IPHOFEN

Knauf: So lief das Milliarden-Ding mit USG

Exklusiv: Die Knauf-Chefs verraten, wie die Mega-Übernahme des US-Konkurrenten USG ablief. Das ist Stoff für einen Wirtschaftskrimi – und für banale Überraschungen.
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Alexander Knauf (rechts) im exklusiven Gespräch mit unserem Redakteur Jürgen Haug-Peichl. Foto: Foto: Daniel Biscan
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Das tut Knauf eigentlich nicht: über Geschäfte in der Öffentlichkeit reden. Zumal, wenn es sich um hochsensible und milliardenschwere Geschäfte handelt wie den Kauf des US-Konkurrenten United States Gypsum Corporation (USG) vor wenigen Tagen .

Jetzt die überraschende Ausnahme: Exklusiv gegenüber dieser Redaktion legten die geschäftsführenden Gesellschafter Alexander Knauf und Manfred Grundke dar, was in den vergangenen Wochen hinter den Kulissen geschah. Dabei wird deutlich: Es ging um viel Taktik, um eine unglaubliche Menge Geld und bisweilen auch um ganz einfache Dinge.

Da wäre die Sache mit der SMS

Da wäre der Morgen des vergangenen Montags zu erwähnen. Um 4.27 Uhr geht auf dem Mobiltelefon von Alexander Knauf eine SMS ein „mit lieben Grüßen von Jenny“. Absenderin ist Jennifer „Jenny“ Scanlon, Chefin des US-amerikanischen Gipsunternehmens USG mit Sitz in Chicago. Das mit der Übernahme gehe jetzt klar, schreibt die Managerin kurz und knapp.

Diese banal daherkommende SMS ist es, die den Weg für die größte Einzelinvestition in der Geschichte des Gipskonzerns Knauf freimacht. Dem gingen Wochen hochsensibler Verhandlungen hinter verschlossenen Türen, viele Flüge über den Großen Teich und der Sturm einer eigentlich „uneinnehmbaren Festung“ voraus, wie Alexander Knauf USG beschreibt. Und es geht um 7 Milliarden US-Dollar, also etwa 6 Milliarden Euro. Für den Laien unglaublich viel Geld – am Ende kulminiert in einer schlichten SMS.

Knauf und Grundke: Nichts anderes als USG

Er könne jetzt wieder besser schlafen, verrät Alexander Knauf wenige Tage nach dem spektakulären Geschäft. Der 44-Jährige ist seit sechs Jahren der Vertreter der Gründerfamilie an der Spitze des Konzerns. Ebenfalls persönlich haftender Gesellschafter ist seit März 2008 ein Externer: Manfred Grundke aus Lohr/Main, vorher dort Vorstandschef bei Bosch Rexroth.

Das Duo hatte in den vergangenen Wochen kaum etwas anderes im Sinn als USG mit seinen 6800 Mitarbeitern weltweit und umgerechnet rund 3,3 Milliarden Euro Umsatz. Zu heiß waren die Nadeln, mit denen das Geschäft gestrickt wurde. Entscheidende Figur dabei: der US-Starinvestor und Finanz-Guru Warren Buffett. „Er hat hier in Iphofen ein paar Mal angerufen“, erinnert sich Alexander Knauf.

Wie Knauf und USG einst zusammenkamen

Um das Geschäft zu verstehen, muss man einige Jahre zurückgehen. Knauf und USG sind im engeren Sinn seit 18 Jahren Partner. Denn damals beteiligten sich die Mainfranken mit zehn Prozent an dem US-Unternehmen, das Anfang des vergangenen Jahrhunderts als erstes weltweit mit Gipskartonplatten auf den Markt gegangen war. Solche Platten sind heute der Klassiker auf Millionen Baustellen und aus dem Trockenbau nicht mehr wegzudenken.

Die Verbindung über den Großen Teich wurde 2002 ein Stück enger, als Alexander Knauf bei USG einige Monate arbeitete. Doch wenige Jahre später habe die USG-Chefetage das wirtschaftliche Geflecht zwischen Iphofen und Chicago als zu kompliziert empfunden, erinnert sich der heute 44-Jährige. Das Verhältnis zwischen Chicago und Iphofen kühlte ab.

Welche Rolle „Jenny“ spielte

Bis Ende 2016 Jennifer „Jenny“ Scanlon bei USG das Ruder übernahm. Sie habe sich wieder offener für eine Zusammenarbeit gezeigt, so Knauf. Was seinem Konzern gerade recht war, stellte für ihn der Riesenmarkt USA trotz der Beteiligung an USG einen weißen Fleck auf der Landkarte dar. Ein Fleck, der verschwinden sollte.

