VOLKACH

Märchen für die Moderne

Ein Buch schreiben – davon würde Jürgen Lehrich nie sprechen. „Ein Buch bauen“ – das trifft es viel besser. Um zu verstehen, wie das gemeint ist und was da so gebaut wird, muss man ein wenig ausholen. Die Sache ist, nun ja, ziemlich ungewöhnlich. Der Obervolkacher übersetzt Märchen in die heutige Zeit. Das Original wird als Reim kurz angerissen, um das Ganze dann – ebenfalls per Reim – in die Jetzt-Zeit zu transportieren.
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Pädagogisch wertvoll: Jürgen Lehrich übersetzt in seinem Buch „Der Punker Peter und Marie“ die Botschaften alter Märchen in die heutige Zeit. Foto: Foto: Frank Weichhan

Ein Buch schreiben – davon würde Jürgen Lehrich nie sprechen. „Ein Buch bauen“ – das trifft es viel besser. Um zu verstehen, wie das gemeint ist und was da so gebaut wird, muss man ein wenig ausholen. Die Sache ist, nun ja, ziemlich ungewöhnlich. Der Obervolkacher übersetzt Märchen in die heutige Zeit. Das Original wird als Reim kurz angerissen, um das Ganze dann – ebenfalls per Reim – in die Jetzt-Zeit zu transportieren.

Das war bei seinem ersten gebauten Buch schon so ähnlich. Kaum in Vorruhestand, machte sich der heute 64-Jährige an die Arbeit und präsentierte im Herbst 2011 auf der Frankfurter Buchmesse sein Erstlingswerk: Aus „Struwwelpeter“ wurde „Der Punker Peter“. Eine Parabel für das jugendliche Auflehnen gegen die Gesellschaft. Der Daumenlutscher hat jetzt Drogenprobleme. Die langen Fingernägel sind weg, ersetzt von Ketten um den Hals und Flecken auf der Jacke.

Ähnlich funktionieren die anderen Geschichten: Aus dem „Suppenkasper“ wurde „Die Geschichte vom Fritten-Kaspar“. Was einst der „Zappelphilipp“ war, ist ein intensiver Blick auf den heutigen Schulstress.

Jetzt, bei dem gerade erschienen Buch Nummer zwei, wendet Jürgen Lehrich den selben Trick an, nur eben mit Märchen. „Der Punker Peter und Marie“, die Titelhelden, stehen für Hänsel und Gretel. Von den Eltern ausgesetzt, von der Hexe angefüttert, um von ihr gefressen zu werden – hier geht's um Missbrauch.

Ob Amoklauf oder Fremdenhass, Koma-Saufen oder Mode-Tussis – über Märchen lässt sich einiges transportieren. Beim Tapferen Schneiderlein beispielsweise geht es um Gewalt, beim Rattenfänger von Hameln um Neonazis und beim Froschkönig um falsche Versprechen. Die Märchen geben dem 64-Jährigen die Möglichkeit, die aktuellen Themen abzuarbeiten und neuzeitlich zu erzählen.

Die Bild-Text-Geschichten in Versform sind für den Autor vor allem eines: Eine gute Möglichkeit, um mit den Kindern um die zehn bis zwölf Jahre ins Gespräch zu kommen. Weil es oft schwierig ist, heikle Themen anzupacken, ist dieses Buch so etwas wie eine Brücke.

„Die Kinder und Jugendlichen vor Gefahren in der heutigen Gesellschaft zu schützen“, darum geht es dem gebürtigen Gelsenkirchener und ehemaligen Vertriebsmanager einer französischen Kosmetikmarke. „Ich habe das Bedürfnis, wachzurütteln“, beschreibt der Autor seine Intention. Und: „Das Leben besteht eben nicht nur aus Leistungsdruck!“

Deshalb geht er gerne in Schulen, wie zuletzt ins Frankenlandschulheim Gaibach. Dabei hat er gemerkt: Den Kindern nur zu sagen, dass die etwas nicht dürfen – das reicht nicht. Erklären ist wichtig. Und Sätze bloß nicht mit „Du musst . . .“ anfangen.

Dass heutzutage Millionen Kinder in sozial schwierigen Verhältnissen aufwachsen – das treibt Jürgen Lehrich um. Denn was da auf die Gesellschaft zukommt, wenn diese Kinder nicht richtig mitgenommen werden, mag er sich lieber nicht vorstellen. Weshalb man davon ausgehen kann, dass der Obervolkacher am Ball bleibt – und Buch Nummer drei nur eine Frage der Zeit ist.

Das Buch: Jürgen Lehrich, „Der Punker Peter und Marie“, Wagner-Verlag, 19,80 Euro. Mehr Infos im Internet unter www.derpunkerpeter.de.

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