IPHOFEN

Neubau in der Altstadt

Ein Haus in der Altstadt abzureißen und etwas Neues zu bauen erfordert Mut und Geld. Im Falle von Norbert Göpfert brauchte es noch etwas anderes: viel Geduld.
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Der Neubau der Familie Göpfert am Iphöfer Kirchplatz zeigt sich in zeitgemäßer Architektur mit Elementen aus Stahl und Glas und mit eckigen Biberschwanzziegeln. Im Gebäude direkt dahinter ist Göpferts Dentallabor untergebracht. Foto: Fotos (3): Göpfert
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Der Tag, als der Bagger kam, war für Norbert Göpfert ein Dilemma: ein Moment des Aufbruchs einerseits und ein Augenblick voller Wehmut andererseits. Ein Tag, der Altes, Vertrautes nahm und der Neues, Wünschenswertes brachte. Ein Tag im März 2014. Plötzlich stand das safrangelbe Monster in der Einfahrt – bereit, alles zu zerstören.

Vier Jahre ist das her – Göpfert muss selbst staunen. An einem Montagmorgen sitzt Göpfert am Tisch seiner Gönothek in Iphofen, eines Raums voller wundersamer Dinge. An der Wand hängen riesige Dias mit bekannten Motiven Iphofens, einem Weinberg, dem Stadtsee. In einer Nische schmiegt sich ein Kamin an die Wand, davor ein schwarzer Bechstein-Flügel aus dem Jahr 1911, aufwändig und edel restauriert. Und dann ist da noch ein großer Tresen mit integrierter Bierzapfanlage.

Kabinett voller Kuriositäten

Gönothek nennt Göpfert dieses Kabinett voller Kuriositäten, abgeleitet von den Anfangsbuchstaben seines Nachnamens und der Endung von Vinothek – das Innenleben so extravagant wie die Bezeichnung. Ihm ging es darum, etwas Persönliches zu schaffen und dies im Namen festzuhalten. An der Decke dämpfen Dämmplatten aus Naturfaser die Unterhaltung, ein angenehmes, entspanntes Gespräch. Die großen Fenster an der Stirnseite des Raumes geben den Blick frei nach draußen – auf die mächtige Stadtpfarrkirche, die zum Greifen nahe scheint.

Hier, im Herzen der malerischen Iphöfer Altstadt, hat der Bauherr vor vier Jahren Großes gewagt. Das sieht er so, das sehen aber auch andere so, manche im negativen, viele im positiven Sinne. Göpfert hatte sich daran gemacht, den alten Malerbetrieb seiner Eltern abzureißen und einen kleineren Schuppen gleich mit, um Platz zu schaffen für Neues. Er ist in den engen, holprigen Gassen der Altstadt geboren und aufgewachsen; er hat seinen Vater in dem Schuppen schuften sehen. Deshalb war der Schritt, das alles plattzumachen, für ihn kein leichter. Aber was wäre die Alternative gewesen? Die alten Gebäude stehen zu lassen und im Bestand zu sanieren? Das wäre keine zukunftsträchtige Lösung gewesen, und so machte Göpfert lieber einen radikalen Schnitt.

Hohe Empfindlichkeiten in der Altstadt

In einem über Jahrhunderte gewachsenen Altstadtensemble ist das nicht so einfach wie auf der grünen Wiese. Die Empfindlichkeiten sind hoch, auf vieles gilt es Rücksicht zu nehmen: Stadt, Denkmalpfleger, Bauexperten – alle wollen mitreden. Die Schwierigkeiten fingen schon damit an, das Abbruchmaterial, Tonnen von Bauschutt, durch die engen Gassen abzufahren. Aber selbstverständlich ging es auch darum, eine stimmige Optik zu finden, die ins Bild der vertrauten Kulisse passte. In der Nähe sind Kirche, Rathaus, Marktplatz – alles, wofür die Altstadt Iphofens berühmt ist. Drei Jahrzehnte Altstadtsanierung haben das Bild verändert und geprägt. Überall leuchten die Fassaden renovierter Bürgerhäuser. Kaum ein Jahr vergeht, in dem der seit 28 Jahren amtierende Bürgermeister Josef Mend nicht eine Auszeichnung für die gelungene Sanierung seiner Stadt entgegennehmen darf.