So sendete Knauf im Januar 2017 das Signal nach Chicago: Lasst uns enger zusammenrücken. Es folgte Funkstille. Im September 2017 kam dann doch eine Antwort: Knauf sei „nicht Teil der Strategie von USG“, wie sich Manfred Grundke erinnert. Also drehten die Iphöfer den Spieß um: USG wurde Teil der Strategie von Knauf.

Zwischengeschäft spielte eine Rolle

Das Problem beim Sturm der scheinbar uneinnehmbaren Festung sei der Verwaltungsrat von USG gewesen, erzählen Knauf und Grundke. Das mächtige Gremium blockte eine engere Bindung von USG an Knauf ab.

Dann kam ein Geschäft dazwischen, das offenbar aus Sicht der Amerikaner Wind aus den Knauf-Segeln nahm: Die Mainfranken kauften im November 2017 große Teile des US-Bauelemente-Anbieters Armstrong World Industries. Preis: 330 Millionen Dollar.

Als sich USG täuschte

USG nahm daraufhin offenbar an, dass Knauf nun keine Puste mehr hat für eine Übernahme des Chicagoer Unternehmens. So jedenfalls die Einschätzung heute von Alexander Knauf.

USG sollte sich täuschen: Iphofen legte im Dezember 2017 ein erstes Angebot vor und blies damit laut vernehmbar zum Sturm auf die Festung: je USG-Aktie 40 US-Dollar plus 10 Cent. Die Reaktion war zu erwarten: Der USG-Verwaltungsrat lehnte schroff ab, wie es Alexander Knauf empfand.

Welche Rolle Finanz-Guru Buffett spielte

Spätestens hier kam Starinvestor Warren Buffett ins Spiel. In Telefonaten mit ihm habe Buffett klar gemacht, so Knauf, dass er wegen USG ziemlich sauer sei. Grund: Buffett hielt zu diesem Zeitpunkt über seine Investmentfirma Berkshire Hathaway gut 30 Prozent der USG-Aktien. Von Buffett ist bekannt, dass er mit USG nicht glücklich war und seine Anteile gerne losgeworden wäre – auch und gerade an Knauf, den nach Buffett zweitgrößten Aktionär bei USG.

Doch erst einmal blieb die Tür zu. Dann ein zweites Knauf-Angebot Mitte März: 42 Dollar je USG-Aktie. Wieder kam die Abfuhr vom Aufsichtsrat in Chicago: kein Thema, „völlig unangemessen“.

Der Trick mit der Börsenaufsicht

Was folgte, ist eine Mischung aus Wirtschaftskrimi und ausgebuffter Taktik. Warren Buffett rief bei Knauf an mit der Zusage: Ihr könnt meinen 30-Prozent-Anteil an USG für jene 42 Dollar haben. Zwei Tage später, so erinnert sich Alexander Knauf, ließ Buffett erneut das Telefon in Iphofen klingeln. Sein Hinweis: Seine Zusage müsse der US-Börsenaufsicht gemeldet werden. Bedeutet: Der Deal Buffett-Knauf wird dann öffentlich und potenziert den Druck auf den USG-Verwaltungsrat. Und so geschah es dann auch.

Doch Alexander Knauf und Manfred Grundke legten noch einen drauf: Mehrfach flogen sie in die USA, um an einflussreichen Stellen „mit einer Roadshow“ (Knauf) für ihr Anliegen zu werben.

Was in den offenen Brief von Knauf stand

Mehr noch: Mitte April schrieben Knauf und Grundke einen offenen Brief an die USG-Aktionäre , bei deren Hauptversammlung am 9. Mai doch bitte gegen vier Kandidaten für den USG-Verwaltungsrat zu stimmen. Auf diese Weise sollte die Chefetage in Chicago geschwächt und für die Knauf-Übernahme weichgemacht werden. Hauptargument von Knauf in dem Brief an die Aktionäre: „Wir glauben, dass USG und sein Verwaltungsrat eine seiner wichtigsten Interessensgruppen ignoriert, nämlich Sie.“

Aktionäre wurden schließlich weich

Das fruchtete: 75 Prozent der Aktionäre waren bei der Hauptversammlung für das Knauf-Anliegen. Was freilich begünstigt wurde durch die Tatsache, dass der Knauf-freundliche Buffett und Knauf selbst es zusammen schon auf 40 Prozent der Anteile brachten.

So oder so, der Weg für das 7-Milliarden-Dollar-Geschäft war frei. Wobei das unterm Strich nicht der wahre Betrag sei, den Knauf jetzt zu schultern habe, erläutert Chef Grundke. Ziehe man die eigenen Aktien sowie die Übernahme von USG-Verbindlichkeiten ab, blieben noch 5,6 Milliarden Dollar, also 4,8 Milliarden Euro. Das werde aus eigenen Mitteln des Konzerns sowie über Kredite bezahlt. In welchem Verhältnis, das verriet Alexander Knauf nicht.

