Teig ausrollen, Tomatenmark gut verteilen, Champignons, Schinken, Salami und das Würzen nicht vergessen. Zum Schluss noch geriebenen Käse drüberstreuen - fertig. Pizza backen ist für die meisten etwas ganz Normales. Nicht so für die chinesischen Jugendlichen, die zwei Wochen lang Deutschland erkunden dürfen.
31 Schüler des Armin-Knab-Gymnasiums haben diese Woche die Aufgabe, ihren chinesischen Austauschpartnern die deutsche Kultur näher zu bringen. Dabei sind die Gäste direkt in den Familien der Schüler untergebracht, sodass sie hautnah das Alltagsleben in Deutschland miterleben können.

Begeistert von der Natur


Zhu Zeshi ist das erste Mal in einem anderen Land. Der Jugendliche ist absolut begeistert vom Leben in Deutschland. "Hier ist alles so klein und überschaubar", berichtet er von den Unterschieden zu seiner Heimat. "Zu Hause gibt es nur riesige Gebäude und Hochhäuser - keine Natur." Die Natur hat es dem 17-Jährigen besonders angetan. Er schwärmt vom Schwanberg, dem blauen Himmel und den grünen Wiesen. So etwas kennt er aus seiner Heimat kaum. Und noch etwas ist hier ganz anders. "Von der Schule können wir schon mittags nach Hause gehen. Und dann haben wir noch nicht mal Hausaufgaben auf." In Shaoxing, seinem Zuhause zwei Stunden von Shanghai entfernt, kommt er jeden Tag erst gegen 18 Uhr heim.
Seine Mitschülerin Huang Xiao Ning beschäftigt etwas ganz anderes: "In Deutschland darf man verliebt sein!" Das geht bei chinesischen Jugendlichen gar nicht. Die Kitzinger Schülerin Justine Kuhn kennt die Konsequenzen, die in China offener Liebe zwischen Jugendlichen blühen: "Eine Umarmung von einem Jungen und einem Mädchen wäre ein Grund für einen Schulverweis." Am Anfang der Woche habe ein einfacher Kuss zwischen zwei Schülern unter den Gästen einen mächtigen Aufruhr ausgelöst, weil die chinesischen Austauschschüler soetwas einfach nicht kennen.

Kindliche Austauschschüler


Durch die strengen Regelungen in China entstehen natürlich auch Unterschiede im Verhalten der Jugendlichen. Die 15-jährige Justine fühlt sich, wenn sie mit den Chinesen unterwegs ist, "eher wie eine Mama mit ihren Kindern", als wie eine Gleichaltrige - und das, wo sie sogar jünger ist als ihre Austauschschwester. "Sie sind noch sehr kindlich. Auch waren sie geschockt, weil hier die Mädels geschminkt und mit offenen Haaren herumlaufen." In der Schule in China ist für Mädchen ein einfacher Zopf vorgeschrieben.
So manches Benehmen verwirrte aber auch die deutschen Gastgeber, wie lautes Schmatzen am Esstisch. Was in Deutschland als ungezogen und unappetitlich gilt, bedeutet in China schlicht, dass das Essen gut schmeckt. Solche Unterschiede erfordern viel Toleranz und eine gewisse Bereitschaft, die Gebräuche der anderen zu akzeptieren.
Genau das ist das Ziel des Austauschs, erklärt Matthias Horn, einer der leitenden Lehrer des Projekts. "Unsere Schüler sollen die Möglichkeit haben, andere Kulturen kennen zu lernen." Dieses Interesse hat anscheinend auch das Wachstumsland China. Vermehrt werden Austauschmöglichkeiten mit europäischen Schulen gesucht. "Wir bekommen ständig Angebote vom Ministerium."
Um den Chinesen die deutsche Kultur näher zu bringen, haben Matthias Horn und seine Kollegen einige Ausflüge geplant. Neben Fahrrad- und Bootstouren sowie einer Wanderung am Schwanberg konnte das Kitzinger Gymnasium eine Betriebsbesichtigung bei S.Oliver in Rottendorf organisieren. Bei einer Stadtführung wurden die schönsten Ecken der Mainstadt besichtigt. Bei allen Aktionen zählt jedoch der Austausch untereinander am meisten: Gespräche über die Gewohnheiten und Sitten des Gegenübers.
Sich kennen lernen und die Kultur des anderen verstehen - das ist das Ziel. Doch das ist nicht immer leicht. Ein großes Hindernis ist die Sprachbarriere. "Die chinesischen Schüler sprechen nicht so sehr gut Englisch", verrät Sprachlehrer Horn. Zwar haben einige deutsche Jugendliche Chinesisch als Wahlkurs genommen, doch für eine richtige Unterhaltung reicht das Gelernte noch nicht. Da muss man eben kreativ sein. "Wir verständigen uns mit Händen und Füßen. Irgendwie versteht man sich immer", spricht Justine aus Erfahrung. Und das Wichtigste wissen die Chinesen auch in Englisch zu beschreiben: "friendly and serious", das ist für die weit Gereisten der typische Deutsche. Freundlich und ernsthaft? "Wer hätte das gedacht", sagt Matthias Horn schmunzelnd. In Europa zählt Freundlichkeit sicherlich nicht zu den typisch deutschen Tugenden. Es lohnt sich eben, auch einmal eine andere Sichtweise zu betrachten.