KITZINGEN

Mit dem Traktor ins Gefängnis

Man könnte mit dieser Szene beginnen: Eine Polizeistreife sieht den seit Jahren amtsbekannten Landwirt, wie er auf seinem Traktor fröhlich durch die Gegend tuckert – dabei besitzt der Mann schon lange keinen Führerschein mehr. Der Landwirt hat die Polizei im selben Augenblick erspäht – und gibt sofort Gas. Die muntere Verfolgungsjagd führt über Schleich- und Feldwege. Im letzten Moment rettet sich der Landwirt in einen Wald, wohin der Streifenwagen nicht mehr folgen kann.
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Foto: DPA

Man könnte mit dieser Szene beginnen: Eine Polizeistreife sieht den seit Jahren amtsbekannten Landwirt, wie er auf seinem Traktor fröhlich durch die Gegend tuckert – dabei besitzt der Mann schon lange keinen Führerschein mehr. Der Landwirt hat die Polizei im selben Augenblick erspäht – und gibt sofort Gas. Die muntere Verfolgungsjagd führt über Schleich- und Feldwege. Im letzten Moment rettet sich der Landwirt in einen Wald, wohin der Streifenwagen nicht mehr folgen kann.

Es ließe sich aber auch gut mit dieser Szene anfangen: Der Landwirt sitzt – wieder einmal – auf dem Traktor und fährt durch seinen Heimatort im östlichen Landkreis. Als von hinten ein aus dem gleichen Ort stammendes Auto kommt und überholen will, lässt das der Mann mit gewagten Fahrmanövern partout nicht zu. Nur zwei Vollbremsungen des Autofahrers verhindern den Zusammenstoß. Anschließend darf er sich von dem Mann auf dem Traktor mehrmals den Vogel zeigen lassen.

Vielleicht – und auch das würde als Einstiegsszene taugen – muss man erst einmal über das Jahr 2002 reden. Damals erlitt der heute 56-Jährige einen Arbeitsunfall, was zu einer Hirnschädigung und schließlich zu einer Wesensänderung führte. So steht es in einem Gutachten, das allerdings auch klar besagt: Der Mann ist wegen seiner Beeinträchtigung auf keinen Fall schuldunfähig – er weiß also ziemlich genau, was er tut.

„Er hat sich fast ein Hobby daraus gemacht.“

Strafrichter Marc Betz über die Schwarzfahrten des Angeklagten

Gerichtsbekannt wurde der Landwirt erstmals vor fünf Jahren. 2007 setzte es 300 Euro Geldstrafe, weil er ohne Führerschein erwischt wurde. Von da an schaukelten sich die Dinge immer weiter hoch, es ging immer um das gleiche Delikt: Ein Mann kann einfach nicht von seinem Traktor lassen. Die nächste Geldstrafen setzte es 2008. Zunächst waren es 1200 Euro, dann 3750 Euro. Ein scheinbar unaufhaltsamer Kreislauf begann, nachdem selbstredend auch jedes mal die Führerscheinsperre verlängert wurde.

Im Jahr 2009 setzte er nach erneuten Schwarzfahrten erstmals eine viermonatige Freiheitsstrafe, die zur Bewährung ausgesetzt wurde. Der bisherige Höhepunkt dann 2011, als der Kitzinger Strafrichter 14 Monate Freiheitsstrafe verhängte. Obwohl bereits unter Bewährung, gab es ein Zudrücken aller Augen: Erneute Bewährung. Man könnte es die aller-aller-allerletzte Chance nennen.

Dazu das Versprechen des notorischen Schwarzfahrers: Er geht in Rente und verpachtet seine Felder, um nicht mehr in Versuchung zu kommen. Und den Traktor lässt er auf sechs Stundenkilometer drosseln – weil für diesen Kriechgang kein Führerschein gebraucht wird.

Was dann kam, war nicht der Einzug der Vernunft – sondern das eingangs erwähnte Szenario: Verfolgungsjagd mit der Polizei und das Ausbremsen von unliebsamen Miteinwohnern. Nachdem er sich längst mit dem gesamten Ort verkracht hatte, hagelte es immer wieder entsprechende Anzeigen.

Aktuell hatte der 56-Jährige zu diesem Zeitpunkt eine Führerscheinsperre bis 2014. Die Drosselung auf sechs Stundenkilometer gab's zu diesem Zeitpunkt längst nicht mehr.

Als deshalb Ende vergangenen Jahres wieder einmal gegen den Landwirt verhandelt werden sollte, zog er es vor, nicht zu erscheinen. Weshalb kurz vor Weihnachten die Polizei klopfte und den 56-Jährigen bis zur Verhandlung vergangenen Donnerstag ins Gefängnis steckte.

Bei dem Prozess zeigte sich einmal mehr, wie schwer es ist, mit dem Angeklagten umzugehen: Ständiges Gebrabbel, immer am Thema vorbeireden, kaum klare Gedanken. Was auch seinen Verteidiger, der gleichzeitig als Betreuer fungiert, an gewisse Grenzen stießen ließ.

„Stur bis zum Letzten“, nennt der Staatsanwalt das Verhalten. Und das Gericht wird später in der Urteilsbegründung sagen, dass sich der Mann aus dem Schwarzfahrten „ein Hobby gemacht“ habe.

Die Strafe sitzt: Ein Jahr und sechs Monate muss der Landwirt ins Gefängnis. Dazu eine Führerscheinsperrfrist, die mit fünf Jahren alles ausschöpft, was das Gesetz hergibt.

Die Polizisten, die den 56-Jährigen zu seiner Verhandlung gebracht hatten, durften ihn auch gleich wieder mitnehmen: Wegen Fluchtgefahr bleibt der Mann auf Antrag der Staatsanwaltschaft in Haft. Denn neben den jetzt verhängten anderthalb Jahren gibt es ja noch die Strafen aus den beiden anderen offenen Bewährungen: Hier drohen insgesamt 18 weitere Monate im Gefängnis – insgesamt also drei lange Jahre.

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