssitzung fiel das knappe Votum für Iphofen.
"Es war damals zwar nicht so wohlhabend wie heute", sagt Hans Ruhl, "dennoch standen im Eingemeindungsvertrag viele Bauzusagen." Der 82-Jährige hatte den Entwurf, der aus mittlerweile vier brüchigen Seiten besteht, vorsorglich in eine Klarsichthülle gesteckt. Auch jetzt holt er das über 40 Jahre alte Dokument aus der Folie, um darin zu blättern.
Unterzeichnet haben das Vertragswerk die beiden Bürgermeistern Georg Fink aus Possenheim und Andreas Sturm aus Iphofen am 23. November 1971 im Iphöfer Rathaus. Es enthält die Klausel: "In der Zeit vom 1.1.1972 bis zum Zusammentritt des im Juni 1972 neu zu wählenden Stadtrats von Iphofen gehört der bisherige 1. Bürgermeister Fink dem Stadtrat als beratendes Mitglied an". Damit verbunden war für Iphofen die Verpflichtung, die begonnene Flurbereinigung weiterzuführen und Wirtschaftswege zu bauen, die Ortsbeleuchtung zu erneuern, die Gehwege zu verbessern und noch mehr.
Vor der Gebietsreform gehörte die gesamte Hellmitzheimer Bucht zum Landkreis Scheinfeld. Dieser wurde aufgelöst. "Der Verlust hat dem Scheinfelder Landrat Müller schon wehgetan, aber er war machtlos", erinnert sich Ruhl. Er hatte oft in Scheinfeld zu tun, kannte alle Geschäftsleute persönlich.
Nach der Gebietsreform orientierten sich die Possenheimer nach Westen und gingen nach Kitzingen, wenn sie etwas im Landratsamt zu erledigen hatten. Hans Ruhl findet, dass die Wege viel kürzer geworden sind. In Kitzingen sei alles an einem Ort. Er glaubt, auch für die anderen älteren Dorfbewohner sprechen zu können, wenn er sagt: "Es wird keinen in Possenheim geben, der mit der damaligen Eingemeindung nach Iphofen im Landkreis Kitzingen unzufrieden ist."
Iphofens 1. Bürgermeister Josef Mend denkt, dass die Gebietsreform der richtige Schritt war und sich positiv auf Iphofen ausgewirkt hat. "Ich sehe das als Erfolg", sagt er. "Wir achten auf die gleiche Förderung aller Gemeindeteile", fügt er hinzu. Natürlich habe er kein Problem damit, wenn sich die Dorfbewohner weiterhin mit ihrem Ort identifizieren. Zu den rund 2800 Stadtbewohnern kommen etwa 1600 Bürger in den Stadtteilen hinzu. In Sachen bleibender Identifikation setzt sich der Stadtrat und Possenheimer Stadtteilreferent Jürgen Adler dafür ein, dass die Geschichte seines Heimatortes in Erinnerung bleibt. Am 17. Mai , Christi Himmelfahrt, plant er zusammen mit anderen Dorfbewohnern einen Rundgang entlang der Gemarkungsgrenzen, der mit einem feierlichen Feldgottesdienst abschließen soll.
Aber eine Gedenkfeier von Seiten des 40-jährigen Landkreises Kitzingen wird es wohl nicht geben. Es sei keine besondere Veranstaltung geplant, teilt Pressesprecherin Corinna Petzold mit.