KITZINGEN

Mehr Menschenwürde in der Pflege

Markus Oppel liebt seinen Beruf. Seit elf Jahren übt er ihn aus. „Ich würde nichts anderes machen wollen“, sagt der 30-Jährige. Trotzdem denkt er vermehrt darüber nach, sich eine andere Tätigkeit zu suchen. Er kann und will nicht mehr tolerieren, wie er mit seinen Schutzbefohlenen umgehen muss. Oppel ist examinierter Krankenpfleger.
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Kaum Zeit für eine beruhigende Geste: Pflegekräfte stehen unter einem immensen Zeit- und Kostendruck. Die Aktion “Pflege am Boden“ macht auf die Missstände in der Pflegesituation aufmerksam. Foto: Archivfoto: Oliver Berg, dpa
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Markus Oppel liebt seinen Beruf. Seit elf Jahren übt er ihn aus. „Ich würde nichts anderes machen wollen“, sagt der 30-Jährige. Trotzdem denkt er vermehrt darüber nach, sich eine andere Tätigkeit zu suchen. Er kann und will nicht mehr tolerieren, wie er mit seinen Schutzbefohlenen umgehen muss. Oppel ist examinierter Krankenpfleger.

Der Buchbrunner trägt ein leuchtend orange-farbenes T-Shirt. „Pflege am Boden“ steht in großen Lettern darauf. Er ist der Mann, der in Kitzingen hinter dem sogenannten Smartmob steht. Seit Oktober legen sich jeden zweiten Samstag im Monat Pflegekräfte für zehn Minuten auf öffentliche Plätze. Immer mehr Menschen machen mit. Deutschlandweit waren bislang etwa 130 verschiedene Städte dabei, im Mai über 80.

Seit November organisiert Markus Oppel die Aktion in Kitzingen. Er beschäftigt sich viel mit dem Thema, investiert viel von seiner knappen Freizeit. Dass ihm dieses Engagement beruflich schaden könnte, ist ihm bewusst. Er geht das Risiko ein. Weil ihm die Pflege wichtig ist: „Jeder hat das Recht, gut gepflegt zu werden.“ Oppel hat sich schon als Jugendlicher im Pflegebereich engagiert, damals in einem Seniorenheim. Nach der Ausbildung arbeitete er unter anderem in einem Pflegeheim, heute ist er als examinierter Krankenpfleger in einer Würzburger Klinik tätig. Er kennt also die Bereiche nicht nur aus Erzählungen und Statistiken, sondern auch aus eigener Erfahrung. Sein Resümee: „Es ist überall nicht gut.“

Die Rechnung geht nicht auf

Die Menschen werden immer älter, die Zahl der zu Pflegenden steigt massiv, gleichzeitig fehlt schon jetzt der Nachwuchs in den Pflegeberufen. 50 000 Stellen könnten derzeit nicht besetzt werden, zitiert er Studien, bis 2030 würden es zirka 500 000 sein. Gleichzeitig werde die Zahl der Pflegebedürftigen um etwa eine Million steigen. Oppel: „Um zu sehen, dass das nicht aufgeht, braucht man kein Studium.“

In Krankenhäusern sei die Situation derzeit „gerade noch erträglich“, sagt er: „Wir kommen irgendwie über die Runden.“ 3/2/1 – so sei der Dienst in der Station geregelt, in der er arbeitet. Drei Pflegekräfte in der Frühschicht, zwei in der Spätschicht, einer nachts. Sie müssen sich um 26 Patienten kümmern, von denen täglich sechs bis acht frisch operiert seien. Da sei es in der Spätschicht schon schwierig, alle zeitnah und ausreichend zu mobilisieren, also zum Beispiel nach der Narkose zur Toilette zu führen.

Vier in der Frühschicht, drei in der Spätschicht, zwei in der Nacht im Rahmen einer Mindestpersonalregelung – so sieht die Besetzung aus, die die Aktion „Pflege am Boden“ erreichen will. „Wir bräuchten 4/3/2, um die Patienten vernünftig zu versorgen“, sagt Markus Oppel. Doch selbst wenn dieser Schlüssel gelten würde, stellt sich die Frage, ob er umsetzbar sei: „So viel Personal gibt es gar nicht.“ Pflegeberufe seien unattraktiv, zehn bis zwölf Tage hintereinander arbeiten, das in wechselnden Schichten, dann zwei Tage frei. In denen man aber oft für ausgefallene Kollegen einspringen muss. Dazu kommt eine hohe körperliche Belastung. „Pflegekräfte müssen mehr heben als Leute auf dem Bau.“ Und die emotionale Belastung ist groß. Die Sorge, den Anforderungen nicht gerecht werden zu können. Viele Pflegende leiden an Erschöpfungszuständen.