Der Tradition verpflichtet, der Moderne gehorchend – diesen Spagat hat Iphofen aus der Sicht vieler Fachleute beispielhaft bewältigt. Wenn etwas Neues entstanden ist, wie die Vinothek, der Anbau des Knauf-Museums oder der nördliche Flügel des Dienstleistungszentrums, dann immer in zeitgemäßer Architektur, nicht in der verklärten Sprache vergangener Epochen. Das hält auch Göpfert für den richtigen Ansatz. Auch er hat für sein Anwesen in der Kirchgase moderne Materialien gewählt: Glas, Stahl, Glattputz, selbst die Dachziegel, Biberschwänze zwar, aber vorne nicht gerundet, sondern eckig. So ist ein Gebäude entstanden, das sich an die Formensprache seiner Umgebung hält, aber doch sichtbar aus der heutigen Zeit stammt. „Wir haben uns viele Gedanken gemacht“, sagt der Bauherr.

Der Panoramablick ist inbegriffen

In Walter Böhm hatte er einen Architekten, der zahlreiche Projekte in der Altstadt begleitet hat. Viele Ideen kamen Göpfert nach eigenen Worten auch selbst. Das glaubt man gerne, wenn man ihm durch seinen Neubau folgt. Göpfert hat es in seinem Metier als Zahntechnikermeister zu Erfolg und Wohlstand gebracht. In seinem Dentallabor, direkt hinter dem Neubau, beschäftigt er nicht nur seine drei Kinder, sondern auch ein gutes Dutzend weiterer Mitarbeiter. Den Veranstaltungsraum der Gönothek nutzt er von Zeit zu Zeit für berufliche Seminare. Man kann ihn auch für private Feste buchen. Eine moderne Küche hat Göpfert gleich mit einbauen lassen. Im Obergeschoss liegen vier schicke Ferienwohnungen – Panoramablick auf Iphofens Tore und Türme inklusive.

Die Sache mit den Archäologen

Auch Bürgermeister Josef Mend spricht heute von einem „gelungenen Ergebnis“. Vor anderthalb Jahren hat er Göpfert im Rahmen des seit 1998 ausgelobten städtebaulichen Wettbewerbs einen Preis verliehen. Die Begründung der mit Bauexperten, Architekten und Politikern besetzten Jury: Göpfert habe einen städtebaulichen Missstand beseitigt, eine Abrundung des Kirchplatzes geschaffen und der dort aufgestellten Kreuzigungsgruppe einen besseren Rahmen gegeben. Mend erinnert sich jedoch auch an die Schwierigkeiten, die Göpferts Bau anfangs machte: an die Beschwerden der Nachbarn, die das Gebäude als zu hoch empfanden, oder an die Sache mit den Archäologen.

Bewusst hatte Göpfert darauf verzichtet, das Haus zu unterkellern. Trotzdem kamen bei den Abrissarbeiten Knochen und Gebeine zum Vorschein, Reste des alten Friedhofs hinter der Stadtpfarrkirche. Sofort rückte ein Trupp Archäologen an, wochenlang ruhten die Bauarbeiten auf dem Grundstück, und Göpfert wurde von Tag zu Tag nervöser. „Sie sagten, sie müssten ein bisschen graben. Daraus wurden 14, 15 Wochen.“ Am Ende durfte er das alles noch bezahlen, einige zehntausend Euro. So will es das Gesetz.

Wenn Göpfert heute durch seinen Neubau spaziert, ist der ganze Ärger vergessen. Dann blickt er wie ein Künstler stolz auf sein Werk. Er könnte schon wieder loslegen.

Hoher Sanierungsstand: Schon seit 30 Jahren läuft in Iphofen das staatlich geförderte Programm der Altstadtsanierung. In diesem Zeitraum sind etwa 220 Projekte umgesetzt worden. Etwa ein Fünftel der Gebäude ist nach Schätzung von Bausachgebietsleiterin Petra Krist noch sanierungsbedürftig. „Wir hoffen, dass wir in zehn Jahren durch sind.“

Attraktive Zuschüsse: Bis zu 20 000 Euro Zuschuss gewährt die Stadt Bauherren, die sich vor einer Maßnahme beraten lassen und im Sinne der Gestaltungssatzung sanieren. Der Zuschuss soll einen Teil des denkmalpflegerischen Mehraufwands ausgleichen.

Kaum Neubauten: Nur ein Fünftel der Projekte innerhalb der Iphöfer Altstadt sind Neubauten; beim Rest wird im Bestand saniert. Das liegt laut Petra Krist im Wesentlichen an der hohen Zahl der Einzeldenkmäler. Leerstand ist in Iphofen kaum ein Thema. Im Zweifel springt die Stadt ein, kauft Gebäude und richtet sie für einen Weiterverkauf her. elz

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