KITZINGEN

Mit gesundem Menschenverstand und offenen Ohren

Ein Trauma belastet Menschen ein Leben lang. Wie Ehrenamtliche helfen können.
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Afghanische Flüchtlinge in Pakistan
Leere Blicke, schlimme Erfahrungen: Ein Trauma hinterlässt immer Narben – und lässt sich nicht heilen. Foto: Foto: DPA–
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Rezepte hatten sie nicht in ihrem Gepäck. Aber jede Menge Ratschläge. Eva Maria Hoffart und Gerald Möhrlein sind ausgebildete Traumapädagogen – und damit die richtigen Ansprechpartner für ehrenamtlich engagierte Bürger in der Flüchtlingsarbeit.

Was ist ein Trauma? Wie kann ich es erkennen? Und was kann ich tun, um es zu lindern? Fragen, mit denen sich viele ehren- und hauptamtliche Helfer derzeit herumschlagen. Rund 20 kamen zu dem Vortrag, den das Koordinierungszentrum WirKt kürzlich organisiert hatte.

„Ein Trauma hinterlässt immer eine Narbe.“
Eva Maria Hoffart Traumpädagogin

Sich kümmern, aber nichts versprechen. Den gesunden Menschenverstand einsetzen. Und vor allem: An die eigene Gesundheit denken. Tipps, die von den Zuhörern gerne angenommen wurden. Als intensive Angst, die immer mit einer lebensbedrohlichen Situation einhergeht, beschrieb Hoffart ein Trauma.

Kontrollverlust, Entsetzen und die Erschütterung des eigenen Selbst- und Weltverständnisses gehen damit einher. „Ein Trauma hinterlässt immer eine Narbe“, betonte sie. Und, schimmer noch: Ein Trauma lässt sich nicht heilen.

Betroffen sind nicht nur viele Flüchtlinge, die vor Kriegen und Gräueltaten in ihrem Land davonlaufen. Betroffen sind auch Opfer von Sexualdelikten oder schweren Unfällen. „Manchmal reicht es schon, Zuschauer zu sein“, erklärte Hoffart. Ohne professionelle Hilfe lasse sich ein Trauma nicht bewältigen, betonte sie. Eine Heilung gebe es zwar nicht – aber eine Linderung. „Das Umfeld bestimmt den Grad dieser Linderung“, erläuterte die Traumapädagogin. Wichtig sei es deshalb, das Verhalten der Betroffenen zu würdigen, ihnen Mut zuzusprechen, ihre Sorgen und Ängste ernst zu nehmen.

Aber wie kann man als ehrenamtlicher Helfer überhaupt erkennen, ob ein Mensch traumatisiert ist? Bestimmte Verhaltensmuster geben zumindest Hinweise. Eine Hyperaktivität zählt genauso dazu wie eine generelle Vermeidungsstrategie. „Manchmal lächeln die Betroffenen auch in Situationen, die gar nicht zum lächeln sind“, erklärt Möhrlein. Als ehrenamtlicher Helfer könne man den Betroffenen Sicherheit geben, beispielsweise durch feste Tagesstrukturen – und zuhören, wenn sie sich mitteilen möchten. „Aber bitte niemals nachfragen.“ Das könne das Trauma nur von Neuem auslösen – genau so wie die so genannten trigger: Auslöser, die Außenstehenden völlig harmlos erscheinen, die Betroffenen jedoch in Alarmzustand versetzen. „Das kann der Knall einer Autotür sein, der Geruch eines bestimmten Essen, die Uniform eines Polizisten oder ein Arztkittel“, informierte Möhrlein. Die Betroffenen ziehen sich entweder in sich zurück oder werden aggressiv.

Spätestens in diesen Momenten wären Fachkräfte hilfreich. Eine Weiterleitung an eine Fachstelle sei momentan aber aus einem ganz einfachen Grund nicht machbar, beschied Möhrlein. Es gibt keine solche Stelle. „Wir sind selber auf der Suche nach einem psychologischen Fachdienst“, gestand er. In diesem Bereich gebe es leider kein funktionierendes Netzwerk. Dabei sei absehbar, dass die Zahl der traumatisierten Menschen eher steige als abnehme.

Ehrenamtliche Helfer in der Flüchtlingsarbeit sollten sich stets bewusst sein, dass sie eben keine Fachkräfte für Traumabewältigung sind. „Fühlen Sie sich nicht für alles verantwortlich“, riet Möhrlein den Anwesenden. „Machen Sie das, wofür Sie Sie sich in diesem Moment kompetent fühlen.“ Am Besten sei es, den gesunden Menschenverstand einzuschalten und danach zu handeln.

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