Als besonders kritisch sieht der Smartmob-Organisator die Situation in Pflegeheimen an, denn dort sei die Zahl der Pflegebedürftigen noch deutlich höher als im Krankenhaus. Schnell waschen, schnell in den Rollstuhl, schnell an den Tisch schieben. Dann bleiben die Leute oft bis abends in ihrem Stuhl sitzen. „Das ist die Realität in Pflegeheimen.“ Für die Ansprache und Beschäftigung, die diese Menschen brauchen, bleibe oft keine Zeit.

Eine Erfahrung, die auch Oppels Ehefrau Brita gemacht hat. Sieben Jahre hat sie in einem Seniorenheim gearbeitet, bevor sie in eine Klinik wechselte. Den Hilfskräften, die neben jeweils einer Fachkraft pro Schicht in den Heimen arbeiten, fehle oft das Fachwissen. Zudem brauche man Personal, um auf die vielen Demenz-Erkrankten eingehen zu können. „Diesen Menschen muss man die Hand führen, wenn sie sich waschen oder wenn sie trinken wollen, und das mehrfach.“ Damit es schneller geht, würden das oft die Mitarbeiter selbst machen. Die Patienten verstünden das nicht, reagierten aggressiv. Nicht, weil sie es wollten, sondern weil sie nicht verstünden, was da mit ihnen gemacht werde. „Sie wissen sich nicht zu wehren“, sagt Brita Oppel. Ihr Mann Markus weiß, dass es auch Pflegekräfte gibt, die zurückschlagen. „Die wehren sich aber nur“, sagt er. „Es gibt Gewalt in der Pflege auf beiden Seiten. Dies sind jedoch die Fälle, die in den Medien präsentiert werden.“

Bei der Betreuung von Demenzkranken habe die Regierung richtig reagiert, findet er. Es sei gut, Betreuungskräfte und Alltagshelfer einzustellen, die sich mit den Patienten beschäftigen, und die Kosten dafür zu übernehmen. Insgesamt aber seien „die Minireförmchen und das Verteilen von Geldern nach dem Gießkannenprinzip“ nicht der richtige Weg aus der Krise. Die Politik sei gefordert, und dafür wolle „Pflege am Boden“ gemeinsam mit den Arbeitgebern kämpfen. „Wir wollen die nicht an den Pranger stellen. Das haben sie nur noch nicht kapiert“, bedauert Markus Oppel. Auch pflegende Angehörige sollen von Pflege am Boden mit vertreten werden. „Die viele Millionen Menschen, die sich Tag und Nacht für ihre pflegebedürftigen Angehörigen aufopfern, haben deutliche Leistungsverbesserungen und Hilfen verdient.“

„Still, satt, sauber“

Bei der ambulanten Pflege geht es der Aktion insbesondere um die sogenannte Minutenpflege. Zwei Minuten für die Medikamentengabe sei nicht machbar, bringt Oppel ein Beispiel: „Sobald das Auto ausgeht, läuft die Zeit. Klingeln, begrüßen, Medikament und Wasser holen, Patienten in eine Position bringen, in der er sich nicht verschluckt, Medikament geben, nachtrinken lassen, verabschieden, zurück zum Auto.“ Die Pflegenden würden oft nicht mal mehr ihre Jacke ausziehen und die Leute richtig begrüßen, ganz zu schweigen von einem persönlichen Gespräch. Solche Zeitvorgaben könne man für Maschinen machen, aber nicht für Menschen.

„Still, satt, sauber“ sind drei Worte, die Markus Oppel immer wieder nennt. „Still, satt, sauber“: Das sei es, was die Pflegekräfte noch machen könnten. Menschenwürdig sei das längst nicht mehr.

Pflege am Boden

Die Aktion: Pflege am Boden ist ein von Parteien, Gewerkschaften und Berufsverbänden unabhängiger Zusammenschluss von Menschen, die in Pflegeberufen arbeiten oder pflegenden Angehörigen und Menschen, denen die Pflege am Herzen liegt. Sie wollen Politik und Gesellschaft auf die Missstände der Pflegesituation in Deutschland aufmerksam machen und fordern eine Reform der Pflegepolitik.

Beim bundesweiten Flashmob zu Pflege am Boden legen sich die Teilnehmer an zentralen Orten für zehn Minuten zu Boden. Die nächste Aktion findet am 14. Juni um 11.55 Uhr am Kitzinger Marktplatz statt.

Infos unter www.pflege-am-boden.de

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