Wohin Knauf jetzt will

Die Übernahme von USG sei kein Auftakt weiterer Firmenübernahmen dieser Art, stellte der 44-Jährige klar. Die Investitionspolitik seines Hauses gehe weiter wie bisher: pro Jahr eine halbe Milliarde Euro ins eigene Wachstum. So würden heuer neue Werke in Frankreich und auf den Philippinen eröffnet.

Bleibt die Frage, was man in der Zentrale in Iphofen sowie den deutschen Knauf-Standorten von der USG-Übernahme spüren wird. Grundke: „Nicht viel. Nichts.“ Sicher sei, dass der Name USG erhalten bleibe. Allein die Aktien des Unternehmens will Knauf von der Börse nehmen lassen.

Was jetzt noch zu tun ist

Ganz in trockenen Tüchern ist die Einverleibung des US-Marktführers freilich noch nicht: Auf einer außerordentlichen Hauptversammlung demnächst müssen die USG-Aktionäre der Übernahme zustimmen. Und Knauf muss das Ja der Kartellbehörden in jenen elf Ländern einholen, in denen der Branchenprimus jetzt schon zusammen mit USG auf dem Markt ist.

Aber interpretiert man in diesen Tagen die Mienen von Alexander Knauf und Manfred Grundke, wird klar: Eine einfache SMS tut es bei diesen Formalien zwar nicht. Aber diese Festung ist deutlich kleiner als jene einst von USG.

Der Knauf-Konzern

Mit Baustoffen aller Art – allem voran Gips – ist Knauf zu einem Weltkonzern und Branchenführer geworden. 27 400 Beschäftigte arbeiten in 70 Ländern für das Familienunternehmen, der Umsatz lag 2017 nach eigenen Angaben bei 6,9 Milliarden Euro (2016: 6,5). Dach über den Konzern ist eine Kommanditgesellschaft (KG), deren Komplementäre und damit persönlich haftende Gesellschafter Alexander Knauf (44) und Manfred Grundke (63) sind.

Alexander Knaufs Vater Baldwin (78) und dessen Cousin Nikolaus Knauf (82) haben ab den 1970er Jahren das Unternehmen ihrer Väter zum weltweit aktiven Konzern ausgebaut. Die beiden kommunalpolitisch engagierten und mehrfach ausgezeichneten Männer sitzen heute neben anderen Mitgliedern der Knauf-Familie im Gesellschafterausschuss.

Seine Wurzeln hat der Knauf-Konzern in Luxemburg und Perl an der Mosel, wo in den 1930er Jahren erste Gipsgruben entstanden. 1949 baute Knauf in Iphofen ein Gipsputzwerk, 1958 eine Anlage für Gipskartonplatten. Wenig später wurde Iphofen zur Zentrale des wachsenden Unternehmens. Heute arbeiten dort sowie in den angrenzenden Werken (Markt Einersheim und Hüttenheim) 1800 Menschen. aug

Zum Vergleich: Milliardendeals in Mainfranken und darüber hinaus

Wenn Konzerne andere Unternehmen aufkaufen, wird über den Preis oft Stillschweigen vereinbart. Doch bei manchen Deals in Mainfranken wurde bekannt, wie viele Milliarden den Besitzer wechselten:

• ZF Friedrichshafen mit einem Werk in Schweinfurt schluckte im Jahr 2014 seinen US-Konkurrenten TRW Automotive für umgerechnet 9,6 Milliarden Euro.

• Fresenius kaufte im Jahr 2013 für rund 3 Milliarden Euro den Großteil der Krankenhäuser der Rhön-Klinikum AG mit Sitz in Bad Neustadt.

• Vor zehn Jahren kaufte die fränkische Schaeffler-Gruppe Aktienpakete des Konkurrenten Continental auf. Die feindliche Übernahme kostete laut Schätzung von Experten mindestens 10 Milliarden Euro.

• Im Jahr 2007 verkaufte der Gründer der Bavaria Yachtbau GmbH mit Sitz in Giebelstadt (Lkr. Würzburg) das Unternehmen für 1,2 Milliarden Euro an eine amerikanische Investorengruppe. Im April dieses Jahres meldete Bavaria Insolvenz an .

• Der größte Deal der deutschen Wirtschaftsgeschichte wird aktuell zwischen der Bayer AG und den Saatgutkonzern Monsanto ausgehandelt. Bayer mit Sitz in Leverkusen will den amerikanischen Konkurrenten für umgerechnet 59 Milliarden Euro kaufen. Die Aktionäre von Monsanto müssen dem Zusammenschluss jedoch noch zustimmen. (keck)

 
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