Wer nette Nachbarn hat, kann sich glücklich schätzen. Nicht so gut dran ist eine 58-jährige Frau aus einem Stadtteil Iphofens, die gestern als Angeklagte im Kitzinger Amtsgericht saß. Sie wurde von einem Mitbürger aus der Nachbarschaft beschuldigt, mit ihrem Autoschlüssel sein Auto verkratzt zu haben. Bei der Sachbeschädigung soll ein Schaden von 1500 Euro entstanden sein. "Die hat doch mit jedem Streit im Dorf", sagte der Geschädigte, der als Zeuge aussagte.

Die Beschuldigte wiederum erzählte, dass sie sich mit ihrem Nachbarn leider eine 25 Meter lange Grenze teilen müsse, dass manchmal Steine geflogen kämen, wenn sie sich im Garten aufhalte, oder dass sie mit unflätigen Ausdrücken bombardiert werde. In den vergangenen Jahren war es so zu Anzeigen und Gegenanzeigen gekommen - ohne Aussicht auf eine Besserung des zerrütteten Verhältnisses. Ein Täter-Opfer-Ausgleich, also die außergerichtliche Konfliktschlichtung, hat nicht funktioniert.

Die Angeklagte trägt im Ort immer die Zeitung aus. Deshalb kennt sie jeder und sie kennt jeden. Die Abneigungen gegen die 58-Jährige sollen aus verschiedenen Richtungen gekommen sein. So stellte es die Verteidigerin der Frau dar.

Auf frischer Tat ertappt?


Beim konkreten Tatvorwurf soll die Angeklagte am 19. August des vergangenen Jahres zum ersten Mal den Lack des Nachbarsautos attackiert haben. Weil der Mann sofort die Frau verdächtigte, legte er sich kurze Zeit später an einem anderen Morgen auf die Lauer. Zwei Tage später, etwa um 4.15 Uhr, als die Zustellerin ihrer Arbeit nachging, will der 52-jährige Arbeiter die Frau direkt neben seinem Wagen gesehen und ein kratzendes Geräusch gehört haben.

"Das kann gar nicht sein, der 21. August war ein Sonntag, da wird keine Zeitung ausgetragen", wies Richter Marc Betz auf ein wichtiges Detail hin. Dieser blätterte in den Unterlagen und gab zu: "Das ist in der Akte tatsächlich etwas verwirrend."

Kein Licht ins Dunkel dieser Geschichte brachten die Zeugenaussagen eines weiteren Nachbarn, der zwar etwas gehört, aber nichts beobachtet hat, sowie die Aussage eines Kitzinger Polizeibeamten, dem der Geschädigte am 19. August das verkratzte Auto gezeigt hatte. Der Beamte konnte nur mitteilen, dass Kollegen in der Nacht auf den 21. August 2011 von dem Mann gerufen wurden, weil es einen neuen Vorfall gegeben habe. Am späten Vormittag war eine Streife vor Ort in dem Dorf. Allerdings gibt es keinen Bericht desjenigen Polizeibeamten, der in den Akten vermerkt ist. "Das wurde wohl vernachlässigt", musste der Kollege vor Gericht eingestehen. Hinzu kommt eine Panne der Polizei: Die Fotos von dem Pkw, die im August aufgenommen wurden, sind nach Aussage des Beamten "im System verloren gegangen".

Ein Psychologe ist der Richter natürlich nicht, obwohl er in vielen Fällen mit großem Einfühlungsvermögen herangehen muss. Im vorliegenden Fall war ihm klar, dass die aufgebrachte Dame in ihrem Wohnort viele Anfeindungen erdulden muss, aber genauso Bosheiten an ihre Mitmenschen austeilt. Außerdem führte die Verhandlung samt Beweisaufnahme zu keinem Ergebnis. Es gab keinen wirklich greifbaren Hinweis auf das Tatdatum.
Schließlich schlug Richter Betz eine Einstellung des Verfahrens vor. Der Staatsanwalt war einverstanden. Betz erklärte der besorgten 58-Jährigen, dass die ganze "Sache strafrechtlich gesehen damit beerdigt" sei. Allerdings könne der Herr, dem das zerkratzte Auto gehört, zivilrechtlich noch Schadensersatzforderungen stellen.