KITZINGEN

Ehrenamt: Kostenlos - aber nicht umsonst

Fast ein Drittel aller Menschen in Bayern engagieren sich laut Landesregierung ehrenamtlich. Das Ehrenamt prägt und trägt die Flüchtlingshilfe. Aber werden die Helfer genug unterstützt?
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Angela und Frank Hufnagel sehen Verbesserungsbedarf bei der Unterstützung ehrenamtlicher Helfer. Foto: Foto: Robert Wagner

Fast ein Drittel aller Menschen in Bayern engagieren sich laut Landesregierung ehrenamtlich. Knapp vier Millionen Bürgerinnen und Bürger. Für Sport, Kultur, Jugendarbeit, Rettungs- und Pflegedienste – und in jüngster Zeit vor allem in der Flüchtlingshilfe. „Man muss sich nur einmal vorstellen, was los wäre, würden die alle von einem Tag auf den anderen aufhören“, sagt Gerald Möhrlein, Kreisvorsitzender der Arbeiterwohlfahrt (AWO).

Das ist zugegebenermaßen kein sehr wahrscheinliches Szenario – aber es zeigt, wie wichtig Ehrenamt tatsächlich ist. Und welche Werte geschaffen werden – auch ökonomisch: Wenn jeder der vier Millionen aktiven Bürger nur eine Stunde pro Woche ehrenamtlich arbeitet, sind das im Jahr knapp zwei Milliarden Euro, die man ausgeben müsste, um die Arbeit durch hauptamtliche Mitarbeiter zu ersetzen. Gerechnet mit dem Mindestlohn und ohne zusätzliche Abgaben.

Mehr Förderung nötig

Die Frage ist also: Wird das Ehrenamt genug gefördert? Wird den Ehrenamtlichen genug Wertschätzung entgegengebracht? Angela und Frank Hufnagel bezweifeln das – zumindest für den Landkreis Kitzingen. Die beiden sind politisch aktiv für die Grünen, Angela Hufnagel sitzt für die Partei im Kreistag. Außerdem ist sie auch ehrenamtlich aktiv, beispielsweise als Alltagslotsin. Und sie hat einen Leitfaden für ehrenamtliche Helfer in der Flüchtlingsarbeit geschrieben. „Ich bin überrascht, dass es trotz der fehlenden Koordination noch so gut läuft“, sagt sie.

Im Vergleich zu anderen Landkreisen sehen die Hufnagels großen Verbesserungsbedarf. In Bad Kissingen übernimmt das Landratsamt Kosten für Schulungen, in Hof werden über eine eigene Website viele nötige und aktuelle Informationen bereitgestellt. Der Kreis Hassberge übernimmt die Fahrtkosten von Ehrenamtlichen. Im Landkreis Kitzingen gebe es nicht einmal einen eigenen Haushaltstitel für die Unterstützung der ehrenamtlichen Flüchtlingshelfer, erklärt Angela Hufnagel.

Selbst wenn das Landratsamt also aktiv werden wollte, müssten die Mittel aus anderen Töpfen abgezogen werden. „Es ärgert mich brutal, dass es in anderen Landkreisen viel besser läuft.“

Für Landrätin Tamara Bischof läuft diese Kritik ins Leere. Zwar sieht sie ebenfalls Verbesserungsbedarf an einigen Stellen – zuständig für die Koordinierung der Ehrenamtlichen im Flüchtlingsbereich sei jedoch die Caritas. „Wir befinden uns ständig in Gesprächen, um die Flüchtlingshilfe zu optimieren“, erklärt Bischof. Die Caritas habe mehrere Stellen für Beratung und Koordination geschaffen. Auch Schulungsangebote gebe es von Seiten der Caritas zu Genüge. Das Landratsamt werde derweil schon über seinen Aufgabenbereich hinaus aktiv, um die Arbeit der Ehrenamtlichen zu unterstützen.

Personalmangel

„Mich ärgert es, dass sich die Landrätin auf diese Position zurückzieht, obwohl die Koordination seitens der Caritas seit zwei Jahren nicht richtig funktioniert“, sagt hingegen Angela Hufnagel. Katrin Anger, von Seiten der Caritas damit beauftragt, die Ehrenamtlichen zu koordinieren, wirbt um Verständnis: „Auch meine Erfahrung ist es, dass sich die Ehrenamtlichen mehr Betreuung wünschen.“ Durch den rapiden Anstieg der Flüchtlingszahlen und auch der ehrenamtlichen Helfer seit 2014, seien aber auch die personellen Kapazitäten bei der Caritas erschöpft gewesen. Gerne hätte sie mit jedem Ehrenamtlichen zunächst ein Gespräch geführt, sich über Wünsche für Schulungen informiert. „Das konnten wir damals aber nicht leisten“, sagt Anger.

Ehrenamt bleibt wichtig

Mit dem Engagement der Ehrenamtlichen sind indes alle Stellen zufrieden. Landrätin Bischof lobt die Bürger. Das Problem liegt für Brigitte Limbeck, Referentin der AWO für den Fachbereich Ehrenamt im Bezirk Unterfranken, auch eher in der Zukunft: „Im Moment gibt es noch relativ viele Helfer. Doch ich kann nicht davon ausgehen, dass es immer so bleiben wird.“ Probleme entstehen vor allem dann, wenn die freiwilligen Helfer überfordert sind. „Wir wollen verhindern, dass die Ehrenamtlichen nach einem halben Jahr ausgebrannt sind“, sagt Katrin Anger.

