Als sein ohnehin von Aggressivität und Drogen zerrissenes Leben durch den Rauswurf von Zuhause ganz aus dem Ruder läuft, brennen bei einem jungen Mann aus dem Landkreis auch die letzten Sicherungen durch: In nur fünf Monaten legt er eine beispiellose Serie von Delikten – von Beleidigung, Sachbeschädigung, Bedrohung, Diebstahl bis zum Einbruch – hin, dass der Staatsanwalt am Kitzinger Amtsgericht alleine fürs Vorlesen gut eine Viertelstunde braucht.

Der blasse 20-Jährige auf der Anklagebank des Jugendschöffengerichts ist schon lange ein Sorgenkind. Er zeigt früh ein gestörtes Sozialverhalten, ist aggressiv gegenüber seinen ratlosen Eltern. Jugendpsychiatrie und Betreuung helfen nur kurzzeitig. Als Jugendlicher fliegt er von verschiedenen Schulen, macht aber vor vier Jahren seinen Quali. Dann wieder ein Durchhänger: Er bricht eine Lehre ab. Die Streitereien mit den Eltern werden heftiger.

Auslöser sind Drogen und Alkohol, die seine Aggressivität verstärken. Als er Mitte 2011 ausrastet, zuhause randaliert und seine Eltern bedroht, fliegt er raus. Weil die Mutter Angst vor ihm hat, erwirken die Eltern im September ein gerichtliches Kontaktverbot.

Der Versuch, den aggressiven Sohn fernzuhalten, schlägt fehl: Vierzehn Mal erscheint der 20-Jährige vor dem Haus. Er randaliert, richtet Zerstörungen an, dringt mit Gewalt ins Haus, bedroht und beleidigt Mutter, Vater und Schwester. Und will meist Geld. Vor allem für Drogen. Um die zu kriegen, klaut er zwei Uhren, die er sofort vertickt. Elf Verstöße gegen das Gewaltschutzgesetz zählt der Staatsanwalt auf.

Weil er obdachlos und pleite ist, dreht er ein für ihn eher ungewöhnlich großes Ding – einen Einbruch in eine Firma. Da geht er ins Klo, lässt das Fenster offen. Und dringt in der Nacht in das Unternehmen ein. Beute: zwei Laptop, zwei PC, zwei Monitore und drei Drucker im Gesamtwert von 5000 Euro. Juristisch gesehen ist das Diebstahl in einem besonders schweren Fall.

Die Rest-Delikte, die das Schöffengericht noch beurteilen muss, sind dagegen eher Kleinvieh: eine Moped-Tour unter Drogen, Fahren ohne Fahrerlaubnis, ein kleiner Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz (3,5 Gramm Amphetamin) und ein bei den Eltern geklautes Smartphone machen das kriminelle „Kraut“ nicht mehr fett. Wohl aber vier Delikte, die den Angeklagte schon früher mit dem Gesetz in Konflikt brachten: Sachbeschädigung, Fahren ohne Fahrerlaubnis, Betrug, Hausfriedensbruch und Diebstahl. Einmal muss der 20-Jährige in den Jugendarrest.

Was ihn vor dem Jugendknast rettet sind sein uneingeschränktes Geständnis, seine Abkehr von den Drogen, der geplante Beginn einer Lehre – und vor allem seine Eltern. Die haben ihn wieder Zuhause aufgenommen, ihm ein Praktikum verschafft und einen Ausbildungsvertrag. Und alle ihre Anzeigen gegen den Sohn zurückgezogen.

Bei soviel Starthilfe für ein neues Leben will auch der Staatsanwalt nicht die Keule auspacken: „Ich hoffe, dass er jetzt die Kurve gekriegt hat.“ Der Klagevertreter fordert wegen erkennbarer „schädlicher Neigungen“ zwar ein Jahr und sechs Monate Jugendstrafe, die aber zur Bewährung. Dazu Drogen-Tests in der Bewährungszeit und eine Führerscheinsperre für eineinhalb Jahre.

Der Verteidiger, der seinen Mandanten eher als psychiatrischen Behandlungsfall denn als Täter sieht, hält ein Jahr auf Bewährung für ausreichend und eine kürzere Führerscheinsperre. Der 20-Jährige entschuldigt sich in seinem letzten Wort für sein Fehlverhalten, das ihm jetzt peinlich sei: „Ich bitte um eine Chance.“

Die gibt ihm das Schöffengericht. Die fünf Monate, in denen der junge Mann eine Tat an die andere reihte, hätten eine Ursache: „Er hat den Halt verloren gehabt“, sagt der Vorsitzende. Das Urteil: ein Jahr und drei Monate Haft auf Bewährung (drei Jahre). Der junge Mann bekommt einen Bewährungshelfer an seine Seite und muss seine Drogenfreiheit bei vier Haaranalysen unter Beweis stellen. Und der Führerschein muss mindestens neun Monate warten.

Zwei Auflagen runden das erzieherisch geprägte Urteil ab: Der 20-Jährige muss vorläufig in regelmäßiger psychiatrischer Behandlung bleiben und darf seine Ausbildung nicht abbrechen. Der Vorsitzende: „Die Ausbildung ist das A und O für das weitere Leben das Angeklagten.“ Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.