Prichsenstadt

Nachtwächter: Tag und Nacht im Dienst der Bürger

Höhepunkte des Europa-Treffens waren der Umzug durch die Altstadt und das Turmblasen vom Stadtturm. Die Fans der Nachtwächter warteten schon seit Dienstag darauf.
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Helmstedter Türmer beim europäischen Treffen der Nachtwächter- und Türmerzunft am Himmelfahrts-Wochenende in Prichsenstadt. Foto: Maria Keil
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Die ersten Fans reisten schon am Dienstag an, um beim europäischen Treffen der Nachtwächter und Türmer in Prichsenstadt dabei zu sein. An Himmelfahrt trafen dann die Protagonisten ein. Zur Zunftsitzung am Freitag waren es 92 Mitglieder aus sieben europäischen Ländern. Höhepunkte für das Publikum waren der Umzug und das Türmerblasen am Samstag.

Prichsenstadt war ausgebucht, etliche der Zunftbrüder kamen in Volkach in der Kaserne unter. So ein Treffen, sagt der amtierende Zunftmeister Johannes Thier aus Bad Bentheim, sei wie ein Klassentreffen, nur jedes Jahr an einem anderen Ort. Nächstes Jahr findet es im bayerischen Gundelfingen statt.

Gegründet wurde die europäische Zunft der Nachtwächter und Türmer 1987 in Ebeltoft in Dänemark. Dort wurde die Tradition der Nachtwächter 1953 wiederentdeckt. Damals hatte ein Gastwirt zwei Uniformen zum Geburtstag geschenkt bekommen. Diese zog er zwei jungen Mitarbeitern über und stellte sie auf die Rathaustreppe. Sie sollten dort singen und dann die Gäste zum Theater führen. Im Jahr darauf übernahm die Stadt die Koordination, damit allabendlich Nachtwächter in traditioneller Kluft in Ebeltoft die Stunde ansagen. Allein der Ebeltofter Zunft gehören 40 Mitglieder an. Der älteste und zugleich Zunftmeister der Ebeltofter trug sich gemeinsam mit den anderen Zunftmeistern in das Goldene Buch der Stadt Prichsenstadt ein.

Prichsenstädter Assel gehört nun auch dazu

Um in die Zunft aufgenommen zu werden, muss das Bestehen der Tradition der Nachtwächter oder Türmer am jeweiligen Ort nachgewiesen werden. In den meisten Städten wurde der Beruf des Nachtwächters von der Einführung der elektrischen Straßenbeleuchtung und der Polizei abgelöst. In Dinkelsbühl war dies zum Beispiel 1905 der Fall. Wiederentdeckt wurde die Tradition seit den 1950er-Jahren, und Rothenburg ob der Tauber war einer der ersten Orte, der diese Mischung aus Schauspiel und Ehrenamt etablierte. Heute gibt es in der Zunft 163 Mitglieder aus 60 verschiedenen Orten Europas. Drei Männer gehören seit Freitag mit dazu, darunter der Prichsenstädter Martin Assel. Mit Handschlag und Siegel, der Tradition verpflichtet, wurden er und die anderen beiden feierlich in die Zunft aufgenommen.

Viele Zunftbrüder sind schon seit Jahrzehnten dabei. Aber es gibt auch Nachwuchs: Das jüngste Zunftmitglied ist der 20-jährige Türmer Florian Gulaneck aus Helmstedt. Ebenfalls zu den jüngeren Kollegen gehört der 29-jährige, auf dem Turm der Johanniskirche in Zittau lebende Kirchen- und Schulmusiker Felix Weickelt. Beide gaben am Samstagabend, vom Stadtturm aus, eine Kostprobe ihrer Kunst. Mit dabei waren – unter den Kennern der Fans wohl beachtet – auch die Türmer aus dem polnischen Krakau. Sie blasen dort von den Türmen der Marienkirche in alle Himmelsrichtungen zu jeder Stunde, Tag und Nacht.

Frauen traditionell außen vor

Selbsternannte Nachtwächter oder Türmer ohne nachweisliche Tradition am Ort können sich zwar Nachtwächter nennen und Stadtführungen veranstalten, aber sie können nicht in die Zunft aufgenommen werden. Ebensowenig können Frauen zur Zunft gehören, es sei denn es wird nachgewiesen – zum Beispiel durch Unterlagen aus dem Archiv –, dass jemals eine Frau Nachtwächterin war. Aber, so der Zunftmeister, Nachtwächter war zwar ein wichtiger Beruf, aber auch ein gefährlicher und in der Rangfolge der Berufe einer der niedrigsten. Das habe sich heute komplett gewandelt, und der Nachtwächter stehe im Ansehen dem Bürgermeister vielerorts in nichts nach.

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