LANDKREIS KT/VEITSHÖCHHEIM

Mit ihr ist nicht gut Kirschen essen

Sie kamen aus Asien über Südeuropa nach Deutschland. Hier fühlen sie sich sichtlich wohl. „Sie werden auch nicht mehr verschwinden“, prophezeit Hans-Jürgen Wöppel mit einem Achselzucken. Obstbauern und Winzer dürfen sich schon einmal darauf einstellen: Der Kampf gegen die Kirschessigfliegen geht weiter. Es schaut nach einem zähen Ringen aus zwischen Mensch und Insekt.
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Monitoring: Mit Hilfe der Lockflüssigkeit kann die Kirschessigfliege in Fallen gefangen werden. Die Anzahl der gefangenen Tiere gibt Mareike Wurdack einen guten Hinweis darauf, wann ein Einsatz von Pflanzenschutzmitteln sinnvoll ist. Foto: Foto: MAIKE MASER PLAG/LWG
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Sie kamen aus Asien über Südeuropa nach Deutschland. Hier fühlen sie sich sichtlich wohl. „Sie werden auch nicht mehr verschwinden“, prophezeit Hans-Jürgen Wöppel mit einem Achselzucken. Obstbauern und Winzer dürfen sich schon einmal darauf einstellen: Der Kampf gegen die Kirschessigfliegen geht weiter. Es schaut nach einem zähen Ringen aus zwischen Mensch und Insekt.

Seit Monaten forscht die Landesanstalt für Wein- und Gartenbau in Veitshöchheim an der Kirschessigfliege. 2014 hat das Insekt mit dem lateinischen Namen Drosophila suzukii zum ersten Mal fränkische Obstanlagen und Weinberge angeflogen. Das Resultat: bis zu zehn Prozent Ernteausfall. Es kann durchaus schlimmer kommen. In Südtirol gab es Teilflächen in den Weinbergen, die zur Hälfte von dem Schädling befallen waren. Wöppel: „Die Kirschessigfliege kann für einen Betrieb existenzbedrohend sein.“

Rote Früchte fliegt das Insekt bevorzugt an. Erdbeeren, Kirschen, Himbeeren und Zwetschgen sind deshalb nicht vor ihr sicher. Die frühen Rotweinsorten auch nicht. Landwirtschaftsminister Helmut Brunner hat 600 000 Euro für das neue Forschungsvorhaben bereitgestellt, das die Ausbreitung des Schädlings eindämmen soll. Biologin Mareike Wurdack und ihre drei Mitarbeiterinnen haben bereits erste Erkenntnisse gesammelt. „Aber es sind sehr rätselhafte Tiere“, gesteht Wurdack. „Wir wissen noch nicht genau, was sie in ihrer Freizeit so tun.“

Zig Tausende der kleinen Insekten haben die Forscher in den aufgestellten Fallen gefunden. Die meisten im Herbst, einige auch im Winter. Jetzt sind die Kirschessigfliegen wieder aktiv. Die Erdbeeren sind reif und bieten Nahrung. Mareike Wurdack geht davon aus, dass der Befall in diesem Jahr mindestens so groß sein wird wie 2014. Der Winter war mild, die Populationen überlebten. Jetzt beginnt die Zeit der Eiablage, neue Generationen reifen schnell heran. „Und dazu gesellen sich die Zuzügler aus Südeuropa.“

Wo haben die Tiere überwintert? Wovon haben sie sich im Frühjahr ernährt? Und welches Kraut ist gegen sie gewachsen? Fragen, mit denen sich das Projektteam um Leiter Wöppel intensiv beschäftigt. Monika Adelhardt hat im Labor eine Zucht aufgebaut. Leicht war das nicht. Die Temperatur musste stimmen, das Licht, die Nahrung. Unter Schutzfolien vermehren sich jetzt die Kirschessigfliegen, werden künstlichem Regen oder Pflanzenschutzmitteln ausgesetzt. Sie erhalten unterschiedliche Nahrung und unterschiedliche Lockflüssigkeiten. Und sie erweisen sich als äußerst flexibel. „So leid es mir tut, das ist der perfekte Schadorganismus“, sagt Wurdack. Eine hohe Widerstandskraft und eine hohe Reproduktionsfähigkeit zeichnet die Kirschessigfliege aus. Sie ist auf keine spezielle Frucht für die Eiablage angewiesen. „Und sie ist wohl mobiler als wir anfangs dachten.“

In den Bäumen am Waldrand wird die Kirschessigfliege überwintern – so lautete die Vermutung Ende 2014. In ihrem Versuchsgebiet bei Himmelstadt hat die LWG großflächig Bäume mit einem dichtmaschigen Netz behangen. Die Hoffnung: Beim Abflug im Frühjahr werden sich die Tiere dort verheddern. „Wenn wir das Winterquartier kennen, können wir sie gut bekämpfen“, erklärt Wöppel. Das Ergebnis ist bislang jedoch ernüchternd. Kaum eine Kirschessigfliege wurde gefangen. „Sie ziehen sich wohl weiter in den Wald zurück“, vermutet Wöppel.

