KITZINGEN

Lernen fürs Berufsleben

Es ist eine Herausforderung. Eine große Herausforderung. Aber die Lehrer und Schüler an der Staatlichen Berufsschule in Kitzingen gehen sie mit Freude an. Zum ersten Mal gibt es eine Klasse für Asylbewerber. 16 junge Männer sind darin. Sie kommen aus Syrien, Somalia und der Ukraine.
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Anschauungsunterricht: Berufsschullehrer Thomas Geißendörfer zeigt seinen Schülern Seiran Sarhsian und Mohamed Abdilaahi Omer die Landkarte von Unterfranken. Foto: Fotos: Ralf Dieter
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Es ist eine Herausforderung. Eine große Herausforderung. Aber die Lehrer und Schüler an der Staatlichen Berufsschule in Kitzingen gehen sie mit Freude an. Zum ersten Mal gibt es eine Klasse für Asylbewerber. 16 junge Männer sind darin. Sie kommen aus Syrien, Somalia und der Ukraine.

Die Zahl der Asylbewerber steigt. Und mit ihr die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die in Deutschland beschult werden müssen. In der St.-Hedwig-Schule gibt es zwei Übergangsklassen für Kinder zwischen sechs und elf Jahren. (Diese Zeitung berichtete). Aber was passiert mit den älteren Semestern? Mit denjenigen, die sich auf einen Beruf vorbereiten müssen und wollen.

30 Berufsschulstandorte in Bayern haben bereits im letzten Jahr eine so genannte BIJ(V), eine Vorklasse zum Berufsintegrationsjahr für Asylbewerber, angeboten. 30 Berufsschulen sind ab diesem Schuljahr dazugekommen. Etwa 3000 Plätze konnten bayernweit geschaffen werden. Unter den neuen Standorten ist die Berufsschule in Kitzingen. „Wir sind alle ganz begeistert“, sagt Schulleiterin Gerlinde Porzelt. „Diese Klasse ist eine Bereicherung.“

16 Schüler aus ganz verschiedenen Kulturkreisen, die nur spärlich Deutsch verstehen und sprechen. Und das soll eine Bereicherung sein? Thomas Geißendörfer nickt. Der Klassenleiter hat schon in den ersten Tagen gemerkt: „Der Unterricht macht richtig Spaß.“ Auch wenn er sich ganz schön umstellen muss. Langsam und deutlich spricht Geißendörfer mit seinen Schülern.

Der junge Lehrer hat sich freiwillig für das Projekt gemeldet und im Vorfeld zwei Fortbildungen absolviert. Die Essenz daraus fasst er so zusammen: „Man kann sich nicht auf den Unterricht vorbereiten.“ Immer wieder tauchen sprachliche Hürden auf, immer wieder muss der eigentlich vorbereitete Stoff unterbrochen werden. Eine normale Mathestunde von 45 Minuten kann in der neuen Klassengemeinschaft schon mal mit 30 Minuten Deutsch-Unterricht gefüllt sein. Weil es Wörter und Begriffe gibt, die erst einmal geklärt sein wollen, bevor es ans Rechnen geht. Aber trotz dieser Unwägbarkeiten: Es kommt viel zurück. „Meine Schüler sind sehr höflich und dankbar“, sagt Geißendörfer. „Sie wollen lernen.“

So wie Seiran Sarhsian, der im Mai aus der Ukraine nach Deutschland kam. Im Mainbernheimer Asylbewerberheim hat er eine Bleibe gefunden, nimmt an den Deutsch-Kursen teil, die Birgit Hagenauer dort anbietet. Mit Google-Übersetzungen vertieft er seine Sprachkenntnisse zusätzlich, denn Seiran Sarhsian hat ein großes Ziel: Er will sein Jura-Studium, das er nach vier Semestern in Kiew abbrechen musste, in Deutschland fortführen und beenden.

Die Anerkennung seiner Zeugnisse läuft bereits und Frank Delißen, Leiter des staatlichen Beruflichen Schulzentrums, zu dem auch Ochsenfurt gehört, prüft, ob Seiran Sarhsian als Gasthörer an der Beruflichen Oberschule weitere Erfahrungen sammeln kann. „Wir sind immer auf der Suche nach ganz individuellen Lösungen“, betont der Schulleiter.

Verschiedene Nationen, völlig verschiedene Vorkenntnisse. Neben dem ehemaligen ukrainischen Jura-Studenten Sarhsian sitzt Mohamed Abdilaahi Omer aus Somalia. Eine Schule hat er in seinem Heimatland nicht besucht. Aber er ist lernwillig und hat ein klares Ziel vor Augen: Krankenpfleger will er werden. Und dafür richtig viel lernen.

Auf zwei Jahre ist die Schulzeit angelegt. Im ersten Jahr steht die Sprachförderung im Vordergrund. „Die jungen Menschen sollen erst mal ankommen und Fuß fassen“, fasst Porzelt zusammen. Fächer wie Sozialkunde, Ethik oder Mathe stehen zwar auf dem Stundenplan, aber auch dort geht es vor allem um den Spracherwerb.

Das verlangt Flexibilität von einer Lehrkraft ab. „Wir müssen spontan sein und auf die individuellen Wünsche und Interessen der Schüler eingehen“, sagt Geißendörfer. Schließlich geht es in erster Linie darum, den bestmöglichen beruflichen Weg für die 16 jungen Menschen anzubahnen.

Deshalb steht im zweiten Jahr die Berufsvorbereitung im Mittelpunkt, inklusive Praktika. Jeder Fachbereich hat eine Liste mit Betrieben, die Praktikumsplätze anbieten. „Wir werden auf die individuellen Fähigkeiten und Wünsche der Schüler eingehen“, erklärt Porzelt.

Voraussetzung für die Aufnahme in die neue Klasse ist mindestens ein Deutsch-Sprachkurs. Etliche Bewerber konnten auch deshalb bislang nicht berücksichtigt werden. Schulleiter Delißen geht davon aus, dass es im kommenden Schuljahr eine zweite Klasse für Asylbewerber geben wird. „Eventuell schon ab dem Halbjahr, wenn das der politische Wille ist.“ Denn der Bedarf ist da. Und er steigt stetig.

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