MARKTBREIT

Liebesgaben für die Front

Das Museum Malerwinkelhaus in Marktbreit vermittelt Eindrücke von den vier Weihnachtsfesten im Ersten Weltkrieg. Im ersten Kriegsjahr geschah etwas Einzigartiges.
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Weihnachtskarte aus dem Ersten Weltkrieg: Soldaten erhalten als Liebesgaben Äpfel, Würste, Socken und Tabak zum Fest. Foto: Foto: Simone Michel-von Dungern
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Opa war auf einem Ohr taub. Das war eine Folge des Krieges. Er stand zu nahe an der Kanone. Das hat sein Trommelfell nicht ausgehalten.

Opa hat nie viel vom Krieg erzählt. Womöglich war er in Flandern, oder er hat von dieser unglaublichen Geschichte gehört: In der Umgebung von Ypern haben am 24. Dezember 1914 deutsche und britische Soldaten ihre Waffen ruhen lassen, zusammen gefeiert und gesungen – „Stille Nacht“ – jeder in seiner Sprache, und sich gegenseitig beschenkt. Es ist sogar von einem Fußballspiel die Rede.

Spontane Verbrüderung

Seit August standen die Männer in den Schützengräben. Für eine kurze Zeit war „Weihnachtsfrieden“, etwas, was sich viele über die spontane Verbrüderung hinaus gewünscht haben. Die Feuerpause im Niemandsland war jedoch nur kurz. Und es sollte noch drei weitere Feste in diesem Krieg geben – ohne Weihnachtsfrieden. Eine Wiederholung wurde von den Befehlshabern verboten.

Geschenke an der Front gab es trotzdem. „Wie das Fest im Ersten Weltkrieg im Schützengraben oder im Lazarett gefeiert wurde, ebenso wie es die Daheimgebliebenen, die Frauen und Kinder vorbereiteten und erlebten, ist heuer das Thema der Weihnachtsausstellung“, informiert Simone Michel-von Dungern. Die Leiterin des Museums Malerwinkelhaus in Marktbreit hat Bücher, Spiele oder Selbstgebasteltes zusammengetragen, dazu Fotos, Postkarten und Illustrationen.

Maria mit Jesukind inmitten von Ruinen

Da zielt etwa eine Kanone auf den hell erleuchteten Weihnachtsbaum oder sitzt Maria mit dem Jesukind inmitten von Ruinen. Die Illustrationen stammen aus der Kunst- und Literaturzeitschrift „Jugend“, erschienen im Münchner Verlag von Georg Hirth, erstmals 1896, letztmals 1940. Die Abbildungen gehören zur 52. Ausgabe im Jahr 1916 und wurden unter anderem von dem Maler Willibald Krain geschaffen – einem Kriegsgegner. Die Bilder sind jedoch hintergründiger als die Texte in der Zeitschrift. Darin wird der Krieg nicht gerade verherrlicht, aber auch nicht in Frage gestellt.

„Lustige Soldatengeschichte“

Der Krieg zog auch in Kinderzimmer ein. So mussten Max und Moritz eine „lustige Soldatengeschichte“ erleben (Verlag Otto Schloß, Berlin). Die bekannten Figuren dienten, 50 Jahre nachdem sie Wilhelm Busch erfunden hatte, der Kriegspropaganda. Als Autor und Illustrator wird A. Schneider angegeben. Die Erstausgabe soll 1914 erschienen sein, da war die Kriegseuphorie noch groß und viele dachten, Ende des Jahres ist alles vorbei – das allerdings war zu euphorisch.

„Wenn doch bald die Friedensglocken läuten möchten“, schreibt Anne B. auf einer Bildkarte am 31. Dezember 1914, und von „schweren Zeiten“. Auf einer anderen Karte vom 19. Dezember 1916 steht: „Schon wieder Weihnachten und immer noch kein Frieden“.

Weihnachtsbaum zum Ausklappen

Die Ausstellung erinnert auch daran, „dass der Weihnachtsbaum erst durch den Ersten Weltkrieg zum wichtigsten Requisit der 'deutschen Weihnacht' wurde“, so Simone Michel-von Dungern. „Er wurde aus dem christlichen Zusammenhang herausgelöst und diente ebenfalls der Kriegspropaganda.

“ Damit auch er an der Front zum Einsatz kam, wurde eigens ein klappbares Modell hergestellt und als Feldpost verschickt, mit Lametta, aber auch mit Waffen, Minen, Bomben, Booten, Flugzeugen und Eisernen Kreuzen geschmückt.

Nicht nur der Baum sollte die Stimmung heben. „Um die Soldaten moralisch und materiell zu unterstützen, wurden gerade zu Weihnachten sogenannte Liebesgaben von der 'Heimatfront? geschickt“, erzählt die Museumsleiterin. Das waren Socken, Pulswärmer, haltbare Würste, später auch Zigarren, Zigaretten, Feuerzeuge und Alkohol.

„Mensch ärgere dich nicht“ an der Front

Auch Brettspiele waren in den Paketen. Besonderer Beliebtheit erfreute sich „Mensch ärgere dich nicht“. 1907 hat es Friedrich Schmidt 1907 für seine Kinder ausgedacht, 1910 stellte er erste Verkaufsexemplare her.

Das Geschäft lief schleppend. Das änderte sich, nachdem Schmidt 3000 Exemplare für die Männer an der Front spendierte. Das Spiel trat in dieser „Ur-Katastrophe des 20. Jahrhunderts“ im Gegensatz zu den Soldaten seinen Siegeszug an.

Die Weihnachtsausstellung sowie der Museale Weihnachtsmarkt im Museum Malerwinkelhaus in Marktbreit, Bachgasse 2, sind am zweiten und dritten Adventswochenende geöffnet: Samstag und Sonntag, jeweils von 14 bis 18 Uhr.

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