Sulzfeld

Künstler-Besuch: Der Griff nach den Sternen

Künstler und Ruhestand – so etwas schließt sich aus. Deshalb greift der 73-jährige Harald Schmaußer aus Sulzfeld auch gerade ein wenig nach den Sternen.
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Zwischen Bamberger Reiter und Balthasar Neumann in Würzburg - der Sulzfelder Künstler Harald Schmaußer ordnet gerade seine Weltkulturerbe-Serie. Foto: Frank Weichhan
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Im Alter, das hat Harald Schmaußer nicht erst seit gestern festgestellt, ändern sich manche Dinge grundlegend. Der Sulzfelder Künstler ist gerade dabei, ein bisschen in die Kindheitstage zurückzukehren: Damals hat er sich für Science Fiction begeistert und verschlang die Perry-Rhodan-Heftchen geradezu. Das verlor sich jedoch mit den Jahren, statt in die unendlichen Weiten richtete sich der Blick mehr auf irdische Dinge.

Kunstwerkstatt in Sichtweite des Erlacher Tores

Zu diesen Dingen gehörte, dass der gebürtige Würzburger vor 38 Jahren in Sulzfeld ein Haus mit Weinkeller aus dem 16. Jahrhundert fand – es sollte sein künstlerisches Epizentrum werden. Von da an gab es Kunst im Weinkeller. Zeichnungen, Aquarelle, Acrylmalerei und Skulpturen entstanden in der Kettengasse in Sichtweite des Erlacher Tores.

Der gelernte Grafiker hatte sein Plätzchen gefunden, um seiner Fantasie freien Lauf zu lassen. Die Galerie öffnete am 15. Mai 1981, seither ist sie Heimat für viele seltsame Wesen. Zum Leben erweckt wurde dort beispielsweise das Oechsletier. Ein skurriler Geselle, der lange zum Markenzeichen des neuen Hausherren werden sollte.

Der Künstler steht selbst vor einem Rätsel

Ende der 1980er Jahre folgte der nächste große Schritt: Harald Schmaußer marschierte geradewegs in die Selbstständigkeit, um sich frei von vielen Zwängen ausleben zu können. Es sprudelte nur so aus ihm heraus, mitunter überschlugen sich die Ideen geradezu. Das Geheimnis seiner Kreativität, woher die Einfälle kommen, weshalb es oft nur so sprudelt – dafür fehlt bis heute eine plausible Erklärung: "Wie es passiert, weiß ich bis heute nicht!", steht Schmaußer selber vor einem Rätsel.

Vielleicht ist das ja ein Erklärungsansatz: Harald Schmaußer guckt sich viel um, saugt auf, macht sich Gedanken. Das wirkt mitunter zerstreut, und ist es sicher auch, aber oft genug taucht der Sulzfelder einfach nur in eine fremde Welt ein, versucht diese zu verstehen und schließlich – wieder an seinem Zeichenblock angekommen – diese fremde Welt auf seine Art zu zeichnen. Dabei stellt er die natürliche Ordnung gerne auf den Kopf, interpretiert alles auf seine Art, erfindet die Geschichte gänzlich neu.

Über Jahre hinweg ensteht eine einzigartige Sammlung

So wie das Thema Weltkulturerbe. Eine nahezu unendliche Liste, die der Auf-den-Kopf-Steller vor einigen Jahren abgearbeitet hat. Viele, viele Tagesausflüge führten ihn zu den deutschen Unesco-Weltkulturerbestätten. Er vertiefte sich ab 2012 über Jahre in das Thema, heraus kam eine einzigartige Sammlung. Von Aachen ging es nach Alfeld, einmal quer durch das Alphabet. Seither ist sein Weinkeller, die älteste Galerie des Landkreises übrigens, Treffpunkt für alles, was in Deutschland Rang und Namen hat. Vom Bamberger Reiter bis zu Goethe und Balthasar Neumann ist alles vertreten, was bis vor einigen Jahren auf der Kulturerbe-Liste stand. Tiepolo, Fürst Pückler, Napoleon, Mozart, Luther, Keppler – kaum ein alter Haudegen, den Schmaußer nicht aus seinen Schubern mit den Bildern ziehen könnte. Selbst Tarzan schwingt – mit dem gewissen Schmaußer-Blickwinkel – fröhlich durch die Galerie.

Kurzzeitig war die Liste mit 36 Punkten nahezu komplett abgearbeitet, bis nach fünf Jahren die fortlaufenden neuen Ernennungen gegen die Vollständigkeit den Sieg davon trugen. Zumal am Ende auch ein wenig die Anerkennung und die Aufmunterung fehlten: In der heutigen, hektischen Zeit mit den Infohäppchen und dem schnellen Konsumieren wirkt einer wie Harald Schmaußer, auf dessen Werk man sich einlassen muss, fast wie aus der Zeit gefallen.

"Wie es passiert, weiß ich bis heute nicht!"
Harald Schmaußer über seine Einfälle

Von den Kraftakten ist Harald Schmaußer jedenfalls längst weg – jetzt darf es auch schon mal etwas ruhiger sein. Inzwischen geht es eher darum, die geballte Schaffenskraft aus nahezu 40 Jahren zu inventarisieren und vielleicht – wenn sich irgendwie die Gelegenheit bietet – auch zu digitalisieren. Und so gibt es neuerdings im Hause Schmaußer sogar einen Computer, was vor gar nicht allzu langer Zeit so ausgeschlossen schien wie ein Leben ohne Oechsletier.

Das Jonglieren mit Planeten bereitet ihm Spaß

Die Zukunft hat begonnen, das gilt auch für die aktuellen Arbeiten. Die Perry-Rhodan-Zeit ist wieder da. Das fühlt sich dann auch ein bisschen wie Zurück in die Zukunft an. Es gibt neuerdings Sternenbilder à la Schmaußer. Es gibt gewagte Blicke ins All, unergründliche Galaxien, neue Dimensionen. Dass seine Frau, die sonst sein größter Fan ist, die Weltraumphase ihres Mannes nicht ganz so mag, muss der Hausherr hinnehmen. Dafür ist "der kindliche Spaß", wild mit den Planeten zu jonglieren, einfach zu groß.

Und noch etwas könnte der Schmaußersche Weltraumausflug bewirken: Die Aussage zu seinem 70. Geburtstag, dass es vielleicht nie mehr eine Ausstellung im Weinkeller geben könnte, wird gerade ein wenig überdacht. Das Thema jedenfalls dürfte den Sulzfelder nach lange beschäftigen – das Weltall ist bekanntlich unendlich.

Galerie Schmaußer, Kettengasse 24, Sulzfeld: Für die Öffentlichkeit öffnet die Galerie jeweils sonntags, von 15 bis 17 Uhr, oder nach telefonischer Vereinbarung unter Tel.: (09321) 24932.

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