Kitzingen

Krisen nach dem Krieg: Wie es vor 100 Jahren in Kitzingen war

Freitagsfragen: Doris Badel blickt bei einem Vortrag auf 1919. Die Leiterin des Stadtarchivs spricht über Wohnungsnot, rechte Propaganda – und die erste Frau im Stadtrat.
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Eine Postkarte von Kitzingen, die anlässlich des Kriegsbeginns 1914 gedruckt worden ist. Ein Bestandteil des Vortrages "Kitzingen vor 100 Jahren" von Doris Badel. Foto: Stadtarchiv Kitzingen
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Vor 100 Jahren endete der Erste Weltkrieg. Auch in Kitzingen waren die Auswirkungen immens. Mit diesem Thema beschäftigt sich der Vortrag "Kitzingen vor 100 Jahren" von Doris Badel am 14. November in der Alten Synagoge in Kitzingen. Im Interview erläutert die Leiterin des Stadtarchivs, wie die Situation in Kitzingen im Jahr 1919 war.

Frage: Was waren die gravierendsten Probleme in Kitzingen vor 100 Jahren?

Doris Badel: Eine Vielzahl von Krisen bestimmte das erste Nachkriegsjahr. Zu der hohen Zahl von gefallenen Soldaten, Witwen, Waisen, Kriegsgefangenen und Kriegsversehrten kamen Versorgungsengpässe, hohe Lebensmittelpreise, Wucher, Schleichhandel, Wohnungsnot, Hunger und Arbeitslosigkeit. Erst 1924 kann von einer relativen Stabilisierung der Verhältnisse gesprochen werden.

Wie entwickelte sich die Situation politisch?

Badel: 1919 brachte ein weitgehend ungestörtes Erstarken der politischen Rechten, da die bürgerlichen Parteien nach Unterzeichnung des Versailler Friedensvertrags mit dem Makel „Erfüllungspolitik“ behaftet waren. Daher fanden viele demokratische Errungenschaften, die durch die Revolution und die bürgerlichen Parteien ermöglicht wurden, nicht die verdiente Würdigung. Oder sie wurden abgelehnt, weil die rechte Propaganda die Demokratie mit dem Untergang der deutschen Großmachtstellung gleichsetzte.

Sie sagten, schon vor 100 Jahren herrschte in Kitzingen Wohnungsnot. Was ist jetzt anders?

Badel: Also, die Wohnungsnot von damals kann man nun wirklich nicht mit der heutigen vergleichen. Für die annähernd 1500 heimkehrenden Soldaten gab es nicht genügend Wohnraum. Lediglich 50 Wohnungen waren frei und sofort beziehbar. Daher beschloss die Stadt einerseits den Bau von Kleinwohnungen und andererseits die Zwangsrationierung von zu großen Wohnungen. Zudem wurden vor der kalten Jahreszeit Notunterkünfte erbaut. Aber Ende des Jahres 1919 gab es in Kitzingen immer noch über 200 wohnungssuchende Familien.

Im Januar 1919 konnten deutsche Frauen das erste Mal in der Geschichte wählen und gewählt werden. Im Juni 1919 schaffte Katharina Schuck den Sprung in den Kitzinger Stadtrat. Wer war diese Frau?

Badel: Katharina Schuck, geboren am 25. November 1880 in Sulzfeld, war die Tochter des dortigen Polizeidieners Johann Hering. Sie heiratete 1900 den Würzburger Schuhmacher Paul Schuck. Die Familie Schuck wohnte seit September 1917 in der Repperndorfer Straße in Kitzingen. Die Mutter von vier Kindern kandidierte bei der Gemeindewahl am 15. Juni 1919 für die SPD, hatte einen sehr günstigen Listenplatz (Nr. 5) und wurde somit als einzige von vier Frauen in den Stadtrat gewählt. Sie war damals 38 Jahre alt. Ihre Redebeiträge waren selten, meistens äußerte sie sich zu Fragen rund um die rationierte Lebensmittelversorgung. Auf eigenen Wunsch schied sie Ende November 1921 aus dem Stadtrat aus. Jahre später zog die Familie wieder zurück nach Würzburg.

Was ist für Sie persönlich die wichtigste Entwicklung in den letzten 100 Jahren?

Badel: Ganz eindeutig unsere parlamentarische Demokratie in Frieden, Gleichheit und Freiheit, die es – heute mehr denn je – vor politischem Extremismus und Fanatismus zu schützen gilt. Und natürlich das Frauenwahlrecht. So waren zentrale Verfassungsprinzipien der Weimarer Verfassung die Volkssouveränität, die Gewaltenteilung und die Grundrechte, darunter erstmals die staatsbürgerliche und familienrechtliche Gleichstellung der Frauen.

Kitzingen vor 100 Jahren - Kriegsende, Neubeginn und Krisen
Der Vortrag "Kitzingen vor 100 Jahren - Kriegsende, Neubeginn und Krisen" von Doris Badel findet am Donnerstag, 14. November 2019 um 19.30 Uhr in der Alten Synagoge in Kitzingen statt. Der Eintritt ist kostenlos.

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