Auf drei Jahre ist das Forschungsprojekt zunächst angelegt. Wurdack und ihr Team wollen möglichst bald Ergebnisse liefern. „Aber sie müssen fundiert sein“, sagt die Biologin. In den USA wird seit fünf Jahren geforscht, in Südeuropa seit drei Jahren. Ein durchschlagender Erfolg hat sich noch nicht eingestellt. „Wir brauchen einen langen Atem“, weiß die Biologin.

Einige Erkenntnisse liegen vor: Es gibt eine Sommer- und eine Winterform von Kirschessigfliegen. Während sich die ersten schnell und umfangreich vermehren, lebt die Winterform deutlich länger. Einige Monate können es sein. Dann fliegt das Insekt aus und ernährt sich vermutlich von Hefen, die es auf Blättern oder Gräsern findet. Beginnt die Obstsaison, ist der Tisch in der Natur für die Kirschessigfliege wieder reichlich gedeckt.

Hoffnungslos ist der Kampf gegen die Kirschessigfliege für den Menschen keineswegs. Es gibt natürliche Feinde wie Pilze oder Bakterien und es gibt Pflanzenschutzmittel. „Unser Ziel ist eine vielstufige Bekämpfung“, erläutert Wöppel. Der Einsatz von Chemie soll dabei so gering wie möglich gehalten werden. Vor allem soll sie punktgenau eingesetzt werden – in dem Moment, in dem die Eier abgelegt werden. „Das wäre ideal“, sagt Wöppel. Anhand der Lockfallen lasse sich das gut überprüfen. Die Rebschutzwarte sind bereits entsprechend geschult worden.

Ein Umdenken beim Management fordert LWG-Obstbauexperte Hubert Siegler von den Obstbauern und Winzern. Früchte, die am Boden liegen, müssten künftig schnell entsorgt werden, die Erntezeit wird sich wegen des Schädlings verkürzen. Wer die Begrünung kurz hält und die Weinberge entlaubt, der tut ebenfalls etwas gegen den Befall. Die Kirschessigfliege bevorzugt feuchte Ecken.

Hilfreich könnten dichtmaschige Netze sein, mit denen die LWG in ihrem Versuchsgebiet „Stutel“ experimentiert. Großflächig könnten damit Weinbergsflächen und Obstplantagen künftig geschützt werden. Nicht nur gegen die Kirschessigfliege, sondern auch gegen andere Schädlinge und Hagel. In Südtirol hat man bereits gute Erfahrungen mit den Netzen gemacht. Rund 80 Prozent der Kirschessigfliegen konnten so ausgesperrt werden.

Sollten Obst oder Weinbeeren doch befallen sein, so hilft nur eins: Bestände schnell aussortieren und vernichten. Vergraben in einem halben Meter Tiefe empfiehlt Wöppel. Oder in einem gut verschlossenen Behälter großer Hitze aussetzen. Oder gleich hochkochen. Mit so einem Feind wie der Kirschessigfliege ist eben nicht gut Kirschen essen. Da sind auch rabiate Mittel angebracht.

Die Kirschessigfliege

Biologie: Die Kirschessigfliege stammt aus Asien. Optimale Lebensbedingungen liegen bei 20 bis 25 Grad Celsius und höherer Luftfeuchtigkeit vor. Die erwachsenen Tiere ernähren sich von Blatt- und Nadelausscheidungen, Hefen, Bakterien oder Pollen. Temperaturen über 30 Grad Celsius mögen die Tiere genauso wenig wie lange Frostperioden.

Gefährdung: 2014 war das erste Jahr mit stärkeren Fängen im Weinbau. Von rund 300 Proben auf Verdachtsflächen war die Hälfte positiv. Vor allem frühe Rotweinsorten sind stark gefährdet. Ein Gefährdungspotenzial sieht die LWG bei rund 20 Prozent der fränkischen Anbaufläche.

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