Er sitzt in der Schulküche des Franken-Landschulheims in Gaibach. Mit seinen Fingern knetet er die Hände in seinem Schoß. Er möchte bleiben, in Gaibach an der Schule, in Deutschland. Dabei wollen ihm seine Mitschüler helfen.

„Hier bin ich daheim“, sagt er und meint damit die Asylbewerber-Unterkunft in Schweinfurt. Seinen Namen möchte der 17-Jährige nicht sagen. Er hat Angst. Angst, dass er zurück muss in ein islamisches Land, aus dem er vor vielen Jahren mit seiner Familie geflohen ist.

Er ist ein guter Schüler, möchte seinen Abschluss machen. „In den Naturwissenschaften ist er ein Ass“, sagt der Leiter der Realschule, Dieter Jelitto. Aber er spricht schlecht Deutsch. So schlecht, dass er Deutschkurse besuchen müsste, um seinen Abschluss zu schaffen. Sechs Kurse an der VHS in Schweinfurt bräuchte er. Mindestens. Einer kostet um die 150 Euro. Geld, das er und seine Familie nicht haben. Deswegen wollen seine Schulkameraden etwas auf die Beine stellen, was Geld bringt. Während sich die Schülermitverwaltung (SMV) ein paar Türen weiter den Kopf darüber zerbricht, erzählt der Junge seine Geschichte.

„Hätte ich von Anfang an in Deutschland die Sprache lernen können, könnte ich jetzt die Prüfungen mitschreiben.“
Ein 17-jähriger Asylbewerber

Die Famillie des Jungen gehört den sogenannten Ahmadiyya-Moslems an. Die Glaubensgemeinschaft legt den Islam nicht fundamentalistisch aus, respektiert die Christen – und wird verfolgt. Vor 15 Jahren ist er mit seiner Familie geflohen, über verschiedene Länder. Weiterleben in seinem Heimatland wäre nicht möglich gewesen. Zu bleiben hätte ein Leben, geprägt von der Angst vor Festnahmen und Folter, bedeutet.

Seit Ende 2011 ist die Familie in Deutschland. Der Freistaat Bayern verteilt die Asylbewerber auf die Kommunen, damit überall die Quote stimmt. So ist die Familie nach Unterfranken gekommen und der Junge ans Landschulheim nach Gaibach. Er und seine Familie befinden sich in einem „schwebendem Verfahren.“ Das heißt, sie sind weder Gäste unseres Landes, die bald wieder gehen, noch sind sie Leute, die am Abend mit der Sicherheit einschlafen können, am nächsten Tag immer noch hier bleiben zu dürfen. „Dabei will ich Deutschland in den nächsten Jahren doch auch was zurück geben“, sagt er. Er will studieren, „Arzt werden“, und irgendwann ins deutsche Steuersystem einzahlen. Damit er hier bleiben kann, muss er besser Deutsch sprechen. Viel besser und vor allem am besten schon seit vorgestern.

Die Crux: In der zehnten Jahrgangsstufe werden die meisten Aufgaben, auch in seinen besten Fächern Mathe, Physik und Chemie, als reine Textaufgaben gestellt. Müsste er nur rechnen, hätte er Einser. Muss er allerdings die Aufgabe erst aus dem Text erlesen, hat er Sechser. Den Abschluss der mittleren Reife, den seine Klassenkameraden in wenigen Wochen machen, ist so für ihn nicht möglich, das Abitur in weiter Ferne.

„Hätte ich von Anfang an in Deutschland die Sprache lernen können, könnte ich jetzt die Prüfungen mitschreiben“, sagt er. Manchmal verwechselt er noch die Zeiten oder es fehlen im die Worte. Dennoch: Auch wenn sein Deutsch noch nicht gut genug ist, um im Unterricht alles mitzubekommen, es wird von Tag zu Tag besser. Denn er ist fleißig. „Ich lerne immer“, sagt er. Er besorgt sich Lehrmaterial, schaut sich Deutschkurse im Internet an, liest deutsche Bücher und schaut deutsche Filme. Eine halbe Stunde Zeit nimmt er sich am Tag, „für die Dusche.“ Den Rest der Zeit lernt er. Auch am Sonntag.

Je besser er wird, umso notwendiger sind die Kurse an der VHS. Doch die werden vom Staat nicht unterstützt – auch wenn die Regierung verlangt, dass jeder schulpflichtige Asylbewerber spätestens nach drei Monaten Aufenthalt in Deutschland an eine Regelschule geht.

Es muss ein Wechselbad der Gefühle sein, in dem er sich befindet. Einerseits ist er froh, dass seine Freunde und Schulkameraden ihm helfen wollen. Andererseits muss es ein unangenehmes Gefühl sein, so sehr auf die Hilfe anderer angewiesen zu sein – obwohl man doch selbst jede Menge auf dem Kasten hat.

Die Mitschüler helfen gerne. Um die rund 1000 nötigen Euro zusammen zu bekommen, hat die SMV eine lange Liste an Vorschlägen: Pausenverkauf, Benefiz-Konzert, Schulflohmarkt oder das Public-Viewing des Champions League Finales. Schülersprecher Kai Binkowsky leitet die Sitzung. Zwei Ziele werden verfolgt: Zum einen soll möglichst schnell so viel Geld zusammen kommen, dass der erste Deutschkurs des Schülers, der am 30. Mai beginnt, finanziert werden kann. Zum anderen wollen die Schüler mit einem längerfristigen Projekt Geld zusammentragen, mit dem die restlichen Unterrichtsstunden bezahlt werden.

Am Ende entscheiden die rund 60 Schüler, dass es in den nächsten Wochen einen Pausenverkauf geben soll, um die ersten Kosten zu decken. Langfristig soll ein großes Sportturnier veranstaltet werden. In den nächsten Tagen werden die Schüler zusammen mit dem Verbindungslehrer und Leiter der SMV, Marco König, die genaue Planung erarbeiten. Die Schüler werden alle an einem Strang ziehen. Schließlich ist der Junge mittlerweile auch ein Freund von vielen geworden. Und Freunde, da sind sich die Schüler einig, lässt man nicht im Stich. Egal, woher sie kommen.