Gerade in der Flüchtlingshilfe wird dies wichtig werden: Denn mit dem Übergang vom Asylbewerber zum anerkannten Migranten endet die Arbeit ja nicht. Vielmehr wird Integration dann erst richtig wichtig und schwierig. Die ehrenamtliche Arbeit braucht hier einen langen Atem. „Doch wenn ich den erwarte, dann muss ich die Helfer auch betreuen“, fordert Limbeck.

Für Frank Hufnagel gehört dazu aber mehr, als regelmäßige Ehrenamtsempfänge, Urkunden und Dankesworte – auch wenn die sicherlich wichtig seien. „Ehrenamtliche wollen keine finanzielle Entschädigung – aber sie erwarten dennoch eine Gegenleistung.“ Für Angela und Frank Hufnagel sind zwei Punkte entscheidend: Mehr und vor allem bessere Schulungsangebote und eine klare Struktur für die vielen Helfer, die von einem zentralen Ansprechpartner koordiniert wird.

Als eine solche Stelle wurde dereinst das „WirKT“ in Kitzingen geschaffen. Als Koordinierungsstelle der AWO sollte das Büro Anlaufpunkt sein für alle Ehrenamtlichen. Eine Stelle, an der man nicht auf jede Frage eine Antwort bekommt, aber erfährt, wer einem weiterhelfen kann. Zwischenzeitlich ist die Förderung der Landesregierung ausgelaufen. Im Moment läuft das Projekt auf Sparflamme: Stadt und Landkreis wollten ihre finanzielle Unterstützung nicht ausweiten.

Synergien nutzen

Acht Stunden pro Woche arbeitet Clemens Hartmann im Moment auf der Stelle – viel zu wenig für seine Aufgabenstellung. Die sieht er vor allem darin „Synergieeffekte“ nutzbar zu machen. „Die Ehrenamtlichen stehen immer wieder vor den gleichen Problemen“, erklärt er. Und jeder müsse wieder bei Null anfangen, statt sich bei den Lösungen der anderen zu bedienen. Das koste Zeit, Kraft und Nerven – die dann für die eigentliche Arbeit fehlen.

Bleibt die Frage, ob der Staat sich nicht selbst stärker engagieren sollte. Ob Ehrenamtliche nicht grundsätzlich durch Hauptamtliche ersetzt werden sollten. „Gerade im Bereich Flüchtlingshilfe habe ich das Gefühl, dass sich die Landesregierung zu stark auf die Ehrenamtlichen verlässt“, sagt Brigitte Limbeck. Trotzdem: „Die öffentliche Verwaltung kann diese Aufgaben gar nicht alle übernehmen“, weiß Frank Hufnagel. Selbst wenn sie dazu in der Lage wäre – „es ist und bleibt wichtig, dass Menschen Menschen helfen“, ist Gerald Möhrlein überzeugt.

Ehrenamt ist zentraler Teil der Zivilgesellschaft, gerade beim Flüchtlingsthema. Wenn die nötigen Voraussetzungen nicht geschaffen würden, könnte jedoch diese „Willkommenskultur und Herzlichkeit verloren gehen.“


Kommentar: Hilfe für die Helfer

Der große Ansturm ist erst einmal überstanden. Die Zahl der Flüchtlinge, die täglich nach Deutschland einreisen, ist gesunken. Es wird Zeit, an die längerfristige Zukunft zu denken. In der warten neue Aufgaben. Aufgaben, die nur mit der Hilfe von Ehrenamtlichen zu bewältigen sind.

Ehrenamtliche Helferkreise haben sich in einem ungekannten Ausmaß verdient gemacht in der Flüchtlingskrise. Viele sind dabei über ihre Leistungsgrenze hinausgegangen. Aus einer Stunde freiwilliger Arbeit wurde für viele Helfer fast ein Vollzeitjob. Kleider sammeln, Deutsch unterrichten, Behördengänge und vieles mehr – Ehrenamtliche haben den Hauptamtlichen nicht nur einige Aufgaben abgenommen, sie haben das ganze System getragen und erhalten.

Doch die eigentliche Herausforderung kommt erst noch. Denn jetzt, da viele Neuankömmlinge die ersten Schritte vollzogen haben, beginnt Integration erst wirklich. Will man auch hier weiter auf die Freiwilligen zählen, müssen die Strukturen dringend verbessert werden. Damit die Helfer das Gefühl bekommen, dass ihre Arbeit wertgeschätzt wird. Damit bürokratische Stolpersteine entfernt werden und sich die Energie der Ehrenamtlichen nicht im Kampf gegen Windmühlen erschöpft.

Nur so ist gewährleistet, dass sie noch lange dabei bleiben. Dass sie auch in Zukunft helfen, aus fremden Flüchtlingen neue Nachbarn zu machen. Hier müssen Behörden und Sozialverbände zusammenarbeiten, um Hilfe für die Helfer zu leisten. Es geht dabei nicht darum, wer an Fehlern in der Vergangenheit schuld ist, sondern einzig und allein darum, die Bedingungen in der Zukunft zu optimieren. Wird das geschafft, muss einem um die Zukunft nicht bange werden. Denn dass die Bürger im Landkreis gerne helfen, haben sie schon in der Vergangenheit zur Genüge bewiesen.

 

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