KITZINGEN/WÜRZBURG

Mit Hammer in den Lottoladen

Mit Papierrollen verhauen und mit einem Hocker in die Flucht geschlagen hat eine Familie aus Kitzingen einen Räuber. Nun musste sich der 19-Jährige vor dem Jugendschöffengericht verantworten.
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Überfall am Abend: In dieses Schreibwarengeschäft mit Post- und Lotto-Annahmestelle drang der Maskenmann ein und wollte Reibach machen. Foto: Archiv-Foto: Fuchs

Mit Papierrollen verhauen und mit einem Hocker in die Flucht geschlagen hat eine Familie aus Kitzingen einen Räuber. Nun muss sich der 19-Jährige vor dem Jugendschöffengericht in Würzburg verantworten.

Im Sitzungssaal 11 des Würzburger Strafjustizzentrums wirft ein Beamer Bilder einer Überwachungskamera an die Wand. Gestochen scharf ist ein maskierter Mann zu sehen. Er betritt einen Lottoladen mit Poststelle, in der rechten Hand hält er einen Hammer, mit der linken wirft er einen Stoffbeutel auf die Kassentheke, ruft etwas. Als ein älterer Mann, der Vater des Betreibers, auf ihn zutritt, stößt er ihn zur Seite. Das hindert den Senior nicht daran, mit Papierrollen auf den Räuber einzuschlagen, während seine Schwiegertochter dem Mann den Hammer entreißt und der Sohn ihn mit einem Barhocker auf die Straße jagt.

„Da bist du wohl an die Falschen geraten“, sagt der Vorsitzende Richter Peter Wohlfahrt zu dem Angeklagten. Der junge Mann lacht und nickt. Dann erklärt er, dass er den Lottoladen habe überfallen wollen, weil seine Krankenkasse 1000 Euro von ihm gefordert habe. „Aus Frust“ habe er sich betrunken und „ohne nachzudenken so was gemacht“.

Bei seiner zweiten Tat war der 19-Jährige nüchtern. Als er wegen des Überfalls in Untersuchungshaft saß, vermischte er in einer Plastikflasche Urin mit Milch – und goss das ekelhafte Gemisch einem Vollzugsbeamten über den Kopf. „Ich kam mit dem Mann nicht zurecht“, sagt er vor Gericht.

Der 19-Jährige ist kein unbeschriebenes Blatt. Mit 15 stand er wegen Sachbeschädigung vor Gericht, mit 17 hat er einen Mitpatienten in einer Klinik brutal vergewaltigt. Damals galt der junge Mann als vermindert schuldfähig. Auch im aktuellen Verfahren ist die strafrechtliche Verantwortlichkeit ein Thema.

Der psychiatrische Gutachter bescheinigt dem Heranwachsenden, der mit elf Jahren erste Drogen- und Alkoholerfahrungen sammelte, eine psychische Störung, die sich durch Beeinträchtigungen der Aufmerksamkeit und der Impulsivität äußert. Ab der siebten Klasse hatte er massive Probleme in allen Schulen, er dealte auf dem Schulhof, war gewalttätig, galt als nicht „beschulbar“ und landete schließlich mit einer Drogen-Psychose in der Psychiatrie. Nachdem er sieben Monate an einem „Auslandsprojekt“ auf einem einsamen Hof in Finnland teilgenommen hatte, schaffte er 2013 den Hauptschulabschluss und begann eine Schreinerlehre.

Dann überfiel er den Lottoladen, wurde festgenommen, kam in U-Haft. Nachdem der Haftbefehl im Juli außer Vollzug gesetzt war, nahm seine Betreuerin den jungen Mann in ihre Wohnung in München auf. Hier lebt er nun unter ihrer Aufsicht. „Intensiv sozialpädagogische Einzelmaßnahme“ (ISE) heißt das.

Vor Gericht wirkt er nicht zerknirscht. „Es war eine schwierige Zeit für mich“, sagt er zu dem Betreiber des Lottoladens, dessen kleine Tochter sich während des Überfalls weinend unter der Ladentheke versteckte. Dem Vollzugsbeamten, den er mit der Flasche angegriffen hat, lässt er über seinen Anwalt erklären, dass er die Tat bereue.

Nach Einschätzung der Jugendgerichtshilfe sei der 19-Jährige nach der Trennung seiner Eltern 2006 „aus dem Ruder gelaufen“.

Bewährung erst verdienen

Der Staatsanwalt erinnert daran, dass im Jugendstrafrecht „nicht Bestrafung das Ziel ist, sondern Erziehung“ und fordert eine Jugendstrafe von einem Jahr und neun Monaten. Ob sie zur Bewährung ausgesetzt werden kann, soll das Gericht in ein paar Monaten entscheiden.

Das Gericht verurteilt den 19-Jährigen wegen räuberischer Erpressung und Körperverletzung zu zwei Jahren Jugendstrafe. „Die Bewährung musst du dir verdienen“, sagt Wohlfahrt. Dann erklärt er dem jungen Mann, dass er diese Chance nur bekommt, wenn er sich an die Anweisungen des Bewährungshelfers hält, die ISE-Maßnahme fortsetzt, sich psychiatrisch behandeln lässt und weder Drogen noch Alkohol konsumiert. Tut er das nicht, lande er im Knast. Das Urteil ist rechtskräftig.

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